Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Thomas Stein – Jahresringe

Jahresringe

von Sophie Weigand

Drei Jahre hat der Tangermünder Gitarrenpoet Thomas Stein an seinem neuen Album ‚Jahresringe‘ gearbeitet. Im Falle dieses musikalisch vielfältigen und abwechslungsreichen Werkes muss man unumwunden sagen – die Arbeit hat sich gelohnt! Thomas Stein spürt auf seine leise und poetische Art dem Leben und seinen Zwischentönen nach. Wie ein Baum stetig mit zunehmendem Alter seine Jahresringe ausprägt, so hinterlassen auch unsere Erlebnisse Spuren in uns. Anders als bei den Bäumen sind diese Spuren unsichtbar und so ist es vielleicht nur folgerichtig, dass Thomas Stein, der bereits seit 1978 als Liedermacher tätig ist, sie in Musik gewandet und ihnen so ein Gesicht gegeben hat. Seit acht Jahren wird er dabei von Edgar Kraul an der zweiten Gitarre begleitet. Kraul sei seine ‚zweite linke und zweite rechte Hand‘, sagte Stein einmal.

Bereits der erste Titel ‚Selbstbildnis in Pastelltönen‘ beweist, neben aller Poesie und Ernsthaftigkeit, auch eine gehörige Portion Selbstironie. In beschwingtem und lockerem Rhythmus stellt Stein seine kleinen Unzulänglichkeiten in den Fokus, die wir alle von uns selbst kennen. Die Neigung zur Entspannung vor dem Fernseher, die äußeren Makel, die dem gängigen Schönheitsideal zuwiderlaufen, das Schnarchen bei Nacht und einen Hang zur Ungeduld. Letztlich ist und bleibt es aber auch eine Liebeserklärung an einen Menschen, der all diese kleinen Fehler zu übersehen, ja bisweilen sogar zu lieben bereit ist.

Nicht nur sind die Frauen der beiden fahrenden Gitarristen bereit, sie trotz oder gerade wegen ihrer Makel zu lieben, sie beteiligen sich auch an diesem Album. Danuta Ahrends steuert für herrlich melancholische Töne unter anderem den Text zu ‚Im November‘ bei, Helga Albert das ‚Windspöl‘ in Altmärker Platt, das von dem Duo Hoahnenfoot, bestehend aus Kerstin und Andreas Finger, wunderbar zum Leben erweckt wird. Dieser mundartliche Farbtupfer ist eine gelungene Abwechslung und fügt sich gut in die Platte ein.

Etwas humoriger geht es wieder in ‚Date mit einer Jugendliebe‘ zu, das von der missglückten Begegnung mit eben jener berichtet. Verglichen mit den anderen eher dichterisch ambitionierten Texten kommt Thomas Stein hier nahezu ungewohnt bissig daher, fragt er sich doch, ob der Zahn der Zeit an ihm wohl genauso leidenschaftlich wie an ihr genagt habe. Auch das musikalische Arrangement unterscheidet sich hier deutlich, schon durch den gekonnten Einsatz Bernhard Sasses an der Posaune.

In ‚Erziehung‘ schlägt Thomas Stein deutlich gesellschaftskritische Töne an, die sich, trotzdem sie unbestritten wahr sind, eine Spur zu plakativ ausnehmen. Von Casting-Shows und Dschungelcamps ist die Rede, von dumpfem Materialismus, von leeren Versprechungen und Stein beklagt: Ich weiß nicht, ob wir noch zu retten sind. Uns werden die Gehirne amputiert. Auch hier wieder die Posaune, eher schleppend diesmal, fast wie getroffen und verwundet, behäbig jedenfalls, wie wir vielleicht auch zu behäbig geworden sind, um uns über die Gesellschaft aufzuregen. Zum Ende empfiehlt Stein mit einem Augenzwinkern – Ich denke, man sollte uns verdreschen, vorsorglich jeden Abend vor dem Schlafengehen.

Thomas Stein jedenfalls verdient keinerlei Dresche, er hat mit ‚Jahresringe‘ ein textlich wie musikalisch vielfältiges Werk geschaffen, das besonders Freunde der poetischen Gitarrenmusik erfreuen wird. Vielleicht darf man ihn als eine gelungene Kreuzung zwischen Mey und Biermann bezeichnen, mit einer ganz eigenen, persönlichen Färbung.

www.thomas-stein.org

Und immer dran denken: Ein erstes Ohr in neue Liedermacherwerke werfen können Sie – HIER.

6 Kommentare zu “Rezension: Thomas Stein – Jahresringe

  1. Thomas Stein
    28. Mai 2013

    Ich glaube, als Orientierungshilfe sind Vergleiche gut, ich bin mit diesen „Eltern“ wirklich nicht unzufrieden… und solange ich „mit einer ganz eigenen, persönlichen Färbung“ wahrgenommen werde, stecke ich auch in keiner Schublade fest ;-)

    Liebe Grüße
    Thomas

  2. achtellorbeerblatt
    27. Mai 2013

    Ja, ich glaube das mit den Vergleichen ist eines der ältesten Streitrösser zwischen Künstlern und Journalisten. Künstler mögen es zumeist gar nicht, für Journalisten, die vor der an sich schon hanebüchenen Aufgabe stehen Musik mit Worten zu beschreiben, ist es nahezu unabdingbar. Ob jeder der Orientierungshilfe folgen mag ist eine Sache, klar. An und für sich finde ich das aber immer sehr gut. Gerade da wir eben viele Leser haben, die doch wenig Sachen kennen. Gerade für die ist so ein Namedropping oftmals wichtig.Und am Ende ist das halt auch immer subjektiv – also ich finde Mey und Biermann sind nun nicht gerade die miserabelsten Liedermacher;-)
    LG
    David/EAL

  3. roterbaerClemens
    27. Mai 2013

    Schade, das die personelle Vergleichsmacke am Schluss steht. Was, wenn man (nicht ganz so ernst gemeint) die Rezensentin als gelungene Kreuzung zwischen Rudolf Augstein und Alice Schwarzer bezeichnete? ;-)

    • literaturen
      27. Mai 2013

      Ich finde Vergleiche jetzt gar nicht so dramatisch, um für Orientierung zu sorgen. Aber ich nehme die Kritik natürlich dennoch an. ;)

  4. Denise
    27. Mai 2013

    sophie weigand…das ist echt gut geschrieben! :)

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