Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Martin Zingsheim – Der Titel ist egal

Der Titel ist egal

von Sophie Weigand

„Der Titel ist egal“ – so heißt die neue CD des Kölner Kabarettisten Martin Zingsheim. Und bei Licht betrachtet entspricht das tatsächlich in Gänze der Wahrheit. Eigentlich ist es herzlich wurscht, wie man ein Kabarettprogramm betitelt, wenn man es so stilvoll und gekonnt auszufüllen weiß wie Martin Zingsheim. Keine abgegriffenen Wortspiele, kein altbackenes Aufwärmen von Geschlechterklischees, zu denen man schenkelklopfend ein Dosenbier öffnen könnte. Nein, Martin Zingsheim ist anders und so nimmt es wahrscheinlich niemanden Wunder, dass der Kölner in den letzten drei Jahren zahlreiche Kabarettpreise gewonnen hat.

Studiert hat sich Martin Zingsheim einmal durch das geisteswissenschaftlich-universitäre Angebot – Musikwissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Philosophie. Nun bevölkert und besetzt er die Kabarettbühnen des Landes. Und er straft alle, die das für eine mehr oder weniger lebens– und alltagsferne Entscheidung halten, Lügen. „Der Titel ist egal“ ist im Großen und Ganzen eine Zusammenstellung aus Texten und Liedern, mal gefällig und kurzweilig, mal hintersinnig und bösartig. So lotet er in „Sozialromantik des Wilden Westens“ die Grenzen der deutschen Grammatik aus, überprüft sie gekonnt auf ihre Elastizität und beweist, dass eine Melodie, auch eine der Sprache, ganz im dadaistischen Sinne grammatikalische Regeln überwinden kann.

Ein bisschen laufe eine Beziehung doch ab wie eine Entführung. Gelächter im Publikum. Gelächter der Sorte, mit der das Publikum Scherze bedenkt, die scharf an der Grenze zur Geschmacklosigkeit rangieren. Sie lachen ein „Das-kann-man-aber-so-nicht-sagen“-Lachen und wissen, dass es vielleicht manchmal die Überzeichnung ist, die den Witz macht. Und die Wahrheit. „Esoerika“ ist ein Klagelied, voll Trauer über den gesellschaftlich immer mehr um sich greifenden Hang zur Esoterik, zu Bachblüten, Selbstverwirklichung und allerlei Versatzstücken fernöstlicher Lehren. Esoerika verstünde sich vermutlich bestens mit Rainald Grebes „Dörte“, die schließlich ihre Zimtlatschen auch schon bei Spinnrad kaufte.

Martin Zingsheim beherrscht den Sprung ins Politische ebenso versiert wie beiläufig. Hier besteht der Witz nicht etwa lediglich in dem Ausbreiten menschlicher Unzulänglichkeiten – der Kanzlerinnenfrisur und einer typischen Handbewegung -, sondern er wirft den Spielball stets zurück ins Publikum. „Peter Plan“ ist ein herrlich satirisches Liedchen auf Optimierungswahn und Leistungsgesellschaft, eigentlich eine konsequente Weiterentwicklung des Schneller-Höher-Weiter. Zingsheims „Telefonsinfonie“ nimmt mit wenigen Worten und dennoch unmissverständlich unsere als besorgniserregend eng einzustufende Beziehung zu unseren Mobiltelefonen aufs Korn. Einen Höhepunkt bildet ohne Zweifel Zingsheims Lied zur Südafrika-WM, das meilenweit weg führt von Vuvuzela-Charme und Waka Waka, eben dem, was sich der Durchschnittseuropäer unter Afrika vorzustellen bereit ist. Wenn er sich überhaupt etwas vorstellt.

Insgesamt glückt Martin Zingsheim nach seinem erfolgreichen Programm „Opus Meins“ mit seiner neuen CD hervorragendes Kabarett, Kabarett, wie es sein sollte. Erfrischend, eigensinnig und mit hohem Wiedererkennungswert. Volker Pispers sagte einmal, man ginge ins Kabarett, um sein Gewissen zu beruhigen, bis die Revolution kommt. Mit Martin Zingsheim beruhigt man gern sein Gewissen, ist er doch imstande, mit seinem pointierten Programm wenigstens ein Stück des schlechten Gewissens auch zurückzugeben. Lachend zuhören und denkend den Saal verlassen, hier ist es gelungen!

www.zingsheim.com

Ein Kommentar zu “Rezension: Martin Zingsheim – Der Titel ist egal

  1. mcralf
    19. August 2013

    Danke für diesen (Insider-)Tipp !

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