Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Ein Achtel Lorbeerblatt präsentierte: Stephan Graumann live im Budzinske

budzinskegraumann

Ein Konzertbericht von Rike Krüger

Am 5. September fand der nun schon dritte EAL-Liederabend im Café Budzinske statt – wieder ein sehr schöner, stimmungsvoller Abend. Passen doch Stephan Graumanns Lieder ganz wunderbar in das gemütliche Cafe Budzinske, das gut gefüllt war. Er freute sich ganz augenscheinlich, ihm bekannte und unbekannte Gesichter im Publikum zu entdecken. Und ich hatte den Eindruck, das erwartungsvolle Publikum genoss den Abend sehr und ging anschließend zufrieden und erfüllt nach Hause…

Gleich mit dem ersten Lied zwei seiten lässt Stephan Graumann sein Publikum schon mal ahnen, dass seine Texte widerspiegeln, was er in seinem Alltag als Psychologe, Familienmensch und Liedermacher erlebt – privat und beruflich – und was er daraus für Schlüsse zieht. In diesem Lied also, dass alles (mindestens) zwei Seiten hat. Keine unbedingt neue Erkenntnis. Aber, so wie Stephan Graumann diese umsetzt, ist da weder Plattheit noch Attitüde. Mir gefällt es. „Alles was endet, ist auch Beginn…“.

Mit dem Lied voller klang erklärt Stephan Graumann, warum er Lieder schreiben und singen muss, denn wer so voller Klang ist, braucht ein Ventil, – und was für eine schöne Fügung, wenn dabei dann ein so angenehmer Klang in die Welt hinaus schallt.

Was er macht, erklärt sein Lied lieder immer wieder lieder – fast schon eine Hymmne auf die Lieder, die „lebenslang eine Welt aus Klang“ weben.

Die danach folgenden Lieder können getrost unter dem Oberbegriff „Lieder über das Leben, über Liebe in verschiedenen Varianten und über Freundschaft “ zusammengefasst werden.

Mit jeder mensch braucht eine liebe macht Stephan Graumann eindrücklich klar, dass die Liebe in verschiedener Form für jeden Menschen nahezu lebenswichtig ist. „Jeder Mensch braucht eine Liebe, die ihn ausfüllt, die ihn wärmt, ohne die er einsam bliebe – ausgezehrt und abgehärmt…“

Danach erläutert er, was er damit meint: Nicht nur die leidenschaftliche Liebe zwischen Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau – sondern auch Freundschaft und die (nicht sexuell gelebte!) Liebe zwischen Erwachsenen und Kindern oder Liebe in der Familie.

Das Lied wenn du der Liebe sagst ist meiner Ansicht nach zu Recht in den Monaten August und September in die Plazierung der Liederbestenliste aufgenommen worden. Auch wenn ich persönlich andere Lieder der CD bevorzuge, verstehe ich, dass die „gelernten Kritiker“  sich dieses Lied über die Unmöglichkeit, der Liebe zu sagen, sie soll aufhören, herausgesucht haben.

Stephan Graumanns Lied auch ein kinderlied zum Thema misshandelte und/oder missbrauchte Kinder kannte ich schon von der CD. Trotzdem hat er mich und offenbar so manch anderen im Publikum tief berührt – mit seinem Lied und mit den sich daran anschließenden Worten.

Bei hugo, otto, elise und irmgard einem Lied über seine Großeltern, reflektiert er darüber, welchen Einfluss diese Generation auf sein eigenes Leben hatte – ein anrührendes Lied zum Thema Familie, das ich schon auf der CD sehr mochte.

Stephan Graumann verfolgt sein Thema weiter und erzählt, dass er sehr schöne Erinnerungen an seine Internatszeit beim Rundfunkjugendchor Wernigerode hat. Konnte er dort doch Freundschaften schließen, die bis heute halten. Die nachfolgenden beiden Lieder sind anlässlich von bzw. nach Klassentreffen mit seinen ehemaligen Mitschülern entstanden.

In kenn dich irgendwie von früher sinniert er darüber, was ihn wohl früher mit einem ihm jetzt irgendwie fremden Menschen verbunden haben mag.

In dem Lied klassentreffen, das  leider nicht auf seiner CD zu finden ist, hat er seine Empfindungen und seine Betroffenheit verarbeitet, als er hörte, dass eine ehemalige Mitschülerin ihre Tochter bei einem Unfall verlor – eine Angstvorstellung wohl für alle Eltern. Wieder keine leichte Kost für das Publikum, das ganz offenbar kollektiv einen dicken Kloß im Hals hatte. Und auch der Sänger meinte, er brauche danach Trost – einen Trost, den ihm song – lied spende. Der englische Text ist von Christina G. Rosetti, die deutsche Nachdichtung von Wilhelm Klemm. Stephan Graumann hat dafür eine wunderbare Melodie gefunden. Auch ich fühle mich getröstet von diesem Lied.

Dann erzählt Stephan Graumann noch von seinem ersten Klassentreffen 5 Jahre nach dem Abitur. Aus der Liste der Vornamen seiner Klassenkameraden, die er fertigte um festzustellen, ob er sie noch alle wisse, ist ein wunderbares kleines, verklärtes Namenlied entstanden, mit dem er sein Publikum in die Pause entließ.

Der zweite Teil seines Konzertprogramms beginnt mit schritt für schritt – sehr schön plaziert, beginnt es doch mit den Worten „Tage wie dieser sind immer wieder Brücken zwischen Zukunft und vergangner Zeit.“ und fordert es doch dazu auf, nicht stehen zu bleiben, weil der Weg ja beim Weitergehen entsteht – egal wie weit. Eines meiner Lieblingslieder von Stephans CD „Leise Lieder in lauter Zeit“.

Das folgende Gedicht (oder wie er es nennt „Lied ohne Melodie“) fünfzig hat Stephan Graumann anlässlich seines letzten runden Geburtstages geschrieben. Und es zeugt davon, dass er nicht nur lebensklug ist, sondern auch eine gehörige Portion Humor besitzt – sicher beides Eigenschaften, die ihm in seinen beiden Professionen hilfreich sind.

Die etwas schräge Wortwahl behält er im für seine Verhältnisse recht peppig geratenen lass mal gut sein bei – fast schon eine Hommage an einen liebenswerten Patienten.

In ob aquator nordpol südpol mond singt er in ganz eigener Weise wieder über eine alte Lebensweisheit – den eigenem ich kann man einfach nicht entfliehen – egal wohin man sich flüchten mag. Aber: „manchmal hilft ja ,einfach still zu steh‘n / und zu seh‘n, werk kommt mit mir, / und mit denen dann Haus zu geh‘n, / vielleicht sucht man dort schon nach dir“ – schön!

Danach wieder ein Lied, das aus einer Lebensgeschichte eines dem Sänger wichtigen Menschen entstanden ist: vielleicht jedoch. Ein Lied darüber, dass manchmal eben doch nicht alles so kommt, wie man es plant. Und auch ein Lied über Freundschaft, Mut, und Achtung voreinander. Eben ein Lied, das Kraftquelle sein kann; für die Hörer und vielleicht jedoch auch für den Sänger.

Mit ich falte diesen Tag schickt Stephan Graumann uns wieder auf die Reise – an Bord von Papierschiffchen – beladen mit Schätzen: Lachen, Salz und Wein – und der Möglichkeit, selbst das Ziel der Reise zu bestimmen.

Das Gedicht tiererlebnis zeigt wieder die witzige Seite des Stephan Graumann und lässt mich zurück mit dem Wissen, dass man ganz schön besch… dran sei kann, wenn der Amselhahn richtig zielt.

Danach wieder ein wichtiges Lied über Wichtiges und Unwichtiges: in china fällt ein sack reis um. Stephan Grauman macht hier auf eindingliche und humorvolle Weise klar, um wieviel – ja ich nenn`es jetzt mal Mückenschisse – wir uns in unserer Wohlstandsgesellschaft Gedanken machen, während die Menschen anderswo ganz andere – echte – Probleme haben.

Das Lied tränen an der ampel hat Stephans Worten nach – in denen er Reinhard Mey zitiert – das Leben in die Feder diktiert. Ein tolles Lied darüber, dass nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag.

Danach singt Stephan Graumann über angst und bemerkt fast beiläufig, dass es hier nicht um Furcht geht. Ein Lied, das leider nicht auf der CD „Leise Lieder in lauter Zeit“ zu finden ist. Und ein Lied, das mich in meiner Meinung bestärkt, dass Stephan aus 30 Jahren Liedermacherei noch genügend Material hat, um hoffentlich bald eine zweite CD „nachzulegen“.

Mit letzten Lied der CD am ende beendet Stephan Graumann auch sein offizielles Programm. Ein leises, ein Mut machendes Lied – am Ende wird alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, wars halt doch noch nicht der Schluss…

Zugaben

Stephan Graumann vertont auch fremde Texte: Wie das Gedicht John Anderson my Jo (Text englisch Robert Burns, deutsche Übersetzung Ferdinand Freiligrath) – wie er sagt, einer der schönsten Texte über Freundschaft, die er kennt. Ich mag auch Stephans Melodie dazu sehr.

Fast zum Schluss entführt Stephan Graumann uns noch in die Zeit, als seine Kinder noch klein waren und in der Ich schenk dir eine Tigerente entstand – ein Lied mit guten Wünschen für gute Freunde. Das wäre auch ein schöner Abschluss gewesen. Aber sein „Rausschmeißer“ Taler im Hut hat mir auch sehr gefallen.

Was nehme ich mit von diesem Abend?

Schöne Erinnerungen an wunderbare Lieder, gute Gespräche mit Gleichgesinnten, die ich im Publikum getroffen habe und die Zuversicht, dass mit den EAL-Liederabenden im Budzinske langsam eine schöne Tradition entsteht. Ich bin glücklich, wenn ich dabei sein kann.

Lesen Sie auch die Rezension von Anne Drerup zu CD „Leise Lieder in lauter Zeit“: hier klicken

www.stephangraumann.de

Ein Kommentar zu “Ein Achtel Lorbeerblatt präsentierte: Stephan Graumann live im Budzinske

  1. Anne Drerup
    15. September 2013

    Ein sehr schöner Konzertbericht, Rike! So ist man doch ein wenig dabei, auch wenn man nicht im Budzinske sein konnte. Danke!

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