Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Katja Ebstein: „Sister Class – Schwester Marie Claires Lebenshilfeseminar“

Von fehlenden Vorbildern, Kleidungsfragen, zu viel „es-em-essen“, dem lieben Gott und dem noch lieberen Geld – alles Non(n)sense? Von wegen!

Hauptdarstellerin Katja Ebstein begeistert in ihrem neuen Programm die Zuschauer mit Humor, Liedauswahl und einer guten Portion Gesellschaftskritik in Texten und Ansagen

Ein Premierenbericht von Anne Drerup

Theater

Bonn, Bad-Godesberg: Zum Auftakt der neuen Spielzeit im „Kleinen Theater im Park“ hat am 20.8.2013 „Sister Class“ Premiere. Das neue Programm von Katja Ebstein, das sich kaum eindeutig in eine Kategorie einordnen lässt, zeigt wie die Künstlerin selbst viele verschiedene Facetten und hat doch eine wichtige Botschaft zugrunde liegen: Schaut hin, was eindeutig schief läuft in dieser Welt, dagegen müssen und können wir doch etwas tun!

Diese Haltung ist, wie auch einige der Lieder, für langjährige begeisterte Zuhörer von Katja Ebstein nicht neu oder ungewöhnlich– denkt man zum Beispiel an ihre Kleinkunstprogramme zu Lyrik von Brecht und Heine oder an „Na und – wir leben noch!“ Überraschter sind gewiss jene Zuhörer, deren Bild der Künstlerin sich hauptsächlich auf die Grand Prix- und Schlagererfolge gestützt hat. Und doch eröffnen die Lieder durch die Rolle sowie die Zwischenbemerkungen der selbstbewussten und querdenkenden Ordensschwester Marie Claire einen ganz anderen, sehr unterhaltsamen und zugleich gesellschaftskritisch ernstzunehmenden Kontext: Die Rahmenhandlung, auch wenn man nicht von einem Theaterstück sprechen kann, besteht aus Lebensepisoden der Nonne und erklärt ihre Beweggründe für die Berufswahl. Aufgewachsen in Brooklyn als Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines sächsischen Fräuleins vom Lande (die Episode des Kennenlernens der Eltern wird sehr unterhaltsam im Dialekt geschildert!) auf der „falschen, weil armen Seite“ der Brücke. Nach der ersten, durch den Unwillen der Eltern zerstörten großen Liebe zu dem farbigen Johnny, dem Sohn eines Reverends, wird ihr sehr jung klar, dass es ihr Ziel und ihre Bestimmung ist, Menschen zu helfen. Und dies versucht sie im Kloster zu erfüllen, unter strenger Aufsicht der Mutter Oberin Ignatia Regina, die ihr nur widerwillig die Erlaubnis zum Lebenshilfeseminar erteilt hat und in Form eines Portraitfotos anwesend ist. Man ahnt, dass dies auf die Dauer nicht gutgehen kann…

Von Anfang an wird das Publikum, Verzeihung, werden die Seminarteilnehmer in das Geschehen integriert – auch wenn nicht, wie zunächst angekündigt, tatsächlich jeder auf die Bühne tritt, um sein persönliches Problem zu schildern. Man wird jedoch direkten Fragen ausgesetzt und an manchen Stellen, z.B. bei Miriam Makebas „Pata, Pata!“, zum mitsingen animiert, und zwar egal, ob man den Text versteht („Sie können auch Mayonaise singen!“)

Nachdem Hausmeister Karl (hervorragende Slapstickeinlage des technischen Leiters Lutz Arkenrath) den Raum vorbereitet hat, begrüßen Schwester Marie Claire und ihr tollpatschiger Assistent, Franziskanerbruder Stefan (ebenfalls ein großes komödiantisches wie musikalisches Talent: Pianist Stefan Kling) freudig „so viele Leute!“ und ermutigen buchstäblich gleich mit dem Lied „Kopf hoch, Schätzchen!“ dazu, denselbigen weder hängenzulassen, noch in den Sand zu stecken. „Geht es jetzt schon besser? Na, seht ihr, Kinder!“ lautet daraufhin Schwester Marie Claires Kommentar. Sie muss sich morgens vor dem Kleiderschrank zwar keine Gedanken machen, was sie anziehen soll, doch wird im Verlauf des Abends deutlich, welche Themen und Probleme ihr im Kopf herumschwirren: Ob es um Verschwendung auf Seiten der Reichen und dagegen soziale Ungerechtigkeit geht, wie z.B. in den Liedern „Ungläubig“ (Kann ich dem trauen, was ich weiß? Soll ich das glauben, was ich seh? Wie wertvoll wird ’ne Hand voll Reis, wenn ich den Blickpunkt mal verdreh‘?), „Wölfe und Schafe“ (Du sagst ja, die ander’n nein, doch schließlich willst du so wie alle anderen sein!) oder auch dem verzweifelten Aufruf „Du lieber Gott“ (… komm doch mal runter, und schau dir die Bescherung selber an!) uva., oder ob sie sich über die „Generation Facebook“ aufregt – „Manche sitzen ja sogar direkt nebeneinander und es-em-essen!“(Originalzitat) , weil man „Freunde“, wie sie es besingt, doch viel besser in Wirklichkeit treffen und sprechen kann, oder ob sie fehlende Vorbilder und nicht vorhandene Erziehung beklagt, sehr eindrucksvoll mit ihrem Rap „Immer dann“ (2012) aus „Cover my song“ – Energie und Puste gehen ihr dabei nicht aus. Nebenbei muss sie auch manches Mal Bruder Stefan wecken sowie Seminarinhalte auf einem Flipchart illustrieren – wie zum Beispiel die 5 großen „L“ eines glücklichen Lebens, was an dieser Stelle aber nicht näher verraten werden soll. Natürlich gibt es aber auch sehr gefühlvolle und ermutigende Stücke, wie „Wo man Zuhause ist“, „Ich hab ein zärtliches Gefühl“ oder die Ballade „Sei nicht alt“ (2005) – die nicht, wie man vermuten könnte, widerspiegelt, dass man äußerlich an einem jugendlichen Schönheitsideal mit allen Mitteln festhalten sollte, nein, das ganz und gar nicht, sondern dass man sich nicht unnütz fühlen und sich in sich selbst zurückziehen soll, wenn man älter wird – was wir schließlich alle werden!

Kritik an der Kirche (nicht am Glauben!) lässt ebenfalls nicht auf sich warten, was sogar so weit geht, dass im zweiten Teil plötzlich keine Ordensschwester, sondern eine „Tatchristin“ in Heilsarmeeuniform das Seminar abhält – Beten und Gartenarbeit war ihr zu wenig, und durch die Unnachgiebigkeit der Mutter Oberin ist Schwester Marie Claire kurzerhand aus dem Orden ausgetreten. Was sie aber nicht davon abhält, weiterhin in ihrem Sinn für eine bessere Welt zu missionieren (sehr schön in diesem Zusammenhang: „Wilde Wasser“ (2005) oder das ABC des Heilsarmee-Sprüchekalenders, so z.B. „B wie: Beten ist die Schnäppchenversion von Geben“ oder „G wie: Geld macht glücklich, wenn man es verschenkt!“) „Selber denken macht Spaß!“, heißt es an anderer Stelle nachdrücklich. Zuneigung und der Wille zur Versöhnung, zum Frieden zählen aber genauso dazu, wünscht man sich ein erfülltes Leben. Und eine Prise Humor kann auch nicht schaden – dieser zeigt sich unter anderem bei den eingeflochtenen Evergreens „Theater, Theater“ und „Wunder gibt es immer wieder“, nicht ohne sich selbst ein wenig aufs Korn zu nehmen bzw. eine gewisse Ironie mit dem Text zu verknüpfen.

Wenn es sich aber nicht um ein Theaterstück handelt, was ist „Sister Class“ dann? Liederabend wäre zu kurz gegriffen, auch wenn die Lieder sicherlich im Fokus stehen. Katja Ebstein, ihrem Pianisten Stefan Kling und dem Regisseur Peter Nüesch ist etwas Einzigartiges gelungen. Haben sie doch aus dem ursprünglichen amerikanischen Musical innerhalb von 14 Tagen intensiver Probenarbeit ein neues, eigenes Programm entwickelt. Eines, das den Nerv unserer Zeit und Gesellschaft trifft, trotz Kritikmomente aber auch immer wieder zum Lachen bringt und seinen Zuhörern vielseitigen Musikgenuss beschert. Wer nun neugierig geworden ist und sich auch einmal in „Sister Class“ von Katja Ebstein „coachen“ lassen möchte, hat bis Ende September in Bad-Godesberg, im November vorrangig in Neuwied und im März nächsten Jahres an diversen anderen Spielorten dazu Gelegenheit. (Tourdaten unter www.musicalzentrale.de)

Theater

Mit Dank an Kleines Theater Bad Godesberg für die zur Verfügung gestellten Bilder.

www.katja-ebstein.de

Ein Kommentar zu “Katja Ebstein: „Sister Class – Schwester Marie Claires Lebenshilfeseminar“

  1. wrady
    11. September 2013

    Hat dies auf trauma Hilfe rebloggt.

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