Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Georg Clementi – Zeitlieder

Zeitlieder

von Marie Schwind

Wenn man einen Künstler bereits kennt, sind die Vorfreude und die Erwartungen groß. Man hat aber auch immer ein wenig Bedenken: Kann die neue Platte an die alten Erfolge anknüpfen? Wird der Funke auch dieses Mal überspringen?

Als ich Clementis „Zeitlieder“ in den CD-Player schiebe, habe ich ein ganz klares Bild von ihm vor Augen: Wie er auf der Bühne steht und sich vollkommen dem Moment hingibt. 2011 beim Chanson und Liedwettbewerb „Troubadour“ habe ich ihn über die Bühne fegen sehen, wie er den braven Mann gegeben hat, der so gar nicht brav war, sondern heimlich im Internet erotische Abenteuer suchte – ohne das Wissen der eigenen Frau natürlich! Bereits bei diesem Auftritt wurde deutlich, was für eine –Verzeihung– Rampensau dieser Mann ist: Er geht in jeder Rolle auf, die er in seinen Liedern darstellt und er versteht es, die Mengen durch sein Charisma zu begeistern. Wenn Clementi auf der Bühne steht, dann vermittelt er nicht nur einen Inhalt, ein Gefühl, sondern ein Lebensgefühl. Da ist diese spezielle Stimmung, die er durch seine bloße Präsenz zu erzeugen versteht. Eine gewisse Spannung, ein Knistern. Und nun diese CD, die auf den ersten Blick ziemlich nüchtern daher kommt.

Die Musik ganz ohne dieses wandelbare Gesicht dazu. Kann dies so funktionieren?
Nun, ich gebe zu, dass ich mich kurz daran gewöhnen muss, zu lauschen, ohne Clementis Gesicht zu sehen. Doch dann werde ich hinweg getragen von den stimmigen Arrangements aus Gitarre, Bass und Percussion, die die 13 Zeitlieder so wunderbar untermalen. Und da ist dieses Akkordeon, das Sigrid Gerlach-Waltenberger so feinfühlig spielt, dass es einmal die tiefsten Sehnsüchte weckt („Das Meer ist ein Versprechen“) oder das französische Flair so originalgetreu einfängt, dass man die Seine und die Straßen von Paris direkt vor Augen hat und sein Weinglas heben möchte („Blau wie die Seine“), um mit dem Liedermacher anzustoßen.

Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass der 1969 geborene Künstler sich seine Inspiration nicht (wie die meisten) direkt aus dem eigenen Leben, sondern vor allem aus der Zeitung geholt hat.

Ohne Zweifel: Die Themen der CD sind aktuell. So sind dem Autor beim Stöbern in der „Zeit“ gewisse Artikel in die Hände gefallen, die seine Kreativität weckten und die er zum Ausgangspunkt für seine Lieder machte. Deutlich wird diese Aktualität beispielsweise beim Stück „Der Kinderknast von Lesbos“, das die verzweifelte Reise von minderjährigen afghanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa beschreibt. Auf der Homepage zur CD (www.zeitlieder.de) kann der Interessierte nun alle Liedtexte und die dazugehörigen Zeitungsartikel lesen. Und dies ist in jedem Fall zu empfehlen, denn dadurch wird erst richtig deutlich, auf welch geniale Weise sich der Chansonnier Clementi die Themen angeeignet und zu seinem eigenen Liedgut gemacht hat.

Ein Beispiel dafür ist das Stück „London“. Clementi fängt gekonnt die Schnelligkeit der Großstadt ein und zwar auf eine Art und Weise, dass es einem beim Zuhören den Atem raubt. Er singt von Hektik, dem Abtauchen in der Großstadt, der Verschmelzung der Nationalitäten und den Gegensätzen, die man überall erspähen kann. Und schon geht das Kopfkino an und man sieht die gestressten Menschenmassen, die sich genervt durch die Straßen schieben. Dazwischen gibt es die Sachinformationen über die Einwohnerzahl skurril dargebracht, ähnlich wie bei einer Stadtführung mit einem durchgeknallten Reiseführer. Da ist es wieder, das für Clementi typische schelmische Element. Und diese Inszenierung des Liedes ist kaum verwunderlich, schließlich handelt es sich bei unserem Künstler nicht nur um einen Liedermacher und Chansonnier, sondern auch um einen Schauspieler und Regisseur.
Die anfänglichen Sorgen, ob eine rein akustische Präsentation nicht etwas vermissen lasse, können folglich aus den Köpfen gestrichen werden: Der Schauspieler beherrscht sein Handwerk und versteht es, uns akustische Einblicke in seine Welt zu geben. Die Bilder entstehen von selbst: Wir formen sie in unseren Köpfen, wenn wir seiner Stimme und seiner Musik lauschen und uns treiben lassen.

Mein persönlicher Höhepunkt der CD ist die melancholische Nummer 12 „Salzburg im Schnee“. Hier zeigt sich Clementi von einer ruhigeren Seite. Zu diesem Lied gibt es keinen Zeit-Artikel, denn es ist ein persönliches Stück, das von Abschied und Verarbeitung handelt. Die Stadt ist verschneit und mit ihr alle Bürger, egal ob arm oder reich. Der Schnee bedeckt alles und man kann sich zurückziehen.

Und die Hauptfigur des Liedes beobachtet dies alles und versucht, sich von einer Liebe zu erholen, die zu Ende gegangen ist („Es fällt Schnee auf alle Straßen, es fällt Schnee auf jeden Zorn. Ich streu Salz in meine Wunden, schlaf mich aus und beginn von vorn“). Neben den gesellschaftskritischen und unterhaltsamen Liedern, die Clementi schreibt, ist es schön, ihn einmal von einer anderen, verletzlicheren Seite zu erleben. Doch verfällt er dabei nicht in Selbstmitleid, sondern hat durch das Arrangement seines Liedes eine winterlich-warme Stimmung geschaffen, die vor allem durch das Akkordeonspiel entsteht, welches an das gemütliche Treiben eines Weihnachtsmarkts erinnert. Auf diese Weise fällt es dem Zuhörer nicht schwer, sich nach einem traurigen Lebensabschnitt wieder mit sich und der Welt zu versöhnen.

Kurzum: Clementi hat mit seiner neuen CD „Zeitlieder“, unterstützt durch Robert Kainar (Percussion), Sigrid Gerlach-Waltenberger (Akkordeon) und Tom Reif (Gitarre, Bass, zusätzliches Schlagwerk), ein abwechslungsreiches, vielseitiges musikalisches Werk geschaffen, das einen zum Schmunzeln oder zum Träumen verleitet. Er lässt uns eintauchen in die unterschiedlichen Schauplätze seiner Stücke und es gelingt ihm, dass wir uns schnell zuhause fühlen. Dass er gelegentlich nicht sauber intoniert, kann man ihm aufgrund seines gesanglichen Ausdrucks verzeihen. Wer jedoch auf der Suche nach einem Künstler ist, der sehr persönliche, (hoch) emotionale, melancholische Texte schreibt und dies auch gesanglich zum Ausdruck bringt, sodass der Zuhörer durchaus zu Tränen gerührt ist, sollte sich nach anderen Liedermachern umschauen.

www.clementi.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Oktober 2013 von in 2013, Clementi, Georg, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , .
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