Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Die Waldeck – der Dokumentarfilm

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von Sophie Weigand

„Die Waldeck“ ist ein feststehender Begriff in der Liedermacher – und Kleinkunstszene. Vielleicht so was wie „die Garbo“ in Hollywood oder „die Nutella“ auf dem Frühstückstisch. Jeder weiß, was gemeint ist, es ist zur Institution geworden. Umgeben von Wald und Wiese liegt die alte Burgruine nahe des Baybachtals inmitten unberührter, rheinland-pfälzischer Natur.

Bekannt wurde sie in den 60ern, mit dem Chanson Folklore International. Gewissermaßen dem Woodstock of Liedermaching mit internationalen Gästen, Colin Wilkie & Shirley Hart oder John Pearse, aber auch vielen deutschen Interpreten die teils dort, auf den ersten deutschen Open Air Festivals Deutschlands, große Bekanntheit erlangten. Hannes Wader, Dieter Süverkrüp und Franz-Josef Degenhardt. Man war bestrebt, dem herrschenden Kulturbetrieb, dem spießigen und staubigen Flair der Nachkriegszeit, diesem typischen Kitsch des Schlagers etwas entgegenzusetzen, der mit Liedern wie „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ durch deutsche Hitparaden wehte.

Gabi Heleen Bollinger war schon zu damaliger Zeit fasziniert von diesem Treiben dort im Hunsrück, doch noch zu jung, um mit ihrer Gitarre daran teilzunehmen. Überdies weilte sie zum damaligen Zeitpunkt außerhalb Deutschlands. 1975 gründete sie die Gruppe ‚Espe‘, die mit jiddischer Musik in Israel und Europa unterwegs war. Nun kehrt sie zurück auf die Waldeck, versucht, dem nachzuspüren, was vom damaligen Mythos, von der Kraft dieser Jugendbewegung noch übrig geblieben ist. Lange war es still auf der Waldeck, fast verlassen, doch langsam kehrt die Jugend zurück. Mit neuen Ideen, neuer Kraft und Vitalität, mit neuer Musik. Bands wie die Folk – und Liedermacherformation „Schlagsaite“ aus Köln oder Johanna Zeul, Tochter des Liedermachers Thomas Felder, bevölkern wieder die Bühnen und Wiesen.

Gabi Heleen Bollinger spricht mit vielen Beteiligten, solchen, die schon damals dabei waren und entscheidenden Anteil an der Entstehung des Waldeck-Mythos hatten, aber auch mit solchen, die sie erst jetzt, 50 Jahre später, für sich entdeckt haben. Sie alle eint die gemeinsame Sache und die gemeinsamen Überzeugungen. So besteht auch heute noch die ABW – die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck -, die sich um Verwaltung und Instandhaltung kümmert. Jährlich findet der Peter-Rohland-Singewettstreit statt, der jungen Musikern eine Bühne bietet. Die Waldeck erwacht aus ihrem Schlaf, das stellt Gabi Heleen Bollinger hier deutlich klar.

Auch einen Blick in die Vergangenheit der Waldeck wirft sie, in die Anfänge der Jugendbewegung rund um die Bünde wie die des Nerother Wandervogels. Bündisch organisierte Jugendgruppen waren es, die damals, in den 20er und 30er Jahren durch ganz Europa fuhren, um Liedgut zusammenzutragen. Ein romantisches Leben, rund um Lagerfeuer und Liederbuch. Die Geschwister Oelbermann waren es auch, die die Burg Waldeck 1920 zum Standort der „Rheinischen Jugendburg“ erkoren. So nahm alles seinen Anfang. Den Nerother Wandervogel gibt es noch heute, aber aufgrund einiger Zerwürfnisse in der Vergangenheit wurde es Bollinger nicht gestattet, auf der Burg selbst zu drehen und mit ihnen zu sprechen.

Aber um eine rundum gelungene und informative Dokumentation zu drehen, war das auch gar nicht notwendig. Gabi Heleen Bollinger gibt einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Burg Waldeck, in die Jugendbewegung und das, was heute daraus neu entsteht. Für alle, die sich mit diesem Teil deutscher Liedermachergeschichte auseinandersetzen wollen, ist dieser zweistündige Film unbedingt zu empfehlen. Und denen, die dabei waren, erst recht.

Die DVD ist erhältlich bei Gabi Heleen Bollinger: info@die-waldeck-der-film.de

www.die-waldeck-der-film.de

2 Kommentare zu “Rezension: Die Waldeck – der Dokumentarfilm

  1. Marie
    10. Juni 2013

    Hat dies auf Querbeet-Blog rebloggt und kommentierte:
    für mich zum direkten Zugriff, wenn ich nochmal lesen will

  2. Marie
    10. Juni 2013

    ja, die Waldeck, Ursprung vieler Liedermacher und Literaten, wunderbar.
    eine tolle Rezension und danke für den Link

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