Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Jan Koch – Im falschen Café

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von Alexander Kutz

Wer kennt nicht diese Szenarien: Man bewegt sich in Orten, Zeiten, Gesellschaften, Gedanken, ohne sich dazugehörig zu fühlen. Und dennoch kann – oder möchte – man sich ihnen nicht entziehen. Auf seinem bereits 2010 erschienenen Tonträger „Im falschen Café“ erklärt der Berliner Liedermacher Jan Koch diese Stimmung zum roten Faden.

Dem gebürtigen Tübinger gelingt mit seinem mittlerweile vierten Album – von ihm selbst als sein „Gesellenstück“ bezeichnet – mehr als mit seinen vorangegangenen Veröffentlichungen, das Einwirken der Vorbilder der Gilde zurückzustellen, ohne diese zu negieren: Die konzeptionelle Nähe zu Wader, Degenhardt, Mey bleibt unverkennbar, doch hatte sich Koch über die Jahre und mit weit über 200 landesweiten Konzerten eine musikalische Selbstständigkeit erarbeitet, die sich nun in die 14 (plus 1) Lieder auf „Im falschen Café“ ergoss.

Die meisten Stücke der Scheibe präsentieren sich im Standardgewand Ein-Mann-eine-Gitarre; hier und da wird das Konzept um ein Cello, Piano, zweiter Gitarre und/ oder zweitem Gesang erweitert – dezent aber merklich bereichernd. Gekonnt stellt der Barde das dunkle, klare Timbre seiner Stimme in den Dienst des textlichen roten Fadens: sie trägt die schwermütigen Passagen ebenso glaubwürdig wie die mit Ironie und Witz bestückten und schafft somit eine emotionale Spannung, die zum zweimaligen Hinhören zwingt.

Der thematische Kern wird mit dem titelgebenden Stück „Im falschen Café“ geformt. Ohne die zu Grunde liegende Geschichte klar auszuformulieren, verweist der Texter hier auf eine gefühlsmäßige Grundhaltung der Gleichgültigkeit angesichts der Erkenntnis, auf die großen und kleinen Dinge des Lebens kaum Einfluss zu haben:
„Mir tut nichts mehr wohl und mir tut nichts mehr weh.
Ich sitze seit Jahren im falschen Café.
Mit falschen Gedanken zur falschen Musik.
Draußen ist Herbst oder Markt oder Krieg“.

Das musikalische Grundgerüst des Albums gestalten Stücke mit eher zurückhaltender Melodik. Diese Zurückhaltung schafft Raum zum Zuhören, zum Verweilen in der erzeugten Stimmung. In „Wirst Du mich leiden“, „Leben danach“, „Betteln gehn“ und „Wir in der Stadt“ gelingt es dem Musikanten so, die thematisch angeschnittenen Gefühle des Auf-der-Suche-Seins, des Resignierens, der schmerzlichen Klarheiten und nicht weniger schmerzhaften Unklarheiten des Alltäglichen in die ihnen gebührenden Schwingungen zu versetzen.

Da werden dann mit „Das Messer“ und „Gary Messkill“ musikalische Kontrapunkte entworfen. Letzteres schafft es durch sein beschwingt-folkloristisches Fundament das Thema des Albums in die Dimension der Ironie, fast schon ins Lächerliche zu schieben.

Die wechselnden Temperamente der Stücke lassen letztlich erahnen, dass der Anspruch des Gesamtwerkes, nicht in der puren Wiedergabe angestauter Resignation liegt, sondern auch in der Möglichkeit, den Blick nach vorn zu richten, zu suchen ist.

Insgesamt besticht das Album durch seine über das Einfache weit hinausgehende Schlichtheit. Der Künstler, der bereits das Singer Slam des Hamburger Schauspielhauses 2008 gewonnen hat, lässt sich in seinen Stücken Zeit, um sich von mehreren Seiten angesammelten Sehnsüchten und Ent-Täuschungen tiefgründig zu näheren und lädt die Zuhörenden wortgewandt und musikalisch versiert – mal skurril-bissig , mal melancholisch – ein, an dieser Auseinandersetzung auch mit ihren eigenen Erfahrungen teilzuhaben.

www.jankoch.org

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