Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Tim Fischer singt Georg Kreisler-Chansons – zu Gast im Hamburger Polittbüro

Tim Fischer

von Sophie Weigand

Sie gehören irgendwie zusammen – der Fischer und der Kreisler. Zwar lebt nur noch einer der beiden, doch noch zu Lebzeiten Georg Kreislers, dem Großmeister des gepflegt zwischen Schwarzhumorigkeit und Surrealismus pendelnden Komponierens und Textens, entstand eine enge Zusammenarbeit. 2002 spielte Fischer in der Ur-Aufführung des von Kreisler geschriebenen Ein-Mann-Musicals Adam Schaf hat Angst, nach Kreislers Abschiedstournee 2001 reiste Tim Fischer weiter mit Kreisler-Chansons durch Deutschland. Im November hatte nun das neueste Programm mit Kreisler-Chansons Premiere – „Das war gut – Tim Fischer singt Kreisler“. Seine Tour führte ihn auch ins kleine Hamburger Polittbüro, das für sein Engagement in der Kleinkunstszene berühmt ist.

Es ist stickig im Polittbüro, eine kurze Hitzewelle ist gerade über Deutschland hinweggefegt. Doch das stört dort niemanden, keiner der Gäste hat sich durch das schwüle Wetter davon abhalten lassen, den größten und bekanntesten Kreisler-Interpreten in trauter Runde zu genießen. Hier und da wedeln Besucher mit den zu Fächern gefalteten Programmheften, es ist stete Bewegung im Publikum, bis Tim Fischer kurz nach acht mit seinem Pianisten Rüdiger Mühleisen die Bühne betritt. Er trägt einen hellen Anzug und beginnt mit dem Evergreen, den viele noch immer für einen scherzhaft gemeinten Aufruf zur Vergiftung von Taubenscharen halten. Manch einer munkelt, Kreisler hätte hier ein bisschen abgeguckt, ein bisschen geklaut – und wer sich Tom Lehrers „Poisoning Pidgeons In The Park“ anhört, wird vermutlich zu einem ähnlichen Ergebnis kommen. Kreisler hat das bis zum Ende abgestritten.

Aber sei es drum, es ist noch immer das bekannteste Lied Kreislers. Man vernimmt Gelächter im Publikum und fragt sich, ob einige ihn wohl zum ersten Mal hören, diesen bitterbösen Abgesang auf die Wiener Gemütlichkeit. Der erste Teil des Programms ist geprägt von bekannteren Stücken, der fulminanten Darbietung des „Opernboogie“ allein gebührt schon ein mitreißender Applaus, den Fischer für dieses wahrlich nicht ganz einfach zu singende Stück auch erntet. Mitten in „Das war gut“ entgleitet Fischer plötzlich der Text. „Mein Hirn fühlt sich heute hier ein bisschen an wie Rührei, das zu lange auf einem Buffet gelegen hat, geben Sie mir eine Minute.“, sagt er und stützt sich konzentriert auf den Flügel, um sich gelegentlich mit seinem Pianisten zu beraten. Niemand nimmt ihm das übel, ganz im Gegenteil, diese kleine Unzulänglichkeit nimmt sein Publikum noch mehr für ihn ein. Mit „Weg zur Arbeit“ präsentiert Fischer ein Lied Kreislers, mit dem der sich nicht viele Freunde gemacht hat. Ein Lied, das die Zustände nach dem Krieg auf so leise und doch treffsichere Art darstellt, dass die Stimmung im Raum merklich anders ist, als der letzte Ton verklingt.

Den zweiten Teil des Programms bestreitet Fischer mit einer lockigen Perücke und einem gefährlich tief geschlitzten silbernen Kleid. Kurz ist man versucht, sich zu fragen, ob dieser Aufzug tatsächlich zu einem Abend mit Kreisler-Chansons passt. Tim Fischer tritt auch regelmäßig mit Liedern von Hildegard Knef und Zarah Leander auf, ihn in Frauenkleidern zu sehen, ist nichts Besonderes. Und nach einer anfänglichen Irritation, die sich schlicht aus der Überraschung speiste, war man auch wieder mittendrin im Liedgut Kreislers. Passend zum Auftreten präsentiert Tim Fischer hier so einige Lieder, die Kreisler für seine damalige Frau Topsy Küppers schrieb, so u.a. „Kreuzworträtsel“, das auf kecke Art von einer Frau berichtet, die zwar ganz versessen jedes Kreuzworträtsel löst, von Männern aber keine Ahnung hat. Auch „Geben Sie Acht“ gibt Fischer zum Besten, ein grandioses Stück über eine Frau, die vom Tode ihrer WidersacherInnen nur träumen muss, um ihn Realität werden zu lassen. Das wiegt sie solange in dem Gefühl von Überlegenheit, bis ihr bewusst wird, dass sie auch jederzeit von sich selbst träumen könnte.

Tim Fischer ist es ein spürbares Anliegen, den facettenreichen Kreisler zu zeigen, der viel mehr kann und gezeigt hat als den bösartigen Chansonnier, der an nichts und niemandem ein gutes Haar lässt. Kreisler schrieb auch ganz surreale Lieder wie „Zwei alte Tanten tanzen Tango“, Prophetisches wie „Der Euro“, das auf gespenstische Art die Lage unserer heutigen Finanzmärkte vorwegnimmt. Diese grandiose Bandbreite zu präsentieren, gelingt Tim Fischer bravourös. Nicht nur ist seine Art der Darbietung derart passend für Kreisler, das man mitunter angesichts der Ähnlichkeit ein bisschen Gänsehaut spürt, auch die Auswahl der Lieder zeugt von einem tiefen Verständnis des Künstlers Kreisler. Für jeden, der sich schon lange wünscht, die Lieder Kreislers noch einmal live zu erleben, wird dieses Konzert ein erhebendes und erfüllendes Erlebnis sein!

Hier finden Sie die weiteren Tourdaten.

www.timfischer.de

Ein Kommentar zu “Tim Fischer singt Georg Kreisler-Chansons – zu Gast im Hamburger Polittbüro

  1. Marie
    29. Juni 2013

    Tim Fischer ist erstklassig

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