Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Die EAL-CD des Monats Juli/2013: Stephan Graumann – Leise Lieder in lauter Zeit

llilz_cover

von Anne Drerup

Lange gewünscht, nun endlich da:„Leise Lieder in lauter Zeit“

– die erste (und hoffentlich nicht einzige!) CD von Liedermacher Stephan Graumann

Kaum zu glauben, wie lange das Programm des Psychologen und Liedermachers schon besteht, ohne dass seine Zuhörer in den Genuss einer CD gekommen sind: Laut Booklet schreibt er seit über 30 Jahren Lieder, „an seiner Lebenslinie entlang“, wagte sich jedoch zunächst nur vor ein kleineres Publikum, das ihn drängte und ihm gut zuredete, dass seine Musik und tiefgründigen, aussagekräftigen Texte eine Veröffentlichung wert seien. Bis dato hatte es Konzerte und einzelne Lieder auf seiner Homepage zum Anhören gegeben, doch das genügte der wachsenden und verzauberten Zuhörerschaft nicht. Der Zuspruch übertrumpfte schließlich allen Zweifel und Perfektionismus, sodass sich nun viele über 13 „leise Lieder in lauter Zeit“ freuen dürfen.

Die Stücke, die in Auftritten stets in verschiedener Kombination vorgestellt werden, stammen aus verschiedenen Schaffensperioden der letzten 10 Jahre. Da sie allesamt aufmerksam für Menschen oder Gedanken im Alltag machen, wirken sie allerdings so zeitlos, dass eine Datierung oder Festlegung einer Reihenfolge unnötig scheint. Der eigene, berührende, aber nicht aufdringliche Stil des Liedermachers besticht durch eine gefühlvolle, angenehme Stimme und der dazu passenden reinen Gitarrenbegleitung. Eingefleischten Liedermacherfans wird die CD unbedingt zusagen, besonders auch durch die ansprechenden Texte.

Eröffnet werden die „leisen Lieder“ mit einem Aufruf zu einer mehrdimen-sionalen Blick auf die Dinge: „Zwei Seiten“ lautet der Titel, der Ambivalenzen aufzeigt, aber am Ende auch zum Schmunzeln einlädt. Viele Texte haben sehr persönlichen Inhalt, sprechen aber auch die Zuhörer an, die ermutigt werden, ihren Weg zu finden und zu gehen. Hier schlägt der Beruf des Psychologen des öfteren durch, zum Beispiel in „Schritt für Schritt“, das ermutigt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und hinter seiner Persönlichkeit zu stehen. Noch deutlicher wird dies in der wiederkehrenden Zeile „Du kannst dir nicht selbst entflieh’n“ aus dem Stück „Ob Äquator, Nordpol, Südpol, Mond“. Wer Stephan Graumann persönlich kennt, wird bestätigen können, dass seine Texte keine leeren Worte sind. In einem Workshop beim Liedertreffen des Liedermacher-Forums 2012 ermutigte er beispielsweise andere Sänger und Hobbyliedermacher für eigene Auftritte, wohlwissend, was Zuspruch bewegt.

Bei leisen Liedern darf das Thema „Liebe“ natürlich nicht fehlen: Während „Jeder Mensch braucht eine Liebe“ den hohen Stellenwert aufzeigt, geht „Wenn du der Liebe sagst“ noch stärker zu Herzen, weil deutlich wird, dass man der Liebe nicht entrinnen kann.

Gesellschafts- oder sozialkritische Themen stehen bei der Liedauswahl weniger im Vordergrund, doch bei „In China fällt ein Sack Reis um“, kommen auch Freunde der politisch-kritischen Liedermacherszene auf ihre Kosten: Das Stück rüttelt auf und stellt auf humorvolle Weise dar, wie unbedeutend im Vergleich zu anderen Lebenslagen unsere alltäglichen Sorgen sind, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Eines der beliebtesten Stücke ist sicherlich „Tränen an der Ampel“, das Stephan Graumann dem morgendlichen Berufsverkehr verdankt. In dieser rührenden Ballade schenkt der beobachtende Autofahrer einer weinenden Fremden Aufmerksamkeit, erkennt zum Schluss aber die Fehlinterpretation der Situation.

Sicherlich, man sollte, um die CD zu mögen, leise Töne schätzen und sich den Themen öffnen. Dann laden die Lieder dazu ein, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken, eigene Kreativität zu entfalten, sich auf das Wichtige im Leben zu besinnen.

Es handelt sich also um Musik, die aus der Seele des Sängers in die Seelen der Zuhörer spricht. Bleibt zu hoffen, dass weitere Lieder von Stephan Graumann auf CD folgen.

www.stephangraumann.de

7 Kommentare zu “Die EAL-CD des Monats Juli/2013: Stephan Graumann – Leise Lieder in lauter Zeit

  1. buchpost
    27. Oktober 2013

    Was für eine schöne Entdeckung. Vielen Dank.

  2. Denise
    12. Juni 2013

    beim ersten hören fand ichs nur nett. jetzt hab ich das aktuelle herbstgewitter u.a. wegen diesem lied schon fünf mal oder so angehört. so ruhig, so schön, so weg vom alltag. danke!

  3. konrad bönig
    1. Juni 2013

    Stephan Graumann – für mich eine echte Entdeckung, dank Anne Drerup und dem Lorbeerblatt! Danke!

    • konrad bönig
      1. Juni 2013

      Und noch etwas, liebe Leute: Müssen wir hier diskutieren, wer das „perfektere“ Chanson geschrieben hat, Mey oder Graumann? Ist es nicht wunderbar, dass es beide und noch mehr meisterliche Poeten und Barden, Propheten, Clowns, Benenner und Berührer, leise und lautere gibt und dass sie alle für uns singen?!
      Ich bin glücklich über diese bunte Vielfalt!

  4. roterbaer
    30. Mai 2013

    Danke, liebe Anne, das hast Du fein gemacht.
    Und so hat es Stephan auch verdient. Da mag es vielleicht David jetzt ein bisschen so gehen, wie mir kürzlich mit seiner „Mey-Euphorie“ – und Du weißt, wie glühend ich den Meyster verehre. Aber Stephan ist nicht nur ein außergewöhnlich guter Sänger und Gitarrist, sondern dazu ein Berührer. Wer ihm ernsthaft zuhören mag und sich öffenn kann, der muss damit rechnen ergriffen zu werden.
    Als „Reingucker“ für jene, die Stephan noch gar nicht kennen, Titel 11 & 12 der CD als „Youtube-Film“ aufgenommen beim Liedertreffen 2010:

  5. Crowly
    30. Mai 2013

    Toll, dass es jetzt diese CD von Stephan Graumann gibt. Danke an Anne für diese wundervolle Rezension. Stephan hat sich mit seinem Album den Platz auf dem Lorbeerblatt mehr als verdient!

    David Wonschewski mag der Meinung sein, dass Reinhard Mey mit dem Lied „Dann mach’s gut“ das „perfekte Chanson“ gelungen ist. Ich empfinde dieses Stück als sehr emotional anrührende Kurzgeschichte, die – weil RM nun mal singt und nicht liest – in eine Melodie gepresst werden musste. So überschlagen sich gelegentlich die Worte, um nicht den Anschluss an die davoneilende Musik zu verlieren.

    Anders bei Stephan. Man spürt beim Hören förmlich, wie er um jede Note und jede Silbe gerungen hat, um eine unlösbare, harmonische Verbundenheit von Melodie, Text und Gitarrenbegleitung zu erschaffen. Während sicherlich auch viele andere rechtschaffen darum ringen – ihm ist es gelungen.

    Mein perfektes Chanson habe ich auf dieser CD gefunden!

    • Silke
      30. Mai 2013

      Schön, dass du dein perfektes Chanson auf der CD von Graumann gefunden hast. Geschmäcker sind ja bekanntlich und glücklicherweise verschieden… Deine Kritik an „dann mach`s gut“ kann ich aber nicht nachvollziehen. Weder überschlägt sich da irgendetwas, noch eilt die Musik davon!? – Welches Lied hast du gehört???

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