Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Roger Stein – Lieder ohne mich

Cover_Roger_Stein_600dpi

Von Markus Heiniger

Lesen Sie auch das Interview „Heiniger trifft Roger Stein“  hier auf dem Lorbeerblatt!

„Nicht ohne mich“, sagte ich, als Roger Steins neue CD sich unlängst, frisch gepresst, zu drehen begann. Denn der Mann hat etwas zu sagen, bewegt, und er entlockt seinem Publikum immer wieder ein herzhaftes Schmunzeln. So befassen wir uns doch zuerst gleich mal mit Roger Steins Texten. Anhand des sieben Minuten und sieben Sekunden dauernden Familien-biographischen Epos „1890“ am besten, der als Bonus Track auch als Dialekt-Version vorliegt. In dieser mit Zürich-Deutscher Einfärbung vorgetragenen Berndeutschen Fassung wird auf ganz besondere Weise klar, was Roger Stein sprachlich drauf hat. Er arbeitet nicht nur auf Hochdeutsch sondern gerade auch im muttersprachlichen Dialekt mit einer unheimlich differenzierten Farb-Palette und bringt dabei grösstmögliche Klarheit und leuchtende Formen zu Papier. Formen, die sich uns einprägen und die immer wieder auch lange Schlagschatten werfen. Aber der Titel besticht auch in der etwas kühler, ja durchaus cool vorgetragenen Hochdeutschen Version.

„Tief in meinem Herzen riecht es noch immer nach Pferdemist“, erklärt uns der in Zürich, Wien und Berlin beheimatete Chansonnier und Pianist in „1890“. Denn „Fritz konnte nicht mit Menschen, er konnte nur mit Pferden.“ Stein besingt seinen Grossvater, der im ersten Weltkrieg zwischen verreckenden Menschen zu Tode geschundene Pferde rettet, und wie er diese bei sich zu Hause im Berner Oberland aufpäppelt und später, als gesunde und kräftige Stuten, für gutes Geld verkauft. Mit seinem Gestüt und seinem Geschäftssinn verschaffte er sich schon bald weitherum Respekt. Gerade so, wie Roger Steins stilsichere Hand, mit der er den biographischen Song in zwei Idiomen verfasst hat.

Musikalisch vermag Steins neues Album allerdings noch nicht in allen Belangen restlos zu überzeugen. Formal sind seine Kompositionen professionell und rund gearbeitet. Die Instrumentierung hingegen wirft Fragen auf. Um hier gleich beim Titel „1890“ zu bleiben etwa folgende: Warum kontrastiert Stein die bauchigen Jodelklänge mit einem synthetischen Klick-Beat, bei dem man zuerst mal lange und besorgt zum CD-Player herüber blickt, weil man ihn, kaum für teures Geld erstanden, bereits für defekt hält? Konzeptionell ist der Kontrast zwar nachvollziehbar. In seiner musikalischen Umsetzung eher weniger.

Doch vieles, was Roger Stein in Konstantin Weckers Studio aufgenommen hat, ist auch stimmig und geglückt. Obwohl ja gerade Wecker, den Roger Stein als Fixstern in seinem Musikhimmel bezeichnet, in seinen Aufnahmen immer wieder etwas wagt, was Stein ganz selbstbewusst durchaus auch öfters mal wagen dürfte. Die Reduktion auf Flügel und Stimme. Das könnte gerade etwa auch bei seinen lyrischen Titeln funktionieren, dazu muss man nicht gleich über Weckers stimmliche und pianistische Rhythm and Blues-Qualitäten verfügen.

So oder so: Der Mann ist gut. Und sich über Geschmack zu streiten ist ja manchmal nicht weniger als das Salz in der Suppe einer Rezension. Und so ziehe ich als Kollege nun tatsächlich den Hut vor Roger Steint. Weshalb? Nicht zuletzt weil Stein genau über das „Salz“ einen umwerfenden Song geschrieben hat. „Reich mir mal das Salz“, als zeitgemässe Ersatzfloskel für „Hast du mir mal Feuer?“, beim Ansprechen einer Frau in einem Lokal. In diesem Lied erreicht Roger Stein eine in jeder Hinsicht beflügelnde Leichtigkeit.

Und auch weitere starke Songs seien hier erwähnt: Das „Klassentreffen“ etwa. Es ist rotzfrech und lyrisch zugleich. Von bitterer Ironie durchtränkt auch das „Mängelexemplar“. Wie schafft es der Mann bloss, uns so viel Sarkasmus mit einer kleinen Prise Charme letztlich doch so gut verträglich zu verabreichen?

Ja, und Gesellschaftskritik kann er auch. Das unkomplizierte Coming Out des schwulen „Alfred“, ist eine Wucht. Eine Geschichte, die sich zum Schluss aber leider als Lüge entpuppt, weil die Realität viel bitterer ist, als die beschwingte Geschichte, die Roger Stein uns zuerst aufgetischt hat. Das erinnert formal an Peter Bichsels „Jodok lässt grüssen“ aus dem Band „Kindergeschichten“. Ja, warum sich nicht hin und wieder – oder auch ganz generell – an den Besten orientieren?

Und schliesslich kann er auch ganz fein und lyrisch, Roger Stein, etwa wenn er „Liebesbriefe ohne Namen“ schreibt oder im Song „Peinlich“ schonungslos zu seinen Gefühlen steht.

Bleibt die Frage nach dem Titel der CD. Warum eigentlich „Lieder ohne mich“? Im Lied „Unscheinbar“ schreibt Roger Stein an seine Geliebte: „Und wenn man mich verbrennt und was auf meinen Grabstein schreibt / bist du der letzte Rest, der von mir übrig bleibt.“

Vielleicht deshalb.

www.roger-stein.com

Ein Kommentar zu “Rezension: Roger Stein – Lieder ohne mich

  1. Carina Althor
    2. September 2013

    Ich bin nach dem Reinhören begeistert!
    Roger Stein bringt mich mit seinen intelligenten Texten zum Lachen (Klassentreffen) und zum Nachdenken (Verweigerung).
    Freu mich auf das Album.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: