Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Preisverleihung der Liederbestenliste, 21.September 2013. Ein Rückblick.

Wenzel & Nora Guthrie 2013-05_© Ingo Nordhofen Kopie

Text: David Wonschewski / Fotos: Ingo Nordhofen

Als einer der wichtigsten Preise der deutschsprachigen Kleinkunstszene hat sich mittlerweile der Liederpreis etabliert, ausgelobt von der Jury der Liederbestenliste – und in diesem Jahr verliehen beim Liederfest im Mainzer unterhaus. Eröffnet im Jahr 1966 gehört dieser Veranstaltungsort bekanntlich  zu den bedeutendsten Zentren der Kleinkunst, als Kabarettist oder Liedermacher dort aufgetreten zu sein adelt eine jede Künstlervita – wie es auch für in diesen Bereichen tätige Journalisten als durchaus zwingend erachtet werden kann, regelmäßig dort vorbeizuschauen. Dass auch der renommierte  Deutsche Kleinkunstpreis jährlich an gerade diesem Orte verliehen wird, erscheint vor diesem Hintergrund nur folgerichtig, wie auch die Entscheidung der Liederbestenliste, ihr annuales Liederfest nach 2012 ein weiteres Mal im unterhaus auszutragen aufgrund der guten Zusammenarbeit mit dem Haus rückblickend auch für 2013 nur als richtig bewertet werden kann.

Da es sich bei dem Liederfest in erster Linie um eine Preisverleihung handelt, sind auch in diesem Jahr zwei der insgesamt drei musikalischen Programmpunkte sozusagen „gesetzt“ gewesen, wurde in der Berliner Liedermacherin Maike Rosa Vogel doch eine würdige Empfängerin des diesjährigen Förderpreises ausgemacht, sowie im inzwischen zum vierten Mal auf diese Weise geehrten Wenzel der Gewinner des Hauptpreises, dem Liederpreis der Liederbestenliste 2013.

Die Strottern 2013-17_© Ingo Nordhofen KopieEingeleitet wurde der Abend jedoch von den Strottern, einem österreichischen Duo, das in bester Wiener Tradition mit viel Melancholie, Sarkasmus und Schmäh zu punkten wusste. Klemens Lendl und David Müller, die beiden Mitglieder der Strottern, widmeten sich auf der Bühne dem Wienerlied und vollbrachten genau das – diverser Dialektherausforderungen für das deutsche Publikum zum Trotz – mit einem derartigen Charme und Humor, dass an diesem Abend selbst ungeübte Ohren kaum genug zu bekommen schienen von den beiden. Im alten Wien war ein Strotter im Übrigen eine Art Gauner, besser: einer, der nach Verwertbarem sucht. Und genau das fanden im unterhaus auch die Strottern in ihren Gstanzln, Couplets und Tänzen, die sie aus vierhundert Jahren Wienerlied zusammengetragen haben. All das „klug aufpoliert und zukunftsfähig gemacht“ zu haben, wie ihnen bereits bei der Verleihung des Deutschen Weltmusikpreises Ruth 2012 attestiert wurde, macht den hohen Reiz einer jeden Live-Darbietung der Strottern aus. Kurzum: Eine Band, die fraglos so unterhaltsam und vielschichtig ist, dass sie bei nächster Gelegenheit einmal abendfüllend in Augenschein genommen werden sollte.

Die Strottern 2013-05_© Ingo Nordhofen KopieÜber die erste Auszeichnung ihrer Karriere durfte sich im Anschluss an die Strottern Maike Rosa Vogel freuen, die mit dem Förderpreis der Liederbestenliste bedacht wurde. In der Begründung der Jury hieß es dazu: „Kann man innovativ sein und zugleich hoffnungslos altmodisch? Und wie: Maike Rosa Vogel macht es vor. Im Auftreten entspricht sie ganz der klassischen Singer-/Songwriterin. Gitarre und Gesang – fertig. Ab und zu eine Mundharmonika oder ein sparsames Bläserarrangement. Aber das war es dann schon. Sie sagt, was sie zu sagen hat, ohne Umwege: kantig, kompromisslos und konsequent. Durch ihre Texte weht der Geist der 68er. Vogel lässt sich das Träumen nicht verbieten. Das wirkt zunächst naiv, doch ihre Denkanstöße gehen tiefer, brechen die zynischen Gewissheiten auf, in denen man sich allzu gerne eingerichtet hat und treffen den Nerv der Zeit. Trotzig und herausfordernd formuliert sie ihre Sehnsucht nach Leben und wirkt dabei durch und durch authentisch. Das politische Statement speist sich stets aus persönlicher Erfahrung.“ Wie berechtigt diese Worte und damit auch der Preis sind, führte Maike Rosa Vogel direkt im Anschluss vor, ein Auftritt, der nicht nur durch ihre sehr besondere, in fast schon wahnsinniger Lebenssehnsucht erstickende Gesangstechnik faszinierte – eine Gesangstechnik, die jedoch keineswegs gelernt und einstudiert daherkommt, sondern so authentisch als nur eben vorstellbar – sondern mit ihren Texten , die mit einer packend-emotionalen Sozialkritik ausgestattet sind, wie sie nur selten noch zu finden ist bei Nachwuchsmusikern.

Michael Kleff & Maike Rosa Vogel 2013-03_© Ingo Nordhofen Kopie

Maike Rosa Vogel 2013-02_© Ingo Nordhofen KopieDen Höhepunkt des Abends bildete nach einer kurzen Pause im zweiten Programmteil dann jedoch ganz klar die Auszeichnung für Wenzel mitsamt dessen nachfolgender Performance. Vor zehn Jahren veröffentlichte Wenzel als erster deutschsprachiger Poet und Sänger mit „Ticky Tock“ eine ganze CD mit von ihm übersetzten und vertonten Texten von Woody Guthrie. Beim diesjährigen Liederfest bekam er für seinen Titel „Die Erde ist da für dich und mich“ von der CD „Woody100 live“ nun den Liederpreis 2013 der Liederbestenliste. Das Lied – eine deutschsprachige Übertragung des Songs „This Land Is Your Land“ von Woody Guthrie – bekam im Wertungszeitraum der Liederbestenliste von Mitte 2012 bis Frühjahr 2013 über sieben Monate die meisten Punkte der Jury und stand davon vier Mal auf Platz 1. Bereits die Laudatio geriet hier zum Event, war es doch niemand Geringeres als Woody Guthries Tochter Nora Guthrie, die Wenzel diesen Liederpreis übergab. Ein Preis, den Wenzel zuvor bereits 2001, 2005 und 2008 erhalten hatte.

Wenzel & Nora Guthrie 2013-01_© Ingo Nordhofen Kopie

Laudator Hans Jacobshagen, Wenzel, Nora Guthrie & Michael Kleff 2013-01_© Ingo Nordhofen KopieDass Wenzel ein Künstler ist, den man noch immer gesehen haben muss, um ihn wahrhaft zu glauben, unterstrich er direkt im Anschluss mit seiner dreiköpfigen Band, bei der – es kann nicht direkt genug gesagt werden – jeder Musiker für sich bereits ein kleines Highlight darstellte, mit Wenzel im Quartett das unterhaus jedoch mit einer Spielfreude beschallte, die an dieser Stelle weder adäquat in Worte, noch in Sätze zu fassen ist. Dass Wenzel zudem zu den wenigen Musikern gehört, die allein für ihre pointiert-weisen Zwischentexte Eintritt verlangen könnten ist hinlänglich bekannt. Vor allem die Stücke seines aktuellen Albums „Widersteh, solang du’s kannst“ unterstrichen dabei, dass der gebürtige Wittenberger – berechtigte Ehrung hin, berechtige Ehrung her – gar nicht der Werke anderer Künstler bedarf, um sein Ausnahmetalent zu präsentieren.

Weit über drei Stunden Liedermacherkunst, so vielfältig zusammengesetzt wie nur eben möglich, bot dieser Abend, durch den die Journalistin und Jury-Mitglied Petra Schwarz souverän und mit viel Repertoirekenntnis zu führen wusste. Als Laudatoren betätigten sich neben Nora Guthrie die Journalisten Peter Eichler (Mitteldeutscher Rundfunk; Maike Rosa Vogel), Hans Jacobshagen (Westdeutscher Rundfunk; Wenzel) und Michael Kleff (Chefredakteur Folker, Vorsitzender der Liederbestenliste).

Nun denn – auf ein Neues 2014!

Wenzel 2013-04_© Ingo Nordhofen Kopie

Hören Sie auch ins Herbstgewitter, unsere Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Zur aktuellen Ausgabe: HIER entlang.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. September 2013 von in Konzertberichte, Liedermacher, U-Z, Uncategorized, Vogel, Maike Rosa, Wenzel und getaggt mit , , , , .
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