Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension – Raphael Gottlieb & Band – (Bruch)Budenzauber

bruchbudenzauber

Eine Live-CD, die sich bei intensiverem Hören als thematische Fundgrube erweist

von Anne Drerup

Zugegeben, beim ersten Reinhören in die Live-CD „(Bruch)Budenzauber“ des Liedermachers und Gitarrenlehrers Raphael Gottlieb und seiner Band, mag man erst einmal nichts Besonderes bemerken, weder positiv noch negativ. Doch das wird wohl zum einen daran liegen, dass ein Liveauftritt von Anfang an eine andere Atmosphäre schafft, und zum anderen, dass der gleichnamige Opener des Programms weder fetzig noch textlich besonders umwerfend wirkt. Bei intensiverem Hinhören hat die CD aber einige richtig gute Songs zu bieten, und die weitere Entwicklung des Liedermachers aus dem Freiburger Raum, der seit 2004 Lieder schreibt und seit 2011 hauptberuflich Musiker ist, sollte nicht unterschätzt werden.

Durch breitgefächerte Themen seiner Lieder, den eigenen Stil, den er selbst als einen Mix aus Blues, Country und Liedermacher beschreibt, und die gute Zusammenarbeit mit seiner Band sowie allen am Programm Beteiligten (alle werden im Booklet wertschätzend erwähnt und konntenEinfluss auf die Lieder ausüben) entsteht nämlich eine Art Fundgrube, aus der sich jeder Hörer seine Favoriten auswählen kann:

Da wäre zum Beispiel „Egal“, eine witzige und geistreiche Abhandlung über große und großartige Vorhaben, die aber aus fadenscheinigen Gründen nicht in die Tat umgesetzt werden – dies zieht sich zu guter letzt sogar in den privaten Bereich hinein (tja, so schnell hat sich dann auch ein Heiratsantrag erledigt!).

Wer Wertekritik mittels Ironie schätzt, wird „Was ist nur los mit meinem Kind?“ als stärksten Song empfinden. Hier beschweren sich Eltern dramatisch über ihr „unnormales“ Kind: Es liest statt vor dem Computer zu hängen – welch ein Schock! -, ist nicht oberflächlich oder denkt komerziell, sondern entwickelt eine eigene Persönlichkeit. Diese wird ihm im Höhepunkt aber schnell abtrainiert, denn der Besuch beim Therapeuten macht aus ihm einen Mainstream-Konsumenten, den die Eltern schlussendlich lieben und annehmen können.

In anderen Liedern, wie „Gefühl“ tritt Gesellschaftskritik ein wenig in den Hintergrund, findet aber immer wieder Anspielung, wie in der Strophe über das weichspülende Fernsehprogramm.

An persönliche Erfahrungen im Privatleben anknüpfende Lieder gibt es ebenfalls in „(Bruch)Budenzauber“: In „Papa“ will das eigene Kind partout nicht einschlafen, und was harmlos und ruhig beginnt, entwickelt sich zunehmend zur nervlichen Zerreißprobe, über die dann der Vater statt dem Kind einnickt.

Für besonders viel Applaus auf der CD sorgt „Mein Körper“ – ein Lied über das Älterwerden und was der Körper an Beschwerden aufzuwarten hat – und diese auch äußert (Die Nase kann einen nicht mehr riechen, der Magen verträgt nicht mehr so viel wie früher, und, und, und). Die Ballade „Manchmal“ ist hingegen etwas undurchsichtig und schwer zu verstehen: Ein Mann vermisst jemanden (seine Frau?), es wird von seiner Wahrnehmung der Welt, seinen Gedanken und Träumen gesprochen, in der letzten Strophe könnte man vermuten, dass die vermisste Person sogar nicht mehr am Leben ist. „Der alte Baum“ ist dann wieder eindeutig eine persönliche Rückschau. Hier schlägt ein wenig die sprachliche Herkunft des Sängers durch, denn es hört sich so an, als ob der Baum sein Leben bekleidete (und nicht begleitete).

Es wird deutlich, dass solche Texte am originellsten und stärksten wirken, bei denen man keinen oder weniger Vergleich zu anderen Liedermachern/Kabarettisten hat: „Hypothetisch“ erinnert durch die plumpen Annäherungsversuche des Mannes an Bodo Wartkes „Logik“, käme aber textlich nicht auf die gleiche Ebene. „Zwei Minuten“ hingegen, welches die Relevanz einer objektiv kurzen Zeitspanne in ganz unterschiedlichen Lebenslagen beschreibt, zeigt textlich weitaus größeres Potential.

Man braucht eine gewisse Geduld und Offenheit – zuweilen gibt es längere, für manch einen zu lange Instrumental-Passagen – um die Live-CD „(Bruch)budenzauber“ zu schätzen und damit auch in ihrer Vielseitigkeit richtig einzuschätzen. Lässt man sich darauf ein, hat man womöglich einen weiteren Liedermacher entdeckt, von dem man gerne einmal ein Live-Konzert besuchen möchte.

www.raphael-gottlieb.de

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