Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Liederpreis 2013: Laudatio auf Wenzel

Wenzel 2013-18©Ingo Nordhofen Kopie

Im Rahmen des Liederfest 2013 im Mainzer unterhaus wurde Wenzel mit dem Liederpreis 2013 ausgezeichnet. Einem der inzwischen wichtigsten Preise, den die deutschsprachige Kleinkunstszene zu vergeben hat. Die sehr schöne Laudatio auf Wenzel stammte von WDR 5-Redakteur und Jury-Mitglied Hans Jacobshagen, die wir an dieser Stelle mit Genehmigung von Herrn Jacobshagen für unsere Leser und die vielen Wenzel-Enthusiasten sehr gerne zum Nachlesen abdrucken wollen.

Einen ausführlichen Bericht zur Preisverleihung mitsamt weiterer Fotos finden Sie HIER.

Text (Laudatio): Hans Jacobshagen / Foto: Ingo Nordhofen

Lieber Hans Eckardt,

lieber Wenzel,

ich freue mich, dass ich heute eine kleine Lobrede auf dich halten darf. Und ich beschränke mich dabei bei den Stationen deiner Biografie auf Dinge, die mit dem unterhaus oder mit der Liederbestenliste zu tun haben. Ich hoffe, dir damit trotzdem einigermaßen gerecht zu werden. Wir beide haben uns 1991 kennen gelernt. Du warst hier im Mainzer unterhaus und hast gemeinsam mit deinem damaligen Bühnenpartner Steffen Mensching den Förderpreis zum Deutschen Kleinkunstpreis erhalten. Ich kannte euch vorher nicht, war also für das erfreuliche Votum eher weniger zuständig. Aber mir ist von diesem Abend eine Textzeile in Erinnerung geblieben, die an Weitsicht kaum zu überbieten ist:

„Die eine Welt verschweizt, die andere Welt verheizt, was übrigbleibt verhungert.“ Was damals für viele noch gar nicht so deutlich war, weil der Kapitalismus sich noch vom Untergang des Kommunismus ernährte, heute sehen wir, dass es wahr ist.  Du standest in der Vorwendezeit und auch danach für Veränderungen; das ist so bis heute. 2002 hast du den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Lied/Chanson verliehen bekommen. Und „Grünes Licht“ hieß die Produktion, die damals gerade erschienen war. Literarische Beobachtungen der Heimat, das Schicksal begabter Musiker aus Russland, die ihr Leben als Straßenmusiker fristen, und der Streit um einen Käse, der keine Hotline hat, wodurch eine Beziehung endet, waren einige der Themen. Großartig! Wäre es nicht Musik, wäre es literarisches Kabarett, aber es ist beides in einer unglaublichen Vielfalt.

Vor zwei Jahren hat Dirk Raulf, ein Musiker aus Köln, mit mir als verantwortlichem Redakteur eine Revue zum 70. Geburtstag von Bob Dylan zusammengestellt. Wenzel hat zugesagt. Wochenlang hat er an den Übertragungen der Dylan-Texte gearbeitet, Masters of war – Meister des Kriegs, das derzeit in der Liederbestenliste steht, war einer der Titel.  Es hätte ja nicht gereicht, diesen über 50 Jahre alten Klassiker einfach zu übersetzen, dessen Kraft uns beim Hören immer noch beeindruckt. Das musste anders werden, neue Facetten auftun, um heute wahr zu sein: So beginnt Wenzel ähnlich wie Dylan, zieht dann aber deutlicher als der die Verbindungen zum gnadenlosen Kapitalismus, der die Listen der Toten erst möglich macht: „Ihr habt erfunden die Angst, die wie Asche auf uns fällt“. Der junge Dylan ist da zögerlicher, fragender. Aber im Schluss sind sich beide wieder sehr nah: Meister des Kriegs – „Und ich wünsch euch den Tod – And I hope that you die, and I stand over your grave, til I´m sure that your dead – werde warten am Grab, bis verschwunden ihr seid, bis ich sicher, dass ihr tot seid, tot für alle Zeit.“ Es sind wohl diese Präzision und Sorgfalt, die Nora Guthrie dazu bewogen haben, das Woody Guthrie Archiv für Wenzel zu öffnen. Von diesem Urvater aller Singer-/Songwriter gab es nämlich unzählige Texte; Noten gab es meist nicht. Und Nora suchte Menschen, von denen sie glaubte, dass sie das Erbe ihres Vaters gut neu einkleiden könnten. Neben dem Engländer Billy Bragg und der Amerikanerin Jonatha Brooke kam sie auf den Deutschen Hans Eckardt Wenzel, der ja nicht nur Melodien finden sollte, sondern auch Texte übertragen. Und so erschien 2003 die CD Ticky Tock – einmal auf englisch, einmal auf Deutsch. Diese Produktion zeigt, wie Wenzel die alten Texte musikalisch in die neue Zeit trägt. Weil:  er übersetzt nicht einfach so wörtlich. Warum sollte man das auch heute tun. Er findet den aktuellen Gehalt der Lieder und schafft neues, das er in das alte integriert. Und so spannt sich der Bogen zu dem Lied, für das Wenzel heute den Liederpreis der Liederbestenliste erhält: Die deutsche Übertragung von Woody Guthries „This Land ist your Land“. Diese inoffizielle Nationalhymne beschreibt die Schönheit Amerikas. Ich denke wir alle kennen dieses Lied, das in den 1960ern noch einmal durch Peter Paul and Mary und Pete Seeger sehr berühmt wurde, Bruce Springsteen veröffentlichte es auf seinem Album Live 1975 – 1985: „one of the most beautiful songs ever written about America“.  Aber Woody schrieb auch diese Zeilen, die in vielen Veröffentlichungen fehlen und dem Lied eine andere Wendung geben:

There was a big high wall there, that tried to stop me;

Sign was painted, it said private property;

But on the back side it didn’t say nothing;

This land was made for you and me.

Und er beschreibt in einer Strophe den Hunger und die Not:

In the squares of the city, In the shadow of a steeple;

By the relief office, I’d seen my people.

As they stood there hungry, I stood there asking,

Is this land made for you and me?

Wenzel hat sich auch dieses Liedes angenommen, für das er freilich keine Melodie mehr erfinden musste. Und natürlich ist es nicht mehr zeitgemäß für den Humanisten und Menschenfreund in Staaten zu denken. Und so wurde aus „This Land is your Land“ „Die Erde ist da für dich und mich“.  Für Nora Guthrie ist es wichtig, dass Woodys Lieder in den neuen Fassungen so klingen als wären es Lieder derjenigen, die sie vortragen. Und Wenzel hat die Gabe, die Songs in seinen neuen Textfassungen modern werden zu lassen. „Die Länder der Erde gehören keinem alleine, die Himmel, die Meere, die Blumen, die Steine“.  Wenzel beschreibt auch die Schönheit der Welt , stellt aber sehr selbstverständlich fest: „Die Erde ist da für dich und mich“.  Er greift dabei Woodys Motive aus diesem und andren Liedern auf – und dieses eine möchte ich noch zitieren, denn wir werden das Lied ja gleich hören. „Die Ufer und Berge, von denen wir träumen, die Wege die enden an endlosen Zäunen, gehörn keinem Käufer, keinem Präsidenten, denn die Erde ist da für dich und mich“. Wenzel bringt auf diese Weise die Zeitlosigkeit von Woody Guthries Gedanken in eine neue Form, er relativiert die überschwängliche Begeisterung des Originals aber auch die etwas resignative Kritik an den Zuständen. Es ist eine revolutionäre Aufforderung: Leute: Das ist eure Welt, es gibt nur die eine, nutzt und behandelt sie verantwortungsvoll.

Lieber Hans Eckardt: Ich denke mit diesem Lied ist dir auch diesmal – wie schon mit vielen anderen Liedern – ein ganz großer Wurf gelungen. Ein Song, dem ich ganz viele Zuhörer wünsche, der Mut macht, wo immer in der politischen Auseinandersetzung Mut gebraucht wird. Er ist eine Hymne.

Herzlichen Glückwunsch zum Liederpreis 2013!

Hören Sie auch ins Herbstgewitter – unsere wöchentliche Radiosendung rund um Chansonniers und Liedermacher. Zur aktuellen Ausgabe: HIER entlang.

Der Laudator:

Hans Jacobshagen ist seit den 70er Jahren in Sachen Kleinkunst, Kabarett Chanson und Lied medial unterwegs. Als freier Mitarbeiter im Südwestfunk Mainz fing alles an, schon bald kamen Arbeiten für den WDR, BR, SDR, RIAS, SR, DLF und andere Rundfunkanstalten hinzu. 1993 ging er fest als Redakteur der Programmgruppe Unterhaltung zum WDR und ist dort neben vielen anderen Aufgaben auch für die Bereiche Lied und Chanson zuständig.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. September 2013 von in Liedermacher, U-Z, Uncategorized, Wenzel und getaggt mit , , , , , , .
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