Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Alte Meisterwerke: Wolf Biermann – Eins in die Fresse, mein Herzblatt (1980)

Fresse_WB

von Oliver Hoffmann

Von  Beginn an herrscht eine eigenartige, gespannte Stille auf „Eins in die Fresse, mein Herzblatt“, einem ursprünglich als Live-Doppel-LP mit ausführlichem Booklet erschienenem Konzertmitschnitt des aus der DDR ausgebürgerten Liedermachers im Audimax der FU Berlin vom 25. Mai 1980.

Im Oktober steht eine Bundestagswahl an, die zu beeinflussen er sich auf Deutschlandtournee gemacht hat. Hautnaher kann man den 1936 geborenen Biermann sicher kaum erleben. Spannender ist allenfalls noch das „Kölner Konzert“. Der Titel der Tournee lautete „Es grünt so grün“, und entsprechend dreht sich vieles um diese anstehende Wahl, das Kanzlerkandidatenpaar Schmidt und Strauß und das damals im Parteienspektrum noch neue Phänomen der Grünen. So spottet er in der Anmoderation zu seiner berühmten Ermutigung, er habe ja, als er das Lied in der DDR schrieb, nicht ahnen können, dass es sich (wohl wegen der Zeilen „Das Grün bricht aus den Zweigen/Wir wollen es allen zeigen/Dann wissen sie Bescheid“) mal „so schön zweckentfremden lassen würde als grüne Hymne“. Aber: „Wir teilen uns das Lied jetzt einfach: Ich sing’s auch noch.“

Dieser leicht illusionslose, dabei aber zugleich lakonische und bissige Tonfall – und Biermann redet viel mit seinem Publikum, reagiert und improvisiert – bestimmt den gesamten Doppeltonträger. Schon wenn er beim Einstieg, dem Gedicht Der Herbst hat seinen Herbst auf ein Kinderlachen aus dem Publikum hin die Juxtaposition der Worte „sanft und „frisst“ ausführlich rechtfertigt wird deutlich, dass Biermann am besten im (selbst-)ironischen Dialog mit seinen ZuhörerInnen ist. Und dann zeigt er sich von all seinen Seiten, als Poet und Hetzer, Barde und Bühnenkünstler – und als sehr guter Musiker. So entstehen grelle und leise Töne, da ist Platz für Lyrik, Lieder von extremer Intensität und Worte von mitreißender Energie. Neben aktuellen Bezügen blitzt immer wieder Biermanns Biografie auf: Biermanns Vater, Kommunist und Jude, wurde 1943 in Auschwitz ermordet, und die gesamte zweite Hälfte der ersten Platte setzt sich mit Titeln wie Gemütlicher Faschismus und Hausrecht in Dachau mit dem Neofaschismus in Deutschland auseinander.

Der zweite Tonträger eröffnet mit Gesamtdeutscher Strauß eine sich über mehrere Titel hinziehende Auseinandersetzung mit dem Bayern. Strauß ist DAS Feindbild des Abends, Biermann karikiert seine körperlichen Merkmale: die „feiste Fratze“, den „Nackenspeck, von kaltem und heißem Schweiß bedeckt“ und wünscht ihm den Tod: „Ja, und wenn überhaupt noch ein Starfighter runter stürzen muss, dann soll es, dann soll es der Dicke sein.“ Da spricht blinde, auf Tötung des (politischen) Gegners abzielende Verbitterung, und da wird Biermann auch dem wohlmeinenden Hörer kurz fremd.

Ein wichtiges Gegengewicht ist da eins der wundervollsten Biermann-Lieder: das „Totenlied“ auf Rudi Dutschke, seinen Gefährten, ein brennender Schmerzensruf im Rahmen einer edlen Komposition, die manchmal nur ein Klopfen auf dem Korpus der Gitarre ist und am Ende mit ein paar zarten Klängen vergeht – ein Nekrolog in Musik.

Der Titel der Platte stammt ebenfalls aus einem Moderationstext; ehe Biermann seine Variante des bekannten Liedes „Trotz alledem“, das auch Hannes Wader schon mehrfach neu betextete, singt, erklärt er, er nutze im Gegensatz zu anderen deutschen Liedermachern die Originalmelodie, zu der Robert Burns den Urtext schrieb: „Lady McIntosh’s Reel“. Die unterscheidet sich zwar nur in einem Ton, „klingt aber mehr so nach ‚Eins in die Fresse, mein Herzblatt‘“. Natürlich gibt’s auf dem Weg zu diesem furiosen Schlusslied auch „Hits“ wie die schon erwähnte Ermutigung oder Soldat, Soldat.

Es liegt ein zwölfseitiges Booklet mit allen Songtexten und Zeichnungen Biermanns bei.

www.wolf-biermann.de

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