Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Die Versammlung der Inseln – SAGO singt Stählin: ein Konzertbericht

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von Rike Krüger

Es gibt sie noch, diese Abende, an denen sehr hohe Erwartungen noch bei Weitem übertroffen werden. Und einen dieser Abende habe ich neulich im Zebrano-Theater in Berlin erlebt!

Anlässlich des 70. Geburtstages von Christof Stählin im Jahr 2012  haben seine „Sagonauten“ – Absolventen von Stählins SAGO-Akademie – ca. 25 seiner Lieder neu interpretiert und ihm diese Neuinterpretationen im Sommer 2012 als Geburtstagsüberraschung im Rahmen einer privaten Feier präsentiert.

18 dieser Lieder wurden für die oben abgebildete CD aufgenommen und einige der Interpreten trafen sich nun zum von Martin Betz grandios moderierten „CD-Release-Konzert“ in Anwesenheit von Christof Stählin. So viele Liedermacher und Kleinkünstler in einem Programm bekommt man nur selten zu sehen. Und sie alle sind, wie jeder von ihnen an diesem Abend bewies, auf die ein oder andere Art von Stählin geprägt worden. Denn wie sagte Martin Betz so passend? „So singen und spielen kann nur, wer auch eigene Lieder komponiert und schreibt“.

Jan Gaensslen mit „Der Clown“: Schon beim ersten Lied bin ich fasziniert. Da sitzt Jan Gaensslen am Klavier und singt den Clown so zart und zerbrechlich, dass es beinahe weh tun könnte – und dann kommt Juliane Gaensslen mit ihrer Geige dazu auf die Bühne und beide heilen gleichsam den Schmerz, der entsteht bei Worten wie „sein Gesicht war so verwundbar, das war der Grund, daß es so bunt war“. Beim anschließenden eigenen Beitrag „Ganz Nackt“ begleitet  Jan Gaensslen sich dann selbst mit der Gitarre: ein empfindsames Lied, das mich berührt.

Holger Saarmann mit „Lieben heißt Liebe entbehren“: Die klare Tenorstimme von Holger, der sich wie auf der CD mit der Gitarre begleitet,  und dieses wunderbare Lied versetzen mich in  die Shakespeare-Zeit. Ich finde das sehr stimmig umgesetzt. Und ich würde mich freuen, einmal Christof Stählins  Fassung zu hören. Bisher gibt es zu den Lautenlieder-Übersetzungen ja noch keinen Tonträger. Bei seinem eigenen Lied „Schon mal „ wird Holger Saarmann von Markus Heiniger am Klavier begleitet – ein tolles Lied und offenbar ein eingespieltes Team.

Annett Kuhr mit „Die kleine heile Welt“: Annetts wunderbare warme Altstimme und ihre Gitarre lassen mich tief eintauchen in dieses (oberflächlich betrachtet) einfache kleine Lied und ich hoffe doch sehr, „dass unsre kleine heile Welt noch eine kleine Weile hält“. Als eigenen Beitrag hat Annett Kuhr „Noch mal von vorn“ mitgebracht,  ihr neuestes Lied. Großartig, wie sie den Zauber ganz banaler Alltagserlebnisse hervorhebt und ich hätte gar nichts dagegen gehabt, wenn sie dieses Lied noch mal von vorn gesungen hätte.

Sebastian Krämer, Juliane Gaensslen, Annett Kuhr und Holger Saarmann mit „Das Tiefe“: Da ist Sebastian Krämer ein wunderbarer vierstimmiger Chorsatz gelungen. Auf der CD singen Uta Köbernick, Annett Kuhr, Sebastian Krämer  und Timo Brunke  – (hier nachzuhören). Live haben Juliane Gaensslen und Holger Saarmann die verhinderten Sänger großartig ersetzt – und ich war angenehm überrascht, dass unter dem klaren Tenor von Holger Saarmann ein satter, tragender Bass schwingt.

Sebastian Krämer mit dem „Herbstspaziergang“: Auf der CD begleitet Sebastian Krämer sich auf dem Klavichord – im Zebrano hat es auch mit Klavier sehr gut harmoniert. Bei solchem Vortrag hätte sich auch das harnäckigste Eis nicht gehalten (wer dies nicht versteht, wird das Rätsel beim Anhören des Liedes lösen können). Sein eigenes Lied „Das Puzzle meines Sohnes“ gefällt mir sehr – ich vermute, es stammt aus seinem neuen Programm „Tüpfelhyänen – oder die Entmachtung des Üblichen“ (Premiere 14. März 2013). Ich genieße die Bilder in meinem Kopf, die durch das Lied entstehen. Da sitzt ein erwachsener Mann, der eigentlich viel Wichtigeres zu tun hätte, auf dem Boden – versunken in ein  Zehn-Teile-Holzpuzzle.

Stephan Bienwald mit „Gesicht und Hände“: ein wunderbares Lied – nicht auf der Versammlung der Inseln, schade. Aber mir bleibt ja die CD „Aus freien Stücken“. Stephans eigenes Lied „Tegel“ blickt in die Zukunft, stell dir vor – heute ist der letzte Tag, dann wird Tegel dicht gemacht. Und wenns nur für ein Ticket reicht, fährt der Andere mit dem Zug hinterher. Ein Lied, das im Gedächtnis bleibt.

Martin Betz mit  „Die Raumverdrängung“:  dargeboten auf dem Kinderklavier, weil dieses weniger Raum verdrängt – hinreißend. Schade, dass dieses Lied aus technischen Gründen nicht auf die CD kommen konnte. Sein eigenes Lied „Nie mehr so wie es meins war“ (begleitet am großen Klavier) zeichnet – wie so viele Lieder von „Sagonauten“ – wieder Bilder. Es gibt sie, diese Dinge, die einem so wichtig sind, wie sie es für niemand anderes sein könnten.

Jörg Sieper mit dem „Kapitän“: stimmig, leise, schön. Und ein Text, der mich bannt. „… und sieht und sieht kein Land“.  Jörg  Siepers eigenes Lied „Das alles bist Du“ lässt mich wieder träumen. Ein schönes Liebeslied.

Markus Heiniger mit „Preußen“: da erklärt uns ein Schweizer einfühlsam am Klavier mit den eindrucksvollen Worten von Christof Stählin, was uns von Preußen geblieben ist. Auf der CD kommt noch Florens Meurys Beatbox   dazu – auch sehr schön, aber live habe ich es nicht vermisst.
„So zog Preußens Pflug seine Furchen
durch uns durch, die durch und durch Durchen.
Und wenn wir uns nicht so beeilen,
kann Preußen vielleicht auch verheilen.“
– großartig!
Mit seinem eigenen Lied „Stets i Truure (Der Mond)“ auf Berndeutsch nimmt Markus uns mit auf eine Reise – auch wenn ich nicht alles verstehe, fühle ich mich mit diesem Lied wohl.

Matthias Binner, Holger Saarmann, Stepan Bienwald, Bérangère Palix und Juliane Maria Wolff mit dem „Frühlingslied“: Ein Klavier, zwei Gitarren und fünf Sänger, mal gemeinsam, mal „wandert“ der Text hin und her – grandios! Anschließend Matthias Binners eigenes Lied, zusammen mit Juliane Maria Wolff  „Auf der Terasse“ gefällt mir auch sehr.

Dota Kehr mit dem „Schlaflied“: so langsam gehen mir die Worte aus, um zu beschreiben, wie sehr mich die einzelnen Lieder beeindrucken. Ich mochte das Original von Christof Stählin schon immer besonders, und genieße Dota Kehrs Version sehr. Und ihr eigenes Lied „Glut“ solo mit Gitarre geht unter die Haut.

Als letzter kam der sichtlich stolze und berührte Christof Stählin auf die Bühne.  Er werde oft gefragt, ob er seine Liedermacher-Kollegen, die bekannter sind und mehr Geld verdient hätten nicht beneide, sagt er. „Nein – die haben keine Schüler, die haben kein SAGO“. Er sei so stolz und froh über diesen Kreis junger Kollegen.

Er begann seinen Vortrag mit dem tollen Gedicht „Glut“ – grandios vorgetragen, soviel Energie blitzt aus seinen hellwachen Augen, dass man sich fast verbrennen könnte an dieser Glut. Bei seinem Lied „Alter Musketier“ spielt er seine Vihuela und wird wunderbar begleitet von Stephan Bienwalds Gitarre – wie schön hat er „auf Herz gesetzt – und alles auf ein Karte!“ Dann erzählt er von der Entstehung seines Liedes „Tiramisu“ und davon, wie schön es sei, bei den SAGO-Seminaren abends gemeinsam zu musizieren. Als er es dann singt, fallen die im Raum verteilten „Sagonauten“ in den Refrain mit ein. Zum Abschluss „Das Einhorn“ – zieht wieder das gesamte Publikum in seinen Bann.

Ein toller Abend geht zu Ende. Ein Abend, an dem mir nichts gefehlt hat – außer meiner Kamera:  die lag zu Hause auf dem Küchentisch. Ich hätte diesen Bericht gerne mit ein paar Fotos angereichert. Aber wenn ich es recht bedenke – die heimelige Athmosphäre im Zebrano, die tollen Auftritte – das hätte ich nur sehr ungerne zerblitzt.

Ich werde in den nächsten Wochen wohl viel Zeit mit der Versammlung der Inseln und den Originalen von Christof Stählin verbringen. Ich freue mich auf diese Entdeckungsreise!

http://www.sago-schule.de

Die CD „Die Versammlung der Inseln“ enthält folgende Titel:

1. Der Clown (Jan Gaensslen)
2. Der Kirschbaum (Danny Dziuk)
3. Lieben Heisst Liebe Entbehren (Holger Saarmann)
4. Die Kleine Heile Welt (Annett Kuhr)
5. Fruehlingslied (H. Saarmann, S. Bienwald, M. Binner, M. Kroymann, B. Palix)
6. Manchmal, Wenn (Tina Haeussermann)
7. Herbstspaziergang (Sebastian Kraemer)
8. Lob Der Kuh (Maka Kandelaki)
9. Mein Freund Und Schlawiner (Philipp Schmidt-Rhaesa)
10. Der Trampelpfad (Timo Brunke)
11. Und Zieht Seine Bahn (Arno Rittgen)
12. Der Kapitaen (Joerg Sieper)
13. Komm, Kuess Mich (Uli Zehfuss)
14. Die Voraussetzungen (Matthias Reuter)
15. Preussen (Markus Heiniger)
16. Was Haett Ich Dann Davon (Martin Sommer)
17. Das Tiefe (Sebastian Kraemer, Uta Koebernick, Annett Kuhr, Timo Brunke)
18. Schlaflied (Dota Kehr)

3 Kommentare zu “Die Versammlung der Inseln – SAGO singt Stählin: ein Konzertbericht

  1. achtellorbeerblatt
    29. April 2013

    Gerne, hat mir auch Freude gemacht. Und ich denke noch gerne an dieses ganz besondere Konzert zurück. Was ist denn am Freitag im Zebrano auf dem Plan? Ich komme leider nicht aus Berlin und bin deshalb nicht im Bilde…
    Rike

  2. Ein Leser
    29. April 2013

    Ein toller Bericht, vielen Dank dafür!
    Das Zebrano-Theater ist ja sowieso immer einen Besuch wert, ich freue mich schon auf Freitag – ob man darüber hier wohl auch etwas lesen wird? Ich bin gespannt!

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