Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Schweiz: Manuel Stahlberger – Innerorts

Melancholischer Satiriker mit kühlem Sound und Salzburger Stier im Gepäck

ManuelGnos

Foto:ManuelGnos@MühleHunziken2011

von Markus Heiniger

Auf dem „Lorbeerblatt“ über Manuel Stahlberger zu sprechen, ohne seine in St.Galler-Dialekt gesungenen Texte zu verstehen, ist, um hier gerade zu Beginn einen Vergleich zu wagen, wie über die Chaostheorie zu diskutieren, ohne je mit Schmetterlingen in Kontakt gekommen zu sein. Ich erlaube es mir hier (unten) deshalb kurzerhand, zwei seiner Songs zu Deutscher Prosa zu machen, so, wie es „Stiller Has“ in seinem Booklet ja auch tut. Das ist zwar ein wenig, um bei gewagten Vergleichen zu bleiben, als presse man eine Skulptur auf ein Blatt Papier. Aber ein mit Sorgfalt flachgepresster Rodin unterscheidet sich ja allemal noch ganz gut von der Silhouette eines Giacometti und diese sich wiederum vom Schattenriss einer Mickey Mouse und so weiter. – Wobei uns bei Stahlberger vielleicht eher der Maler Francis Bacon in den Sinn kommt als Giacometti. Oder auch René Magritte und andere Sourrealisten.

Warum Francis Bacon? Stahlberger scheut sich in seinen Songs nicht, zuweilen von schönsten Klangfarben untermalt, ganz tief im Dreck zu wühlen, wenn ein Lied es erfordert. Und Lieder, die nichts unter den Teppich kehren wollen, erfordern es eben zuweilen. In „Wurmfueter“ (Wurmfutter) etwa, macht sich eine Frau beim Verspeisen einer Crèmschnitte in einem Bergrestaurant Gedanken darüber, welche unserer Körperteile den Würmern dereinst wohl am besten schmecken dürften. Sie meint, es wären die Augen, denn diese seien weich und süss. Und im Lied „Dräckigi Spaghetti“ (Schmutzige Spaghetti), die auch mit Reibkäse nicht mehr zu retten sind, lebt im Brot auf dem Tisch ein Insekt oder auch mehrere, weshalb der Laib sich plötzlich zu bewegen beginnt, bevor er sich auf und davon macht, „wahrscheinlich um sich zu beschweren“. Das Paar am Tisch gräbt sich am Ende des Liedes einen Tunnel durch den ganzen Dreck in der Wohnung hindurch und reicht sich in seiner Mitte die Hände.

Und somit wären wir bei den Sourrealisten angelangt. Im Lied „Wartzimmer“ etwa, das sich zum Garten verwandelt, zur erfrischenden Sommerwiese inmitten einer Welt, die sich da draussen vor dem Fenster in der Hitze des Sommers allmählich zu verflüssigen beginnt, und in der sich die Kinder in ihrem Speiseeis wälzen für ein bisschen Kalt, im Wartzimmer, das sich zu einer Sommerwiese verwandelt also, in die plötzlich eine Frau eintritt, die ein Apfelbaum ist, den man umarmen möchte und der gleich selber in einen seiner Äpfel beisst; aber es ist ja eine Frau und sie beisst sich die Hand ab. „Und draussen spielen die Kinder Wand ab“. – Stahlbergers im wahrsten Sinne des Wortes verrückte Bilder haben etwas Wohltuendes, denn sie rücken die Verrücktheit der Normalität unseres Alltags so schön ins rechte Licht.

Der Elektrosound ist hingegen etwas gewöhnungsbedürftig und erinnert zuweilen an die 1980er, als alles ganz begeistert mit den neuartigen Klängen experimentierte. Doch unter dem Aspekt der Möglichkeit seine subtilen Texte mit zuweilen durchaus recht hartem technischem Klangmaterial zu unterwandern, tut Stahlberger musikalisch womöglich genau das Richtige. Und als Komponist seiner Songs versteht er sein Handwerk sowieso ausgezeichnet.

„Innerorts“ heisst Stahlbergers neue CD. Darauf erklärt er uns nicht zuletzt akribisch die Wege im „Neumarkt“ zu dessen zwei Ausgängen „bim Poschte“ (beim Posten, also Einkaufen), „zum vorderen nach Norden und zum hinteren nach Osten“, die beide zu Bushaltestellen führen, an denen derselbe Bus hält, jedoch nicht zur selben Zeit, und so erklärt er uns weiter, welchen Weg entlang der Ladenregale zum Erreichen welcher Kasse man zum Erreichen welchen Busses man am besten einschlägt. Ja, da ist er schon wieder, der ganz alltägliche Wahnsinn. Hilfe! möchte man rufen, geht’s noch komplizierter, noch verknorzter? Stahlbergers Ernsthaftigkeit, in der er uns dies alles vorträgt, ist latent kauzig und, hat man einmal Tritt gefasst, subtilste Komik. Und es fallen einem unweigerlich Metzler und Brauchle ein, die beiden Kultfiguren des ebenfalls Ostschweizer Dialekt sprechenden Kabarettisten Joachim Rittmeyer, der mit Stahlberger mindestens zwei Dinge gemeinsam hat. Er ist Träger des Salzburger Stiers und gleichzeitig eines der am besten gehüteten Schweizer Kleinkunst-Geheimnisse vor dem Rest der Welt.

Ausserdem singt  Manuel Stahlberger auf „Innerorts“ ein Hoch auf „ d Begegnigszone“ (die Begegnungszonen) in den neuen Wohnsiedlungen, wo alle sich in Harmonie und Frieden begegnen, wo der Banker und der Punk auf der Parkbank zusammen „Vier gewinnt“ spielen („und der Banker gewinnt, aber es könnte auch umgekehrt sein“), wo die Polizisten den Sich-Begegnenden beim Kaffeekochen helfen, wo die Menschen beflissen ihre Blockflöten auspacken und wo sich die Hunde gleich selber entschuldigen, wenn sie zu laut gebellt haben, mit einem versöhnlichen „Entschuldigung“, aber man sieht es ihnen nach, denn sie sind ja noch jung. Und wenn Stahlberger dem ganzen Wohlfühlstress zuletzt nicht einmal mehr beim „Schneeschuhlaufen“ entrinnen kann, weil dabei ja schon ganze Belegschaften von Firmen eine im Grunde nicht vorhandene Harmonie zelebrieren, setzt er sich eben in die „Sauna“. Aber da gerät er vom Regen in die Traufe, wie man unten hören kann.

Man weiss bei Manuel Stahlberger nie so recht, soll man lachen oder weinen, denn Stahlberger macht melancholische Satire und sprachliche Karikaturen, die einerseits zwar selten am Zwerchfell vorbeigehen, andererseits aber mindestens ebenso oft unter die Haut.

Manuel Stahlberger erblickte das Licht der Welt 1974 in St. Gallen, in der Ostschweiz. Er ist Kabarettist, Liedermacher und Comiczeichner. 2002 erhielt er zusammen mit seinem damaligen Bühnenpartner Moritz Wittensöldner den Prix Walo für die Sparte Kleinkunst/Comedy, 2009 wurde Manuel Stahlberger mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Wer ihn auf YouTube googelt, stellt fest, dass er auch klasse Videos macht, etwa jenes zum Song „Klimaerwärmig“ (Klimaerwärmung), in dem ganz alltägliche Situationen gefilmt sind, in denen die Protagonisten wie beiläufig Schwimmwesten tragen. Furore machte er auch als „Stahlbergerheuss“, etwa  am Humorfestival in Arosa, inmitten Stefan Heuss‘ wahnwitziger Klanginstallationen mit Tennisbällen, die auf rhythmischen Knopfdruck hin eine Tennisball-Wurfmaschine in Richtung Trommelfells einer Pauke verliessen. Stefan Heuss ist ja auch schon Kult in der Schweiz, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Wurmfueter (Wurmfutter)

Alte Handys nicht ins Klo werfen, das sei heutzutage nicht mehr selbstverständlich, das stehe auf der Packungsbeilage, sagt Edi und legt die Zeitung zur Seite und Hedi sagt nichts und isst eine Crèmschnitte und Edi einen grünen Salat, es hat noch andere Leute da oben auf dem Grat: Wanderer mit Stöcken und Japaner mit Steinböcken als Tassen, einige sind am Jassen und ein Kind rennt durch den Raum und jemand sagt, komm, bestimmt die Mutter. Da sagt Hedi auf einmal, wir sind Wurmfutter. Edi nimmt einen Schluck von seinem Bier, im Hintergrund klingt es nach Geschirr und einmal nach Scherben, da sagt Edi, sie kommen durch die Erde und dann kommen sie durch das Holz und dann kommen sie durch den Stoff, ehe man richtig schaut und dann kommen sie durch die Haut und dann sind sie da, wir sind Wurmfutter, und Edi sagt ja. Und auf dem Monitor an der Wand sagt die Wetterprognose, Nebelsauce vorderhand, bis zum Wochenende und Edi isst den Tomatenschnitz, der zuvor noch ein wenig gefroren war, er kaut und Hedi schaut ihm zu und sagt, was essen sie wohl zuerst, bestimmt die Augen, diese Ärsche, ja die Augen sind weich und süss und zum Schluss essen sie die Füsse. Es hat Wanderer mit Stöcken und Japaner mit Steinböcken als Tassen und Edi und Hedi gehen auf die Terrasse an die Sonne, der Nebel ist weit, weit unten, und eine Seilbahnkabine fährt zu Tale und taucht hinein.

Sauna

Wir sitzen in der Sauna und wir schauen uns nicht an, eine fremde Frau und ich und ein fremder Mann, ich schaue, wie die Sanduhr und wie der Schweiss runterrinnt, da sagt der Mann, er habe Finnische Freunde und die Finnen machten in der Sauna im Fall nicht so ein Büro auf wie wir, zum Beispiel manche machten Aufgüsse mit Bier und ob er gerade auch noch einen Aufguss machen solle, natürlich einer mit ätherischem Öl. Und er giesst und er sagt, haben Sie gewusst, wir sagen nein, die Finnen legen in der Sauna Würste auf die heissen Steine, weil dies, obwohl man es vielleicht denken könnte, ja nicht stinke und er hätte jetzt auch gerade Lust und er gehe wieder nach Helsinki im August. Sie sei froh, dass er nicht grilliere und sie geniesse eigentlich die Stille in der Sauna, sagt die Frau dann ist für eine Weile Ruh und wir hören uns beim Atmen zu.

Ich habe einen Schweiss-See  in der Kuhle meines Bauchnabels und die ist irgendwann bald voll und ich möchte irgendetwas denken, aber mir kommt nichts in den Sinn und ich höre so halb, dass sich die Finnen in der Sauna schlügen mit Zweigen von Birken, denn das würde was bewirken, wegen dem Kreislauf oder so. Und trotzdem sei es nicht selten, dass ein Finne beim Saunieren, finden Sie nicht auch, ein lustiges Verb, dass also einer beim Saunieren sterbe, zum Glück noch keiner seiner Freunde, ich versuche mich mit der Frau zu verbünden mit Blicken, aber ich weiss nicht recht wohin und sie schaut sowieso vorbei, also schau ich auf meine Füsse; unter dem Zehennagel habe ich etwas Grünes, ich glaube vom Fussballspielen und die Sanduhr des Mannes zeigt an: Noch immer acht Minuten.

www.stahlberger.ch

Ein Kommentar zu “Schweiz: Manuel Stahlberger – Innerorts

  1. thetruthsofar
    13. Juni 2013

    Reblogged this on The Truth: so far and commented:
    Klingt extrem spannend, finde ich.

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