Ein Achtel Lorbeerblatt

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Rezension: Cäthe: Verschollenes Tier

verschollenes Tier

von Oliver Hoffmann

Zuerst eine Exkursion in die Vergangenheit: 2011 machte Cäthe mit ihrem Debütalbum „Ich muss gar nichts“ klar, dass da ab sofort aus Hamburg eine klare, eigenständige Stimme erklingt, die deutsche Texte aus Frauenmund fernab jeder Klischees singt. Es nahm Herzen und Hirne ihrer Zuhörer im Sturm. Leicht schrullig, bestimmt nicht massenkompatibel, aber mit hohem Unterhaltungswert, an der Front eine der besten Rockvokalistinnen, die Deutschland zu bieten hat. Da können sich all die Silbermonde und Julis – nein, keine Scheibe abschneiden, denn sie spielen nicht mal im selben Stadion. Und alldem merkte man an, dass es nicht aus Kalkül geschah.

Nun erscheint am 14. Juni der eigentliche Prüfstein für einen „neuen“ Künstler: Das verflixte zweite Album.

Um es vorwegzunehmen: „Verschollenes Tier“ ist noch besser. Den Einstieg bildet „Hoch oben nah dem Sturm“, ein Track, der schon mal vorgibt, was die Platte bestimmt: perkussive Rhythmik, Drums, mal verhallt und geloopt, mal knallig, aber immer prägnant. Cäthe und ihre Musiker sind Rhythmus-Tiere. Weiter geht‘s mit „Geister“, einem Song, der ein Aufruf zur zwischenmenschlichen Solidarität ist und – auch wenn das ein großes Wort ist – einer der authentischsten Songs, die ich in letzter Zeit gehört habe. „Ich verjag‘ alle traurigen Geister/Oh du siehst schwimmende Sterne“: Manchmal ist es genau so einfach. Bemerkenswert auch der Titeltrack: Da geht es vordergründig um Kindheitserinnerungen, aber eben auch um das Tier, das Instinktive, das sich im Alltag in seinen Bau tief in uns verbirgt, das die Hamburgerin beim Musikmachen aber herauslockt, herauslässt, das freien Lauf bekommt – und wenn Cäthe gurrt, schreit, säuselt, singt, den Dreck und den Rotz ebenso in ihrem Gesang transportiert wie das ganz große Gefühl, dann bekommt das verschollene Tier eine ganz eigene Stimme. „Für Minuten ein verschollenes Tier/ich gehöre mir.“

Gekrönt wird „Verschollenes Tier“ von einer Schlussnummer, die entspannt in den Olymp der schönsten Pop-Liebeslieder stürmt: „Mein Herz mit dir bin ich frei“. Liebesgeständnisse in Cäthe-Speak klingen so: „Hey du verdammter Freak/Weißt du eigentlich dass da nichts zwischen uns steht“. Das ist sperrig und fernab alles Schnulzigen – und gut.

„Verschollenes Tier“ ist durchweg außergewöhnlich. Cäthe macht alles selbst, auch das Artwork in Booklet und CD-Hülle, quasi ein Scribble-Tagebuch der beiden Jahre, über die sie in ihren Texten reflektiert. Die Dynamik von „Ich muss gar nichts“ ist geblieben, genau wie die Echtheit. Nebenher ist „Tier“ auch noch ein Lehrstück für viele leichtgewichtigere KollegInnen: Wenn schon die eigene Beziehungsarbeit in Songs gießen, dann bitte wie in „Tabula Rasa“ und nicht mit abgedroschenen Traum/Baum/Schaum-Reimen. „Manchmal begegnet man einem Menschen, spürt eine starke Anziehungskraft und muss sich trotzdem irgendwann eingestehen, dass man an unterschiedlichen Punkten im Leben steht. Man schenkt einander Mut und Hoffnung – aber dann reichen sie nur aus, um den anderen so zu sehen, wie er sich selbst nicht sieht“, sagt Käthe selbst dazu. Fernab von Phrasen erzählt sie die Geschichte dazu, und man weiß sofort, wovon das Lied redet. Überhaupt, die Lyrics. Das ist nichts für Einmalhinhörer, und wer meint, Liedermaching ginge maximal mit sechssaitiger Akustikklampfe, der wird hier schlecht bedient. Aber hätten wir mehr TexterInnen wie diese Hamburgerin, man müsste nicht bang sein um die Attraktivität deutschsprachigen Liedgutes.

„Alles wird gut, hey warte auf mich/warte auf dein Alien“, sagt Cäthe in „Alien“. Hoffentlich lässt sie uns auf die nächste Platte nicht zu lange warten.

www.cäthe.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. Juni 2013 von in 2013, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
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