Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Da geht man gern durch die Hölle. – The Burning Hell / Alcoholic Sunrise (Café 612), im „Flint“ Ludwigsburg am 11.07.2013

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von Fabian Brüssow

Wenn man es nicht genau wissen würde, könnte The Burning Hell auch eine blutrünstige Metalband sein. Vom Namen her wäre schon eine grandiose Basis geschaffen, niemand würde das bestreiten. Verwirrend ist es spätestens dann, wenn man bei The Burning Hell auf ein lebensbejahendes und selbstironisches Indie-Folk-Projekt stößt. Beim Summer Breeze-Festival in Dinkelsbühl ist es fast ähnlich, denn das Metalfestival wird von Ahnungslosen oftmals als ein weiterer Ausrichter deutscher Reggaefestivals betrachtet. So gesehen würden The Burning Hell gut auf’s Summer Breeze passen. Doch zuhause sind sie eher in Bars wie dem Ludwigsburger Flint. So auch am Donnerstagabend.

theburninghell_flint2Denn dort kommen gegen Ende dann noch viele in den Genuss, das Duo aus Ontario, Kanada zu erleben. Weit von ihrer Heimat zeigt die Band aber kaum Probleme sich zu akklimatisieren.  Im Gegenteil: The Burning Hell fühlen sich in Ludwigsburg sichtlich wohl. Schnell wird klar, wie freudig sie erwartet werden und dieses Gefühl geben sie so auch ans Publikum zurück. Auch deshalb ist es eine beliebte und gleichermaßen klassische Liveband, da sie ohnehin schon jahrelange Erfahrungen sammeln konnten. Und um das Publikum auch weiterhin zu bespaßen, versucht Sänger Mathias Kom gleich mit der grundlegenden Sympathie Außenstehender gegenüber seiner Heimat Kanada aufzuräumen. Sicher sieht man die Eigenschaften seiner Herkunft immer ein wenig differenzierter und kritischer, wenn man seit Jahr und Tag ein Teil davon ist. Doch die Sympathie gegenüber Kanada kommt vor allem aus dem musikalischen Hintergrund nicht von ungefähr: So ist Ontarios Nachbarprovinz Manitoba die Heimat des genialen John K. Samson, der als Mitglied von The Weakerthans und Propaghandi gleich doppelt mit weltweit bekannten Aushängeschilder aus der kanadischen Musikszene fasziniert. Das weiß Mathias Kom bestimmt auch, so kann sein grundlegender Sinn für Humor, Ironie und seine subjektiven Übertreibungen bewusst zum Konzept seiner Live-Auftritte gehören. Ein bisschen braucht man diese Art von Unterhaltung bei seinen Konzerten schon, seine Songs allein machen diese Band nicht so beliebt wie sie ist.

Genau genommen ist das heutige Duo The Burning Hell eigentlich das Egoprojekt von eben jenem Sänger und Gitarristen Mathias, der bei seiner aktuellen Tour durch Deutschland jedoch von Arial Sharratt als Klarinettistin und Duettpartnerin begleitet wird. Diese verleiht den spärlich instrumentierten Folksongs noch eine beschwingtere Note, im Duett umarmen sich die beiden Stimmen innig. The Burning Hell präsentieren in einer Stunde Auftritt ruhige und dynamischere Songs, gespickt mit lebendigen Geschichten, eindrücklichen Phrasen und Vergleichen. (“Love is like a newborn child, only interesting when it’s young” / “Love is like a hurricane. It happens in Florida and then destroys everything”) Er erzeugt gleichzeitig einen guten, melancholischen Gedanken und paart ihn mit einem Lacher. Persönliches Scheitern ist auch hier wieder eine Form der Kritik, selbst wenn die eigene Situation teilweise ein wenig auf die Schippe genommen wird. So kann es jeder am Besten nachempfinden. Mathias Kom weiß, wovon er singt und nutzt die Ironie des Alltags als Gegenstand in seinen Songs, die meist von zwischenmenschlichen Beziehungen handeln.

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Doch bevor der sympathische Kanadier mitsamt Klarinettistin die Bühne betritt, dürfen Alcoholic Sunrise aus Ludwigsburg den Abend eröffnen. Diese erfreuen sich an der Anwesenheit einiger Freunde und Bekannte im Kreise des Publikums, denn das Duo ist nicht nur wegen ihres Heimvorteils oftmals im Flint zu sehen. Denn Matthias Rother und Timo Schaffert sind eigentlich als Köpfe des Quartetts Café 612 bekannt, Alcoholic Sunrise existierte als Zwei-Mann-Projekt lange bevor sie sich mit einem Schlagzeuger und Bassisten bereicherten und sich in Café 612 umbenannten. So wurden sie im Vorfeld des heutigen Konzerts auch als Café 612 beworben. So ganz falsch ist die Bezeichnung jedoch nicht, trotzdem stellen sie sich als Alcoholic Sunrise vor und spielen überwiegend ältere Songs aus ihrem Album Mach das Licht aus und klingen dabei ein bisschen wie Gisbert zu Knyphausen oder Element of Crime. Diese Vergleiche hinken nicht mal, denn die Band ist selbst Fan der zuvor genannten Championsleague-Teams des deutschen Indierocks, die sie auch bewusst als ihren künstlerischen Einfluss bezeichnen, den man eben hin- und wieder raushört. Doch das klingt nie billig und druckvoll kopiert, Alcoholic Sunrise bewahren dabei ihre Eigenheiten.

Als Café 612 sind die beiden vor allem durch ihr Label Omaha Records überregional bekannt geworden und teilen sich dieses unter anderem mit Gisbert zu Knyphausen, Julian Gerhard, Staring Girl oder Daantje & the golden Handwerk alias Joachim Zimmermann, der ebenso vor Ort weilte. Ihn könnte man wiederrum als Support des Labelaushängeschilds Knyphausen kennen, der bundesweit größere Clubs im Handumdrehen ausverkauft. Alles ist also miteinander verknüpft. Die Welt ist eben klein und das ist in diesem Fall auch gut so. Man kennt, sieht und mag sich und ist im Stil miteinander verbunden, sind doch gerade bei Omaha Records jene Musiker versammelt, die durch ihre schönen Eigenheiten auffallen. Dabei vereint alle eine ähnliche Sicht, kein unnötiges Aufpolieren des eigenen Ichs, kein künstlerisches Markendenken. Das sind Typen wie du und ich, die mit offenem Hemd, Brusthaar und einem Bier in der Hand einfach ein paar Songs spielen wollen. Dort bestechen sie vor allem durch deutschsprachige Liedermacherei, die sich inhaltlich variabel gestaltet. Manchmal geht’s um Kitsch, Bier und Zigaretten, dann um die Leichtigkeit des Lebens, Weltschmerz oder Sehnsucht. Niemals jedoch über Sommerregen. Und wenn, dann nur in Verbindung einer Panzerschlacht. Trotz dieser Vielzahl an Individuen mit ähnlich starker Schreibkraft bewahrt sich jeder Künstler in diesem Raum seine Persönlichkeit. Bei Alcoholic Sunrise gefällt vor allem der nebelige und kühle Klang der Singstimme, dieser ganz leichte Country-Einschlag und die sympathische Ader von Matthias Rother und Timo Schaffert, die ihre Ansagen und Liedthemen extra für The Burning Hell übersetzen. Schade, dass diese die gesungenen Texte dann doch nicht ganz verstehen können. Wie im Set von The Burning Hell laden auch Alcoholic Sunrise das Publikum zum lautstarken Mitsingen ein. Kurz vor Ende des Auftritts der Ludwigsburger vervielfacht sich dieses aus heiterem Himmel, was dem Verlauf des Abends äußert gut tut. Im Vorfeld bestand die Sorge, dass die zartbesaitete Musik beider Bands gegen das redefreudige Publikum untergehen könnte, doch diesmal treffen die Bands im Flint auf ein sehr aufmerksames Publikum. The Burning Hell erlebten tags zuvor im Stuttgarter Wilhelmspalais das Gegenteil: Dort trifft man zwar auf eine Vielzahl an Menschen, doch diese interessieren sich eher für Getränke und nicht für die jeweilige Band. Schade, da beide Orte einen großen Charme für Konzerte besitzen, diese für die Anwesenden aber eher als Hintergrundmusik dient. Konzerte im Flint überzeugen nicht nur durch ihren persönlichen Rahmen und die angenehme Atmosphäre, sondern auch durch die durchgängig guten Musiker, die dort regelmäßig auftreten. Kein Wunder, dass auch Alcoholic Sunrise während ihrem Gig dazu aufrufen, das Flint öfters heimzusuchen. Denn dieses könnte neben dem Cafe Galao am Stuttgarter Marienplatz zum nächsten Lieblingsort für Akustikkonzerte avancieren, obwohl beide Lokalitäten mit teilweise unaufmerksamen Publikum zu kämpfen haben. Wie im Galao geht ein Hut für die Künstler durch die Reihen, auf ein pauschales Eintrittsgeld wird verzichtet. Doch können beide Bands heute jene Leute überzeugen, die das Flint ohne einen Konzerthintergrund besuchen: Es ist zum einen ihr freundliches Auftreten, diese lebensbejahende Art und Weise, Konzerte für das ganze Publikum zu einem schönen und unterhaltsamen Abend zu machen. Zum anderen bleibt aber neben vielen gemeinsamen Lachern und guten Gedanken, die man gern im Kopf behält, trotzdem ab und an diese leichte Sehnsucht und der kurze Schmerz, wenn entsprechende Songpassagen vom Kopf bis ins Herz dringen. Die richtige Mischung aus Ernsthaftigkeit und Unterhaltung scheint von Außen betrachtet eine immens schwierige Aufgabe zu sein, The Burning Hell und Alcoholic Sunrise denken nicht einmal über sie nach: Sie machen es so, wie sie es immer tun. Darin liegt wohl der Schlüssel zum Erfolg.

www.wearetheburninghell.com

www.cafe612.de

Mit Dank an  gefuehlsbetont. Ein Blog über Musik.

Lesen Sie auch die EAL-Rezension zu „Café 612“ von eben – Café 612

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