Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: handinhand – Back to Dreck

Back to Dreck

Schräg, schrill, skurril – „Back to Dreck“ von handinhand

Die neue CD eines Frauenduos, die auf- und aus jedem Rahmen fällt

von Anne Drerup

Es ist erstaunlich, wie viele Facetten es bei den Liedermachern – oder neudeutsch: Singer/Songwritern – gibt. Das Duo „handinhand“, bestehend aus Beate Wein und Annett Lipske, stellt dies eindrücklich unter Beweis: Ob man ihn nun mag oder nicht, den schrillen, schrägen Stil – man wird wohl kaum etwas Vergleichbares finden. Den Klang könnte man in den zweistimmigen Passagen allenfalls mit der deutschsprachigen Band MIA auf eine Stufe setzen – dafür sind die Texte von handinhand aber schneller und wirken skurriler.

Die CD besteht aus 10 Liedern und einem Bonustrack. Ein Booklet scheint den Künstlerinnen zu konventionell zu sein – jedenfalls gibt es keines, was insofern schade ist, als dass das Sprech- und Singtempo häufig so schnell ist, dass man beim ersten (und vielleicht auch mehrmaligen) Hören gar nicht alles erfassen kann. Dabei sind einige Lieder durchaus ideenreich und witzig. Man muss allerdings überwiegend einen Beat sowie Elektrosound über sich ergehen lassen, was möglicherweise die Nerven ziemlich strapaziert. Lässt man sich dennoch auf das Hören ein, so begegnen einem bereits im ersten Lied „Hand in Hand“ neben schrägen Tönen Textzeilen und -fetzen, teilweise verarbeitete Sprichwörter „Das hat Hand und Fuß“, wobei sich ein größerer Sinnzusammenhang nicht erschließt. Vielleicht ist das Lied aber auch schlicht als Opener für ihr Bühnenprogramm und die Vorstellung ihres Duos gedacht. Mehr Zusammenhang schaffen die folgenden Lieder, so „Back to Dreck“, denn da geht es um Sehnsüchte frustrierter Hausfrauen und Familienmütter bzw. um Kritik daran, was von Frauen alles erwartet wird und was diese dann aber auch als Übermütter zu erfüllen gedenken. Handinhand ist nicht gerade zimperlich, so flicht es eine Sprech-Zwischenzeile aus wiederholtem „Pupsen, Kotzen“ ein.

Andere unkonventionelle Ideen sind weitaus angenehmer, so zum Beispiel das „Tassen-Solo“ bei „Feuerwehr“, das thematisch von vielen Missgeschicken im Alltag durch Hetze und den daraus entstehenden weitreichenden Folgen handelt. Passend zum Inhalt ist auch hier das Sing- und Sprechtempo sehr hoch, sodass man Beate Wein und Annett Lipske durchaus Sprechakrobatinnen nennen könnte. Etwas ruhiger geht es in dem Liebeslied „Schaukelstuhl“ zu, doch auch hier sind die Töne mitunter schräg und damit nicht langweilig, aber auch nicht besonders harmonisch. Gut, das sind Träume oder Traumvorstellungen auch nicht zwingend, von daher ist es wieder stimmig zum Textinhalt.

Vielseitig und immer wieder überraschend geht es weiter mit dem Befreiungssong „Sanglos, Klanglos“ (…hau ich ab!), der einen durchgängigen Rhythmus sowie lange Instrumentalpassagen, hier mit Glockenspiel, enthält. Wer Harmonien und Melodien schätzt, kommt am ehesten bei dem Liebeslied „Wie nah“ (… bin ich dir?…bist du mir?…bin ich mir?) mit durchgehender Basslinie und orientalisch anmutenden Klängen auf dem Akkordeon zum Schluss, sowie bei „Wenn sie singt“ (… hör ich das Leben/ … öffnet sich mein Herz/ … höre ich den Schmerz) auf seine Kosten. Letztere Ballade beschreibt die Charakteristik einer Frau mit wunderschöner Stimme, die sich mehr um andere kümmert als um sich selbst, die in der Musik aber einen „Türöffner“ zum eigenen Herzen gefunden hat.

Im völligen Kontrast dazu steht „In a hurry“, welches das bisher dargebotene Sprechtempo noch übersteigt. Hinzu kommen eingeflochtene Teildialoge in verschiedenen Betonungen/Stimmlagen, was noch um eine Schwierigkeitsstufe erhöht. Wer Hetze unerträglich findet und sich schnell darüber aufregt, sollte sich bei diesem Lied beeilen und zum nächsten weiterschalten. „Seitdem du bei mir wohnst“ ist nämlich ein positiver Stimmungssong, der den Mitbewohner lobt und wertschätzt.

In „Radio Blues“ wird das Radioprogramm, bestehend aus „schnulzigem Gejaule“ , aufs Korn genommen, von dem es aber kein Entrinnen gibt, befindet man sich mit seiner radioliebenden Mitfahrgelegenheit auf der Autobahn. „Es lebe die freie Radiokultur“ wird in diesem Zusammenhang wohl ironisch gemeint sein.

Als Bonus gibt es schließlich „Musikfrühförderung“, ein experimenteller, aber auch origineller Song mit dem Chorus: „Beate und Annett sind bald ein Quartett“ – ihre Kinder werden also schon pränatal musikalisch gefördert.

Handinhand ist anders als das, was eingefleischte Liedermacherfans kennen. Nichtsdestotrotz mag es sich lohnen, sich selbst ein eigenes Bild (oder besser: einen Höreindruck!) zu machen.

www.duohandinhand.de

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