Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Der EAL-Tagesgedanke: Abschied.

MashaPotempa20

von David Wonschewski

Und als wir im Frühjahr durch das satte Grün der Wiesen streiften, da griffst du mit einem Male nach meiner Hand. Wortlos waren wir über Stunden durch die Felder unserer gemeinsamen Vergangenheit geschritten, hatten noch einmal jene Plätze aufgesucht, an denen wir ein Stück eines gemeinsamen Lebens verbracht hatten. Kein Wort hattest du die ganze Zeit über gesagt und ich, ich hatte es einfach nicht gewagt zu sprechen, zu groß war meine Furcht gewesen meinen Mund zu öffnen, meine Angst mich, anstatt in einem Sprechen, in einem heillosen Daherreden zu verirren. Und so waren wir stumm nebeneinander hergegangen und du, du hattest immer wieder nach den Zweigen gegriffen, die die am Wegesrand Spalier stehenden Bäume über unseren Köpfen hatten baumeln lassen. Hattest deine Hände nach Blättern ausgestreckt. Und auch nach den Büschen, die unseren Weg kreuzten.
So lange haben wir nebeneinanderher gelebt, so dachte ich, während ich dich verstohlen aus meinen Augenwinkeln heraus beobachtete. So viele Jahre haben wir zusammen verbracht. Und doch habe ich dich nie derart nach etwas greifen sehen. Nie. Genommen hast du dir immer, dachte ich, doch dein Nehmen, es hat stets etwas Beifälliges in sich getragen. Eine Spur von Zufall ist in deinem Nehmen gewesen, immer und überall. Nun aber sah ich dich zum ersten Mal nach etwas greifen, sah dich beherzt deine Hand ausstrecken und beobachtete deine Finger sich um ein Blatt legen, sich schließen.
Und dann als schon die Gewissheit in mir emporstieg, dass wir nie wieder Worte finden würden, griffst du nach meiner Hand, ganz so wie du zuvor noch nach den Blättern und Büschen gegriffen hattest. Ich versuchte mich zu erinnern, wann du zuletzt nach meiner Hand gegriffen, ob du überhaupt jemals meine Hand genommen hast. Denn soweit ich mich zurück erinnere bin ich immer derjenige gewesen, der deine Hand suchte, sich nach deiner Sicherheit und Geborgenheit sehnte, aus Angst schon wieder zu stolpern, schon wieder zu fallen. Doch das, das war einmal. Und was einmal war, das kehrt nicht wieder, verkommt zu blasser Erinnerung. Steht bereit verweht zu werden aus unseren Köpfen und unseren Leben.
Und so griffst du nach meiner Hand, legtest deine Finger um meine Finger als wären sie Zweige und ich ein Baum. Ich entsinne mich noch wie seltsam es sich anfühlte, dich neben mir zu wissen und einzusehen, dass du nach mir tastest und nicht ich nach dir. Hand in Hand liefen wir über die Wiese und einen jeden deiner Finger konnte ich einzeln erspüren, sogar den kleinen. Unwirklich fühlte sich das an. Falsch. Doch als die Momente uns durchdrangen, geradewegs durch uns hindurchwehten, einer nach dem anderen, da entdeckte ich auf dem Grund deiner plötzlichen, mich so überraschenden Geste, auf dem Grund deines zärtlichen Händedrucks, dass es nicht die Unwirklichkeit oder die Falschheit war, die mich zu bedrücken begann. Sondern das Gefühl einer tiefempfundenen Ungerechtigkeit.
„Ich werde das kommende Weihnachtsfest nicht mehr erleben“, sagtest du dann.
Ich hatte befürchtet, dass du so etwas sagen könntest, ja hatte mich aus genau diesem Grund vor einem Spaziergang mit dir gefürchtet und ein jedes Gespräch mit dir gemieden. So sehr wie sich vermutlich noch nie ein Mensch vor einem Spaziergang durch Wiesen und Felder gefürchtet hat. Und so sehr wie vermutlich noch nie ein Mensch einem Gespräch aus dem Weg gegangen ist.
„Ich werde das kommende Weihnachtsfest nicht mehr erleben“, sagtest du, einfach so dahin. Und in meinem Kopf begannen augenblicklich die Gedanken zu rasen. Zu rasen und zu klopfen. Diese tiefempfundene Ungerechtigkeit, sie bekam Füße und Fäuste, begehrte auf, und so wollte ich dich packen und schütteln, dir verbieten so etwas zu sagen. Dass du deinen Mund halten sollst wollte ich dir sagen, dass ich so etwas nie wieder hören will, verstehst du? Nie wieder! Und dass ich gleich morgen losgehen werde, um dir ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen, ein richtiges Weihnachtsgeschenk, das schönste und wunderbarste Weihnachtsgeschenk, das du je bekommen hast, gleich morgen werde ich losgehen und es kaufen, wollte ich dir sagen. Du wirst sehen, wollte ich sagen, im Dezember werden wir gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum sitzen und dieses Geschenk öffnen, ich schwöre es dir. Du und ich unter einem Baum, so wie hier, so wie jetzt.
Doch all diese Dinge, ich habe sie dir nicht gesagt. Stattdessen blieb ich stumm. Denn du sagtest, dass du das kommende Weihnachtsfest nicht mehr erleben wirst. Und ich wusste, dass es stimmte.

Als wir uns wiedersahen war es bereits Sommer geworden. Du holtest mich am Bahnhof ab, so wie du mich über all die Jahre am Bahnhof abgeholt hast. Ich ging auf dich zu, erkannte schon aus der Ferne den, der zu mir gehört – und erkannte dich doch kaum noch wieder. Abgemagert standest du da, deine Haltung hilflos, dein Blick mühevoll. Wir fielen uns in die Arme und als ich dich hielt und du mich hieltest, da überkam mich mit einem Male die Trauer. Der Frühling war in den Sommer übergegangen und mit diesem schwindenden Frühling war auch die tiefempfundene Ungerechtigkeit gewichen. Und die Trauer war an ihre Stelle getreten, hatte schon viele Wochen zuvor damit begonnen mich langsam zu durchdringen. Ich weiß, dass es dir nicht aufgefallen ist, da du dich an meinen starken und gesunden Körper geklammert hast in unserer Umarmung, Hilfe und Schutz suchtest bei mir. Gerade bei mir, der ich doch längst matt geworden war. Meine Trauer hatte begonnen mich schwach zu machen und in dem Maße, in dem du abgemagert warst, war auch mein eigener Kampfeswille gebrochen worden. Ich versuchte zu sprechen, doch es gelang mir nicht, wie erstickt blieben meine tröstenden und wärmenden Worte in meiner Kehle zurück. Und so standen wir da wie all die Jahre zuvor, ein Mann und sein fortgegangener Sohn, verharrten in unserer Umarmung, klammerten uns aneinander. Und ich wusste: Du wirst mich nie wieder vom Bahnhof abholen. Du wirst nie wieder dort stehen, so selbstverständlich, als das Normalste von der Welt. Die Endlichkeit, in jenem Moment am Bahnhof habe ich sie zum ersten Mal gespürt. Die Unwiederbringlichkeit.

Drei Tage verbrachte ich mit dir und du, du redetest die ganze Zeit. So lange kenne ich dich schon, doch nie habe ich dich derart viel reden gehört wie in unserem letzten Sommer. Du versuchtest dir alle Mühe zu geben, du versuchtest dich wacker zu schlagen, lächeltest, scherztest, machtest gute Miene zum bösen Spiel. Doch ganz brüchig war deine Stimme geworden, ganz schleppend dein Gang, so tief dein Einatmen und so beschwerlich dein Ausatmen. Und doch redetest du die ganze Zeit, während ich stumm und schwach neben dir hockte und versuchte mich daran zu erinnern, dass du dein Leben lang Verbrecher gejagt hast. Im vergangenen Jahr noch warst du hinter Unholden hergerannt, hattest sie mit vollem Körpereinsatz gestellt. Du warst dein Beruf gewesen, das personifizierte Pflichtbewusstsein, alle Schurken hast du im Griff gehabt, kein Verbrecher hat deinem geschulten Blick entrinnen können. Nur in dich selbst hast du nie geschaut, überflüssig ist es dir erschienen in dich selbst hineinzublicken. Bis du dann eines Tages unter der Dusche gestanden und eine Unförmigkeit unter deiner Bauchdecke festgestellt hattest. Ich weiß noch wie du mir am Telefon davon erzählt hast, von dieser seltsamen Wölbung an und in dir. Ganz seltsam hattest du da schon geklungen, doch ich, ich hatte dich nicht ernst genommen in meiner eigenen so abstrakten und entfremdeten Lebensauffassung. Alle anderen um dich herum waren da schon ganz still geworden, ganz kleinlaut, ganz bedächtig. Nur ich nicht, ich hatte gesprochen wie immer, geredet wie immer, fahrlässig und unaufhaltsam. In diesem, unserem letzten Sommer aber, da habe ich allen meinen Mut zusammengenommen und dich darauf angesprochen. Die Scham, sie lag bleischwer über mir, doch du lächeltest und nahmst sie fort von mir, diese Scham. Ganz offensichtlich hattest du bereits begonnen deine Angelegenheiten zu regeln, wolltest mich nicht bekümmert und beschämt zurücklassen in diesem Leben. Und so lächeltest du, nahmst wieder meine Hand, so wie du sie schon im Frühjahr genommen hattest und sagtest: Es ist gut. Alles ist gut. Und wie du das sagtest klang es so sanft und so warm. Sicherheit und Vertrauen durchströmten mich und mir kam unser Gestern in den Sinn, meine Kindheit und meine Jugend bei dir. Als Bildbände liefen sie mir durch den Schädel, ganz so als wäre ich derjenige, der auf das letzte Licht zuschreitet und nicht du. Ich sah dich an wie du dort saßt auf deinem Stuhl und lächelnd meine Hand hieltest. Und mit einem Male wurde mir klar wie sehr ich dich immer gebraucht hatte, wie sehr ich eine ganze Kindheit und eine ganze Jugend hindurch zu dir aufgeschaut, mich an dir angelehnt habe. Selbst in meinem Fortlaufen hatte ich dich gebraucht, in meinen wenigen Anrufen, den wenigen Besuchen. Und so hockten wir in diesem unserem letzten Sommer beieinander, du redetest unentwegt und ich tauchte ein in die letzten Gelegenheiten meines Lebens Sohn zu sein. Einen Papa zu haben.

Als wir uns im Herbst begegneten, sahen wir uns zum letzten Mal. Die Schurken in dir hatten dich bereits an Bett gefesselt, ich trat zu dir ins Zimmer und matt lächeltest du mich an. Du wusstest selbst nicht, ob es dein Körper oder dein Geist war, der dir das Aufstehen unmöglich machte. Aber du hattest auch aufgehört dich selbst danach zu befragen. Leise sprachen wir miteinander, denn mit dem Sommer war mir auch meine Sprachlosigkeit abhanden gekommen, hatte meine Trauer der Gewissheit Platz gemacht. Du hattest begonnen mein Buch zu lesen, meinen Roman und ich erinnere mich noch gut wie ich regelrecht zusammengezuckt war als ich es auf deinem Nachttisch entdeckte. Aufgeschlagen lag es dort, die zornige und zugleich unterkühlt-unreife Abrechnung eines Mannes, der nicht fähig ist zu leben und zu lieben und seinem Hass auf die Menschen und die Welt freien Lauf lässt. Ein Buch wie es nur Männer mittleren Alters schreiben können, die zwar beherzt fortgegangen, dann aber doch nirgendwo je angekommen sind. Du nahmst ihn sofort wahr, meinen scheuen Blick auf mein eigenes Buch. Nie hat ein Schriftsteller so traurig auf sein eigenes Schaffen geblickt wie du in jenem Moment, das solltest du später noch sagen als wir uns voneinander verabschiedeten. Und bereits wussten, dass wir uns nicht mehr begegnen werden. Nie hast du eine Zeile von mir gelesen, nie. Wie du überhaupt nie Bücher gelesen hast. Doch als ich in unserem letzten Herbst in dein Zimmer trat und mein Buch aufgeschlagen auf deinem Nachttisch liegen sah, da wusste ich, dass ich dich verloren hatte. Dass du dich in deinem Bestreben, deine Angelegenheiten zu regeln, längst in der finalen Phase befandest. Ein ganzes Leben lang hast du Verbrecher gejagt, dachte ich in jenem Moment. Und jetzt umgibst du dich mit ihnen, lässt die einen Schurken in deinen Körper und die anderen auf deinen Nachttisch.
Mir war nicht bewusst wie schön du schreiben kannst, flüstertest du mir zu als wir uns zum letzten Mal sahen, in diesem Herbst. Ich erinnere mich noch wie ich dich ansah und meine Augen sich augenblicklich mit Tränen zu füllen begannen, den ersten Tränen seit Jahren, seit Jahrzehnten. Ich weiß noch wie sehr dich das erschrak, natürlich erschrak es dich, schließlich erschrak es ja auch mich. Nie haben wir uns weinen sehen. Doch in jenem Moment an deinem Bett, da füllten sich meine Augen mit Tränen und ein Schluchzen begann mir die Kehle zu verschnüren. Meine Atmung verschnellerte sich, schneller und immer schneller wurde sie. Bis Panik mich ergriff.
Lies doch dieses verdammte Drecksbuch nicht, schrie ich dich an als ich dich zum letzten Mal anschrie. Bitte, flehte ich, lies diesen Schund nicht, nichts darin ist von Wert, gar nichts! Doch du, du lächeltest mild, griffst nach meiner Hand und sagtest mir, dass mein Buch ein gutes Buch sei. Ein sehr gutes sogar, ein sehr wahres. Doch ich schüttelte energisch den Kopf, wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und wusste es zumindest in diesem Fall wirklich besser.
Als wir an diesem Tag auseinandergingen wussten wir beide, dass wir uns niemals wiedersehen werden. Die Menschen sprechen oft vom plötzlichen Tod, der über einen geliebten Menschen hereinbrach, so unerwartet, so brutal. Die fehlende Möglichkeit sich voneinander zu verabschieden, all die kleinen Dinge, die noch gesagt hätten werden müssen – sie schleppen sie als kleines Trauma mit sich herum. Wie beneide ich sie darum. Denn als ich an jenem Tag im Herbst aufstand und mich von dir verabschiedete, wusste ich, dass wir uns nicht wiedersehen werden. Seit dem Frühjahr war es uns klar gewesen, dass du das Weihnachtsfest nicht mehr erleben würdest, du hattest es gewusst, ich hatte es gewusst. Und so bist du mir nicht mit einem Ruck entrissen worden, sondern bist mir entglitten, sanft bist du fort gegangen. Und hast am Ende, so versichertest du mir, nicht einmal mehr Schmerzen gehabt. Ja, vielleicht ist es wahr. Wir haben Glück gehabt. Uns ist ein Abschied gegeben worden, wie ihn nur die wenigsten Eltern und Kinder geschenkt bekommen. Deine Angelegenheiten, du hast sie regeln können, besonnen und in aller Ruhe. Wir haben zusammen reden und zusammen laufen und beieinander sitzen können. Und jederzeit um die Kostbarkeit dieser Momente gewusst.
Ich habe dich bei vollem Bewusstsein in den Tod begleiten dürfen, Papa. Sie sagen ich sei ein Glückskind, Papa.
Und so erhob ich mich in jenem letzten Herbst von deiner Seite. Stand unschlüssig an deinem Bett und wußte doch, dass es nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu überlegen gab. Zeit zu gehen? fragtest ausgerechnet du mich. Ja, sagte ich. Zeit zu gehen. Und ich war bereits an der Tür angelangt, da drängte es mich mich noch einmal umzudrehen. Dich noch ein letztes Mal zu sehen. Du lagst in deinem weichen Bett und blicktest mir müde hinterher.
Hast du mir wirklich noch ein Weihnachtsgeschenk gekauft?, fragtest du.
Ja, Papa, sagte ich. Das habe ich.

Als ich an jenem Tag von dir ging und kurz darauf du von mir, da lächelten wir beide. Denn du, du hattest endlich deinen Frieden gefunden. Und ich, ich hatte endlich den Schmerz und die Tränen für mich entdeckt.

Schwarzer Frost – der von der Thomas Bernhard-Gesellschaft empfohlene Roman von David Wonschewski ist im virtuellen, aber auch im realen Handel erhältlich.

Zur Homepage von David Wonschewski

Foto: Masha Potempa (www.mashapotempa.de)

Ein Kommentar zu “Der EAL-Tagesgedanke: Abschied.

  1. Silke
    2. August 2013

    … soo traurig… – mir fehlen die Worte…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. August 2013 von in Literatur, Kabarett & Hörbuch., Wonschewski, David und getaggt mit , , , , , .
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