Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

„Weil ich Lieder spielen will.“ Zum 15. Todestag von Gerhard Gundermann

Gundermann 1993

von Alexander Kutz

„Weil ich Lieder spielen will“ – das ist die nüchterne Antwort eines Gerhard Gundermann im Jahre 1997 auf die viel erwartende Frage eines Journalisten, warum er auf die Bühne gehe. Einleuchtend, möge man meinen, vielleicht auch naiv oder gar zu einfältig. Dennoch steckt wohl möglich in diesem knappen Statement der Kern des Phänomens, dass sich Gundermanns Lieder – 15 Jahre nach seinem Tod – ununterbrochener Beliebtheit erfreuen; man hat gar das Gefühl, dass ihm mehr Aufmerksamkeit und Popularität zukommt, als zu Lebzeiten. Zu Konzerten und Veranstaltungen mit Gundermanns Liedern kommen längst nicht mehr nur diejenigen, die noch das Glück hatten, ihn live zu sehen, hier stehen auch Leute, die vor 15 Jahren noch gar nichts von ihm gehört hatten. Gundermanns Lieder werden heute von einer Vielzahl unterschiedlicher Künstler interpretiert, übersetzt, dargeboten – von Regisseur Andreas Dresen über Schauspieler Axel Prahl, dem holländische Liedersammler Johan Meijer, bis zu Subway-to-Sally-Frontmann Eric Fish; ganze Partys, Konzertabende, gar Tanzveranstaltungen drehen sich um Gundi. Gundermanns Erbe scheint mit den Jahren nicht kleiner zu werden, eher größer.

Gerhard „Gundi“ Gundermann, Jahrgang ´55, in Weimar geboren, in Hoyerswerda aufgewachsen; Offiziersschüler, aus der NVA wegen „Unfähigkeit“ entlassen; Hilfsarbeiter, Baggerfahrer; erst SED-Kandidat, dann Parteirauswurf; IM der DDR-Staatssicherheit, „Vorzeigeprolet“; Vegetarier im Fleischerhemd; Tischlerlehrling mit Anfang 40. Ein Lebenspotpourri angereichert mit Musik: Mitglied im FDJ-Singeclub, Lieder-Theater-Projekt „Brigade Feuerstein“, Solo, mit Band, als Texter von Silly; Auftritte vor großem Publikum im Vorprogramm von Bob Dylan oder am Sonntagnachmittag in einer 80-Seelen-Gemeinde. Gundermann lebte und liebte Gegensätze. Doch gerade aus diesen zog er seine Authentizität: Gundermann war ganz Mensch, kein Entertainer, erst recht kein Gesamtkunstwerk; er besang Schwächen, Ängste; Hoffnungen, kleine Stärken, Verlorengegangenes ebenso wie nie Erreichtes – eine „Tankstelle für Verlierer“ wollte er sein und stand dafür eben nicht nur mit seiner Musik ein, sondern auch als Mensch Gundi. Und diese Bürgschaft machte es den Zuhörenden leicht, sich in Gundermanns Liedern wiederzufinden.

Gundi Solo-Profil

Mithin war es Gundi möglich, mit seinen Liedern nicht nur auf die Erfahrungen und Bedürfnisse der „kleinen Leute“ einzugehen, sondern auch die omnipotenten Themen – Umweltschutz, Arbeitslosigkeit, Krieg/ Frieden – zu transportieren, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Als Jedermann findet man den Sänger wie auch die Zuhörerschaft verwoben in die großen Belange unserer Zeit.

In der Nacht vom 21. zum 22. Juni 1998 starb Gerhard Gundermann. Sein Tod scheint sich in die Logik seiner Lieder einzureihen – in Interviews und Zwischentexten thematisiert, in Liedern besungen, schließt sich hier der Kreis seiner Erfahrungen. Und öffnet den nächsten: Es finden sich Menschen, die der Meinung sind, dass Gundis Lieder weiter leben müssen – ob am Lagerfeuer oder im Konzertsaal. Da überschreiten sie auch plötzlich die Grenzen, die in ihnen so manches Mal besungen wurden, verlassen das stillgelegte Braunkohlebergwerk, wandern von Ost nach West. Sie wollen gespielt werden. „Lieder als Lebensmittel, das wäre schon mehr, als man verlangen kann.“, war einmal von Gundi zu hören – mögen sie uns noch geraume Zeit sättigen.

Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Buschfunk

www.gundi.de
www.dieseilschaft.de

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