Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats November/2013: Annett Kuhr – Nochmal von vorne!

Booklet

Lieder, die man zur Entspannung immer wieder „Nochmal von vorne!“ hören könnte

von Anne Drerup

Annett Kuhrs Lieder und Chansons laden auf ihrem gleichnamigen dritten Album zur Entschleunigung und einer bewussteren Lebensweise ein – oder einfach zu einer angenehmen Pause vom hektischen Alltag!

Eine warme, angenehme Stimme zur Gitarre, Liedtexte und Melodien voller Tiefgang, detaillierte Momentaufnahmen und – der wohl größte Luxus in unserer hektischen, beschleunigten Welt – Ruhe und Zeit, dies zeichnet Annett Kuhrs neueste CD „Nochmal von vorne!“ aus. So eignet sie sich wunderbar zum Entspannen nach einem stressigen Tag oder zur Untermalung einer gemütlichen Pause und ermutigt zum Innehalten und Entschleunigen.

Zeit, dies ist eines der wichtigsten Themen in den Liedern und Chansons, und Zeit hat sich auch die Musikerin für Komposition und Liedauswahl genommen – laut eigener Angaben blicken manche Lieder auf eine lange Entstehungszeit zurück, im Falle des Liedes „Eindeutigkeit“ gab es die Grundidee sogar schon Anfang der 90er-Jahre – fertiggestellt wurde es vor kurzem. Dass gut Ding Weile haben will, trifft auf diese Musik eindeutig zu.

Nach „Wenn ich mal tot bin, mach ich, was ich will“, einem CD-Programm mit zusammengestellten Lieder renommierter Liedermacher zum Thema Tod, und ihrem zweiten Album „Liebe zum Detail“, das im Gegensatz dazu ausschließlich eigene Texte und Kompositionen enthält, ist Annett Kuhr bei ihrer dritten CD eine stimmige Mischung aus eigenen und Liedern (befreundeter) Kollegen gelungen:

Die Zeit tickt…und wirkt positiv wie negativ auf dich ein, heißt es in der deutschen Version von Herman van Veens „Eine kleine Frist“ – ein Lied, das zunächst sehr ernst wirkt, später aber durch die Pointe: Die Zeit tickt die Sonne auf die Welt / Und wenn sie herunterfällt/ Dann ist die Uhr kaputt! eine gewisse Gelassenheit siegen lässt. Passend dazu ist die schlichte Gitarrenbegleitung im Staccato, welches das Ticken unterstreicht. Als Pendant unter ihren eigenen Liedern passt am ehesten „Eindeutigkeit“ dazu – darin geht es um die Sehnsucht nach Sorglosigkeit, eindeutiger Sinnhaftigkeit, in gewissem Maße auch nach Einfachheit, um „frei, einfach zu sein“ sein zu können.

Das Thema „Zeit und Entwicklung“ beleuchten ebenfalls die aufgenommenen und teils bearbeiteten Lieder „Die Sekunden“ von Phillipp Schmidt-Rhaesa (Jede Sekunde wird nur eine Sekunde alt/ nicht für eine Sekunde machen die Sekunden halt/ in jeder Sekunde hört etwas auf, zu sein/ und in jeder Sekunde setzt etwas Neues ein (Chorus)) sowie „Die kleine heile Welt“ von Christof Stählin, in der sehnsuchtsvoll und zugleich der Endlichkeit/Zerbrechlichkeit bewusst warnend gewünscht wird: „Dass unsere kleine heile Welt/ noch eine kleine Weile hält!“.

Von Stählin hat Annett Kuhr mehrere Titel in ihr Programm aufgenommen (zur Zeit-Thematik auch „In 100 Jahren“, das a-cappella beginnt, dann mit Gitarre und Percussion begleitet die Frage verfolgt, was ein Zukunftsreisender unserer Generation in 100 Jahren noch vorfinden würde – Was bleibt also und ist damit zeitlos?), doch wie er und Schmidt-Rhaesa stammen auch die zitierten Liedermacher Holger Saarmann und Andreas Zimmer aus ein und demselben Kreis, nämlich der Mainzer Akademie für Musik und Poesie SAGO, der sich Kuhr dankbar und wohlgesonnen gegenüber äußert: „Ihre freundschaftliche Kritik und ihre Lieder begleiten und ermutigen mich seit vielen Jahren auf meinem Weg“ heißt es in ihren Einleitungsworten, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sie die Zustimmung dafür erhielt, die jeweiligen Texte im ansprechend gestalteten Booklet zur CD mit abzudrucken.

Neben der Zeit scheint das Unterwegssein, insbesondere Beobachtungen am Bahnhof, ein zentrales Thema zu sein. Das Titellied „Noch mal von vorne!“, das als erweiterte Variante um Cello, Akkordeon und Percussion als Schlusslied einen Rahmen um das Programm bildet, schildert in seinen Strophen Momente, die das lyrsche Ich festhalten und genießend wiedererleben möchte und die sich allesamt aus Beobachtungen am Bahnsteig zusammensetzen, also eigentlich ganz alltäglich sind, wenn man ihnen denn Beachtung schenkt. Schön ist an dieser Stelle, dass nach jedem Refrain das ohnehin ruhige Tempo von den Instrumenten noch einmal gedrosselt wird, was die Werthaftigkeit jeder Episode unterstreicht und den Aufruf zur Entschleunigung und bewussten Wahrnehmung authentisch macht, ohne schulmeisterhaft zu wirken. Ähnlich klingt es bei „Kopfbahnhof“ an, wo bei einer Kaffeepause vor einer Zugfahrt humorvolle Beobachtungen und Momentaufnahmen geschildert werden, bevor es im Trubel weitergeht. Denselben Ort, aber eine deutlich schwermütigere Stimmung beschreiben Saarmanns „Bahnsteig gegenüber“ (über einen einsamen Mann am Bahnhof, der sich stets unglücklich verliebt und sein ganzes Leben in Frage stellt) und Kuhrs „An jenem Wintertag“, wo es wieder um eine Bahnhofsbegegnung, diesmal aber als eher traurige Erinnerung, geht.

Man sollte als Zuhörer ruhige Töne sowie poetische Sprache zu schätzen wissen, denn diese ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Lieder. Besonders deutlich werden sie im Schwerpunkt Naturbeobachtungen wie „Herbstspaziergang“ (Text: Stählin, Musik: trad., klingt leicht irisch oder schottisch!) oder „Regen“ (Kuhr) sowie in den Liebesliedern „Verführung“ und „So oder so“. Bei „Am Wege“ von Zimmer schwingt manchmal auch Traum oder leichte Melancholie mit, denn es geht um verschiedene Eindrücke am Weg(rand), die bedrückend oder beglückend sein können. „Der Garten“ beleuchtet rührend und eindrücklich, wie eine alte, demente Dame von der Außenwelt gesehen wird, die sich in ihrem Garten selbst aber völlig glücklich fühlen kann.

Einmal vom Stress herunterfahren, bitte?! Dafür sei „Nochmal von vorne!“ wärmstens empfohlen. Und wenn die Auszeit länger dauern sollte als 61 Minuten, hindert einen ja keiner daran, auf „repeat“ zu drücken und die Lieder „Nochmal von vorne!“ zu hören.

 www.annettkuhr.de

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