Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

„Ich war teilweise blind vor Wut“: Maike Rosa Vogel, Förderpreis der Liederbestenliste 2013

Laudator Peter Eichler, Michael Kleff & Maike Rosa Vogel 2013-01_© Ingo Nordhofen Kopie

„Würde man anfangen, Verdienstmöglichkeiten zu kalkulieren, würde man vermutlich nie anfangen, Musik zu machen. Aber gegen alle Wahrscheinlichkeit glaube ich, dass es da draußen genug Menschen gibt, die mit meiner Musik etwas anfangen können.“ Tatsächlich wächst die Fangemeinde von Maike Rosa Vogel stetig. Die Zeitungen, die über sie berichten, werden immer prominenter, die Artikel immer länger, Journalisten immer noch begeisterter. Maike Rosa Vogel ist auf Erfolgskurs. Dabei wirken die Auftritte der 1978 geborenen Frankfurterin geradezu anachronistisch. Allein steht sie auf der Bühne, singt mit mädchenhafter Stimme in gebrochenen Reimen über schlichten Gitarrenakkorden. Keine Show, keine Allüren. Genau diese Geradlinigkeit von Maike Rosa Vogel berührt.

Text: Sylvia Systermans / Fotos: Ingo Nordhofen

Wenn Maike Rosa Vogel singt, singt sie über sich, ihre Liebe, ihr Leben, ihre Träume. Gleichzeitig beschreibt sie damit die Welt. Das Private, so Maike Rosa Vogel, sei immer auch politisch. „Viel politischer als eine bestimmte Partei zu wählen, ist es, wie man mit Leuten umgeht und wie man sich in der Welt fühlt. Wenn Leute sagen, sie würden sich nicht für Politik interessieren, finde ich das absurd. Alles, was wir machen, hat etwas mit Politik zu tun.“ Ein Lebensgefühl, das sie sich in Liedern wie „Leute wie ich“ von der Seele schreibt. Sie schildert darin ihre Erfahrungen aus jener Zeit, als sie Hartz IV bezogen hat. „Da habe ich gemerkt, wie Leute, die Hartz IV bekommen, immer wieder eins auf den Deckel kriegen. Das sind aber Leute, die machen total viel, die kümmern sich um ihre Familien, die ziehen ihre Kinder groß. Und die ganze Presse über Hartz IV-Empfänger ist immer so einseitig und abwertend und Leute wie ich und alle, die ich kenne, die Hartz IV bekommen, die kommen da gar nicht drin vor.“ und wenn ich von uns erzähle / und von allen, die ich kenne / sagt man schnell, sie meinen nicht mich / sie meinen die penner / die nur nehmen nehmen nehmen nehmen nehmen / und niemals etwas geben aber solche leute kenne ich nicht / das sind alles so leute / alles so leute wie ich Maike Rosa Vogel singt sich ihre Wut aus dem Leib. Schreiben, sagt sie, sei dafür schon immer ein Ventil gewesen. Auch wenn sie ursprünglich nicht vorhatte, ihre Lieder jemals jemandem vorzuspielen. „Schreiben war für mich immer total wichtig, weil alles, was ich gefühlt habe, immer viel zu viel war. Ich war immer viel zu traurig oder viel zu fröhlich oder viel zu wütend und bin damit angeeckt, vor allem bei den Erwachsenen. Musik ist etwas, womit man sich ausdrücken kann und wo keiner sagen kann, halt die Klappe. Wenn einem Leute plötzlich sagen, ‚Du sprichst mir aus der Seele’, das ist ein total schöner Moment! Mir ging das auch immer so, wenn ich Musik gehört habe von Leuten, bei denen ich das Gefühl hatte, die sind wie ich.“ So wie sie, das waren für Maike Rosa Vogel lange Zeit Vorbilder wie Tocotronic. „Die waren einfach so super wie die waren. Da konnte man sich einfach total zurücklehnen und sagen, wenn die sein dürfen, dann darf ich auch sein.“ Befreit vom Druck, perfekt sein zu müssen, schlägt Maike Rosa Vogel ihren eigenen Weg ein, beginnt deutsche Texte zu schreiben. „Ich habe gemerkt, englisch singen kann man, wenn man eine Jahrhundertstimme hat oder ein Instrument total gut beherrscht. Aber bei mir war ja immer der Text die Stärke und in dem Moment, wo ich englisch gesungen habe, hat keiner mehr hingehört. Und ich hab immer gesagt, wenn ich deutsch singe, dann kriege ich sie alle!“

Maike-Rosa-Vogel 2013-02_© Ingo Nordhofen KopieMaike Rosa Vogel fesselt ihr Publikum, weil sie singt, was sie fühlt und sich nicht hinter einer coolen Fassade versteckt. Auch in der Hinsicht hat sie von Tocotronic gelernt. „Das war für mich total wichtig bei der Band, dass es da nicht ums cool-sein ging. Sondern dass es auch ganz viel darum ging zu zeigen, wie unsicher man ist, wie viel Angst man hat!“ Ängste und Zweifel beschlichen Maike Rosa Vogel häufig, bevor sie erste Erfolge verbuchen konnte, Rückmeldungen aus dem Publikum waren oft ambivalent. „Da waren Leute, die gesagt haben, es gibt nichts Besseres, ich höre nur noch Deine Musik oder es gab Leute, die gesagt haben, das ist furchtbar. Wie kommst Du überhaupt dazu zu denken, dass Du Lieder schreiben solltest?“ Eine Frage, die sich Maike Rosa Vogel glücklicherweise nie gestellt hat. „Im Hinterkopf dachte ich immer: Irgendwann bin ich reich und berühmt! Nur den Weg dahin konnte ich mir nicht vorstellen.“ Vielleicht weil ihr Weg voller Brüche war. Die Schule schmeißt Maike Rosa Vogel nach der zwölften Klasse, sie arbeitet als Postbotin, Kellnerin, Fahrradkurier. Dann sucht sie nach neuen Perspektiven und bewirbt sich an der Popakademie in Mannheim. Sie lernt dort Konstantin Gropper kennen, gibt mit ihm Konzerte, nimmt zwei Alben auf, die sie auf MySpace ins Netz stellt. Als Produzentin fühlt sich Maike Rosa Vogel an der Popakademie jedoch übersehen. „Ich bin so ein verkappter Technik-Nerd und ich hab mich auf der Schule beworben um das auszufeilen und bin da aber wirklich gegen eine Wand gestoßen. Es war einfach so, die Frauen an der Schule waren Sängerinnen und alles, was mit Technik zu tun hatte, haben halt die Jungs gemacht. Und es war schwer, dagegen anzukommen. Ich war teilweise blind vor Wut und wusste nicht was ich machen sollte. Ich wollte ja niemanden vor den Kopf stoßen. Ich wollte einfach nur gesehen werden. Für mich war es immer ein ganz großer Schmerz, wenn ich gemerkt habe, dass ich systematisch übersehen werde. Das war für mich schmerzhafter als zu sagen, es liegt an mir. Es ist viel einfacher zu sagen, ich bin eben nicht gut genug.“

Michael Kleff & Maike Rosa Vogel 2013-03_© Ingo Nordhofen KopieNach dem Studium in Mannheim zieht Maike Rosa Vogel nach Berlin, gründet eine Familie. 2008 veröffentlicht sie ihr Debütalbum „Golden“. Electro-Folk, wie Maike Rosa Vogel sagt. Einflüsse ihrer Vorbilder Björk und Sinéad O’Connor sind unüberhörbar. Ihr zweites Album „Unvollkommen“ wird 2010 von Sven Regener produziert. Der Sänger von Element of Crime entdeckt Maike Rosa Vogel bei ihrem ersten Live-Auftritt bei Radio 1 Berlin und engagiert sie als Support für seine Tour. Der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit. „Der hat an nichts rumgebogen, das war total beeindruckend für mich. Der hat mich einfach in den Aufnahmeraum geschupst und gesagt, so jetzt sing mal die Lieder wie du sie auf der Bühne singst. Und dann hat er gesagt, ‚Ich glaube du wirst große Schwierigkeiten haben, mich davon zu überzeugen, dass du das noch besser hinkriegst. Ich würde das so lassen’. Das war für mich total bahnbrechend. Dass ich mit dem Minimalsten was ich habe, mit Stimme und Gitarre, und mit einem Take eine Platte machen kann.“ Mit diesem Minimalsten schreibt Maike Rosa Vogel 2012 erfolgreich Musik für Filme und Theaterinszenierungen und nimmt ihr jüngstes Album auf: „Fünf Minuten“. 13 berührende Songs zu schlichten Gitarrenriffs, prominent begleitet u.a. von Sven Regener, Trompete und Leander Hausmann, Mundharmonika. Und auch hier singt Maike Rosa Vogel, als hinge ihr Leben davon ab: Wenn andere taktieren, dann steh ich da, nur mit mir / und weiß, wenn ich da bleibe, komme ich klar, was auch passiert. „Als ich den Song ‚Ich bin ein Hippie’ geschrieben habe, dachte ich erst, das ist zu trivial. Aber das kam dann total gut an.“ Vielleicht, weil Maike Rosa Vogel sich und ihren Gefühlen treu bleibt. „‚Nichts ist echt, außer Du fühlst es’. Das ist mein Mantra! Wir haben ja alle gelernt, dass man ständig in Frage stellt, was man fühlt. Und zu sagen, es ist wahr, weil ich es fühle. Das ist für mich etwas ganz Wichtiges!“

www.maikerosavogel.com

Aktuelle CD: Fünf Minuten (www.roughtrade.com)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. Oktober 2013 von in 2013, Artikel & Interviews, Liedermacher, U-Z, Vogel, Maike Rosa und getaggt mit , , , , , .
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