Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Diane Weigmann – Kein unbeschriebenes Blatt

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von Marie Schwind

Nein, Diane Weigmann ist wirklich kein unbeschriebenes Blatt. Nach über 20 Jahren
Bühnenaktivität wagte die Enddreißigerin ein neues Abenteuer und beschloss, ihre nächste Platte komplett in Eigenregie aufzunehmen – ganz ohne Plattenfirma im Hintergrund. Sie gründete ihr eigenes Label (Rotschopf Records) und übernahm die volle Verantwortung für ihr drittes Soloalbum. „Wenn ich spiele, dann am großen Tisch – und bei diesem Album gehe ich ‚All-in‘“, erklärt die Sängerin. An ihrer Seite stand der Produzent Jens Oettrich.

Auf den ersten Blick ist dieses Album sehr bunt, das Design und die Farbgebung erwecken die Vorfreude auf verspielt-verträumte Musik. Und die bekommt man auch. Im Zentrum steht jedoch immer die unverkennbare, weiche Stimme von Diane, die Geborgenheit und Intimität verströmt. Umspielt wird diese von Gitarren oder schönen Arrangements für Streicher und Bläser, die uns in auf eine Reise in das Innenleben der Sängerin mitnehmen.

„Ich zum Beispiel bin jetzt Ende dreißig – da hat man eine Geschichte zu erzählen.“, erklärt Weigmann. Nicht nur eine, wie man meinen sollte! Trotzdem beschränkt sich die Musikerin thematisch sehr stark auf Liebe und Zwischenmenschliche Beziehungen.

Ein Beispiel für diese Orientierung ist „Seltsam still“, Titel Nummer 2 des Albums, ein Lied, das so gar nicht still ist. Liest man sich den Text durch, wird man neugierig und fragt sich, wie der beschriebene Tumult weitergehen wird: „Es herrscht Krieg in der Stadt auf den Straßen, da vorn geht irgendwer in die Luft und verbal attackierte Passanten ersticken fast im Streit und im Frust“. Was mag da wohl gerade passieren? Nun, leider erfährt man dies nie so genau, weil das Lied eine unerwartete Wendung bekommt, als die Sängerin an eine Person erinnert wird, die sie diesen Lärm um sie vergessen lässt. „Ausgerechnet jetzt, wenn ich an dich denk, wird es seltsam still“. Und –zack!- sind wir schon wieder beim Thema Liebe. Seltsam ist es zudem, dass es in diesem Lied kein einziges Mal wirklich still wird, der Rhythmus treibt voran und es steigert sich vor dem letzten Refrain noch einmal – von Stille keine Spur, erst, als das Lied verklingt, tritt sie ein, jedoch nur recht kurz, bis das nächste Lied erklingt. Schade, da man diese Pause förmlich erwartet, um sich diesem Gefühl auch wirklich hingeben zu können.

Erst beim dritten Titel von „Kein unbeschriebenes Blatt“ ist alles wirklich stimmig. Ein Text, der neugierig macht und nicht zu offensichtlich ist, ein wunderbares Arrangement, dass Diane’s schöne Stimme so einfühlsam unterstützt, damit wir eintauchen können in dieses Lied „Solange wie“. Harmonische Zweitstimmen, ein wenig Country-Feeling und zarte Streicher zu einem eingängigen Refrain, den man gerne lauter dreht und mitsummt, und der sicher wunderbar zu einer nächtlichen Autofahrt passen würde. Da ist sie, diese wohligwarme Decke, die sich um einen legt und die Zuversicht und Hoffnung schenkt. Hoffnung, dass es immer einen Ausweg gibt, wenn man auf sein Herz hört und ihm Zeit gibt.

Neben diesen verträumten Stücken gibt es auch die nachdenklichen Momente des Albums: „Weltweit“ ist ein solches Lied, dass einlädt, tief in sich hineinzuhören und sich über seine eigene Kursrichtung Gedanken zu machen. „Und wenn um uns die ganze Welt zusammenbricht ist Dir dann Deine eigene nicht wichtig? Und was vor unserer Tür passiert, betrifft es dich, wenn nichts mehr übrig bleibt?“. Dies ist emotional gesehen vielleicht der stärkste Titel, denn hier, wenn sie nachdrücklich vom Weltschmerz singt, kommt Weigmann’s Stimme mehr zur Geltung, als in den vielen weiteren ruhigeren Stücken.

In der Tat wartet man gesanglich auf den großen Ausbruch. Wenn man sich an vergangene Songs (beispielsweise von ihrer ehemaligen Band, den Lemonbabies) erinnert und weiß, was diese Frau stimmlich geben kann, sehnt man sich regelrecht danach, dies wieder einmal in aller Deutlichkeit zu hören. Doch hier auf diesem Album nimmt sie sich stark zurück und schlägt eher die leisen Töne an.

Rhythmischer wird es beispielsweise bei „Hand auf’s Herz“ – einem treibenden Popsong, der zum Mitwippen einlädt und der gute Laune verbreitet. Auch hier ist das Arrangement von Jens Oettrich (wie bei allen Stücken) sehr stimmig.
Für einen Song („Ein Zimmer in Berlin“) hat sich Weigmann, die alle Texte selbst geschrieben hat, einen Duettpartner eingeladen. Es handelt sich hierbei um Matthias Schrei alias „die Blockflöte des Todes“, der dieses Lied auch instrumental unterstützt. Dieses Duett ist rockiger und beleuchtet den Morgen nach einer gemeinsamen Nacht aus den unterschiedlichen Perspektiven von Mann und Frau. Sehr treffend sind hier die Unsicherheiten beider Personen beschrieben, die ihre Gefühle einfach nicht vor dem anderen zum Ausdruck bringen können und sich und ihrer gemeinsamen Zukunft selbst im Wege stehen: „Ich weiß nur dass ich sie mag aber nicht, wie ich’s ihr sag denn ich bin schon viel zu nüchtern und nüchtern bin ich schüchtern“.

Das letzte Lied auf der CD trägt den Namen „fast zu schön, um wahr zu sein“. Stark wird man hier an vergangene Singles von Weigmann erinnert, wie etwa „Das Beste“ und es ist fast ein wenig schade, dass diese Perle erst am Schluss zu hören ist, ist es doch so durchweg positiv und zaubert dem Hörer ein Lächeln ins Gesicht. Jetzt stimmt wieder alles, das Gefühl ist da, die Instrumentierung ist so wunderbar, dass man ihr einfach nur den „Geborgenheits-Stempel“ aufdrücken möchte. Dieses Lied trägt den Hörer, lässt ihn durchatmen und sich einfach nur freuen. Es ist wirklich fast zu schön, dass da, ganz am Ende, wirklich noch das kommt, auf das man die ganze Zeit gewartet hat und das man in Ansätzen überall auf dieser
Platte bereits verstreut zu hören bekam. Doch bei diesem Lied sind alle Puzzleteile wieder zusammengesetzt. Ein gelungener Abschluss.

Mein persönliches Fazit zu „Kein unbeschriebenes Blatt“: Es handelt sich hierbei um eine solide Platte, der man die Erfahrung aller Beteiligten anmerkt. Das Artwork ist stimmig und die Musik ist im Großen und Ganzen so, wie man es sich vorgestellt hat, wenn man die Künstlerin schon länger kennt. Die verspielten Songs wie etwa „Immer schon ein Teil von mir“ sind für meinen persönlichen Geschmack etwas zu sehr auf Jugendlich gemacht, was ein unbeschriebenes Blatt – wie sich die Sängerin ja selbst beschreibt- eigentlich nicht nötig hat. Doch dies ist eben Geschmackssache!

Die CD lädt zum Träumen und zum Nachdenken ein. Musikliebhaber, die leise Töne
bevorzugen und sie gerne als Medium nutzen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, werden sicher einige von Weigmann’s neuen Liedern lieben und schätzen, da sie viele Momente bieten, in denen man sich wiedererkennen kann. Für diejenigen, die eine größere Themenvielfalt oder einen wirklichen Ohrwurm erwarten, den man stundenlang auf „Repeat“ laufen lässt und immer unter der Dusche singt, sind andere Alben sicher mehr zu empfehlen.

www.dianeweigmann.de

Und immer dran denken: Ein erstes Ohr in neue Liedermacherwerke werfen können Sie – HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Mai 2013 von in 2013, Liedermacher, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , .
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