Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Andreas Albrecht – TAGEBUCHt

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von Simon-Dominik Otte

Bereits beim ersten Song von „TAGEBUCHt“ von Andreas Albrecht bekommt man den Eindruck, dass hier jemand in die Fußstapfen von Oswald Henke treten möchte. Denn sowohl textlich als auch musikalisch erinnert das, was man hört, stark an den ehemaligen Frontmann von Goethes Erben. Natürlich ist das nicht so düster wie die Vorreiter des Neuen Deutschen Todeskults, dennoch lässt einen die hypnotische Art, Geschichten zu erzählen, direkt an sie und vor allen Dingen die Solopfade des Herrn Henke denken.

Entstanden ist dieses Album in einem sehr detailliert im Booklet beschriebenen, eigentlich auf drei Tage angelegten Prozess, der sich von schlechter Laune in pure Begeisterung wandelte. Angefangen bei den Texten, die sehr improvisiert (im positiven Sinne) wirken und längst nicht mehr die Tragik und Dramatik der eigentlichen Ausgangszeilen tragen dürften.

„Sie kamen grad aus einer Stadt / in der es sonntags keine Menschen hat / wir nahmen uns die Beichte ab / man will ja unbeschwert ins Grab“ singt Andreas Albrecht in „Was soll passieren“. Und beschreibt in diesem Lied das Leben zwischen Spießigkeit und Gastfreundschaft. Denkt man. Stattdessen rutscht das Lied langsam in die versteckten Untiefen der menschlichen Natur hinab, ohne dabei die Stimmung zu verändern, dennoch läuft ein Schauer über den Rücken.

Musikalisch spielt sich das Album von Tragik zu Komödie, von dezenter Begleitung zur vollstimmigen Party. Ob Mandoline, ob Saxofon, fast schon industrielle Hintergrundgeräusche, jeder Song birgt Überraschungen, wie etwa die Kirmesstimmung in „Morgentau“. Dominant bleibt jedoch das prägnante, abwechslungsreich gespielte Klavier, das sich nicht in den Vordergrund drängt und trotzdem in eben diesem steht, da es als die besondere Stimme fungiert, die durch ihre Senfbeigabe den Songs auf „TAGEBUCHt“ ihre Würze verleiht.

Andreas Albrecht schafft es, Erfahrungen, Irrungen und Wirrungen, aber auch das schlichte Alltagsleben in bezeichnende Wort zu fassen (wie etwa im an die Noise-Kultur gemahnenden „Was zum Festhalten“), in denen man sich schnell zu Hause fühlt, selbst wenn sie einmal ins Kryptische rutschen, aber eben das öffnet den Geist für die eigenen Gedanken.

Beim Titelsong „TAGEBUCHt“ ergreift den Hörer die Hypnose eines neueren Einstürzende Neubauten-Songs, durch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug sowie den stakkatoartigen Gesang unterstützt. „Manche Krankheit geht selbst durch Wände“ und ähnliche Sätze offenbaren die tief liegenden Gedanken, die die Menschen und somit eben auch Andreas Albrecht beschäftigen.

Was aber bleibt bei all der Düsternis? Immer auch der Funken Hoffnung, das sich im Fensterglas brechende Licht des neuen Tages, die Freude auf die kommende Zeit. Denn das ist, was aus den Songs und hier insbesondere aus „Schön“, dem bezeichnenderweise letzten Song des Albums, spricht. „Ich kann’s sehen / jeder kann’s sehen / überall / das ist, was ist“. Das kann man so stehen lassen.

„TAGEBUCHt“ ist sicherlich kein ‚echtes’ Liedermacheralbum. Es lebt von Klängen im Zusammenspiel mit Texten, aber auch von einer düsteren Note und elektronischen Spielereien. Aber das, was Andreas Albrecht mit seinem Werk anbietet, ist allemal wert, Gehör zu finden, da stets interessant, neu, ungewöhnlich und dennoch nah am Leben eines jeden Menschen.

„Schneid dir Lücken, schaff dir Räume / leb deine Wünsche, deine Träume“.

www.andreasalbrecht.com

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