Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

USA: Der friedliche Gedanke – Der US-Singer/Songwriter David LaMotte

dlm11Kaum ein Amerikaner steht vermutlich so sehr für das feine Wort change wie der Singer/Songwriter David LaMotte. Denn wohl kaum ein Musiker, ja, überhaupt Mensch, dürfte sich derart facettenreich dem Frieden verschrieben haben, wie der Mann mit der auffallend dunklen Samtstimme. LaMotte hat als Musiker bereits diverse Preise gewonnen, zehn CDs veröffentlicht und dabei über 2000 Konzerte auf vier Kontinenten gegeben. Nur, um sich ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner Karriere 2008 dann eine Auszeit zu nehmen und sich einem Studium der International Relations, Peace and Conflict Resolution an der University of Queensland in Australien zu widmen.

2004 gründete David mit seiner Ehefrau Deanna mit PEG Partners eine kleine, nicht-kommerzielle Organisation, die das Ziel hat, Schulen und Bibliotheken in Guatemala zu unterstützen. Darüber hinaus ist er im American Friends Service Committee (AFSC) Nobel Peace Prize Nomination Committee involviert, was im Klartext bedeutet, dass er mitverantwortlich dafür ist, wer jährlich von den USA aus für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird. Als Berater in Friedens- und Gerechtigkeitsangelegenheiten unterstützt er zudem den North Carolina Council of Churches – und, als wenn das alles noch nicht genug wäre, arbeitet David LaMotte auch noch als Schriftsteller, Pressesprecher und Workshop-Leiter. Inzwischen ist er mitsamt seinen Songs auch wieder auf die Bühne zurückgekehrt.

Interview: David Wonschewski

Reinhören: David LaMotte – Northbound (vom Album „Corners“, 2003)

David Wonschewski (EAL) : David, du bist in so vielen Projekten aktiv, die einen tatsächlichen Unterschied ausmachen über Gut und Böse in unserer Welt. Was für eine persönliche Vision steckt da eigentlich hinter?

David LaMotte (DL): Oh, ich hoffe, einige dieser Projekte machen tatsächlich einen Unterschied – und ja, klar, ich selbst glaube daran. Es sind die kleinen Schritte, die zählen. Was mich noch immer aufregt ist, wie unsagbar viele Menschen einfach nur reden. Wir haben da diese fehlgeleitete Einschätzung darüber, wie wir Dinge ändern können und wie nicht. Und mir gefällt es, all diese Zweifel herauszufordern, dass wir tatsächlich so machtlos sind. Ich arbeite gerade auch an einem Buch zu diesem Thema und versuche, diese ganzen komplizierten Verquickungen von tatsächlicher und doch nur erdachter Machtlosigkeit zu entwirren. Ich bin aber froh, dass es in der Frage um Visionen ging und nicht etwa um Pläne. Denn Pläne lassen sich tatsächlich oftmals nur sehr schwer umsetzen in diesem Bereich. Ich liebe diese Zeile in einem Song von John Gorka: „I never had no plans, just dreams and vague directions“. So fühlt es sich auch für mich an. Was mich antreibt ist, andere Menschen so oft es geht an ihre Macht zu erinnern, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen.

EAL: David, 2008 hast du deine erfolgreiche Karriere als Musiker unterbrochen, um dich ganz der Arbeit als Friedensaktivist zu widmen. Erzähl uns doch was von dieser Entscheidung.

DL: Ja, das war tatsächlich ein großer Schritt nach 18 Jahren, in denen ich professionell als Singer/Songwriter herumgereist bin. Aber ich hatte das wirklich überwältigend starke Gefühl, dass dieser Schritt genau richtig war für mich. Mein letztes Konzert vor dieser Pause, in Asheville, das war schon sehr emotional, wie wenn ich einen wichtigen Teil von mir verabschiede. Zumal es tatsächlich nicht sonderlich rational war, lief meine Karriere 2008 doch in der Tat so gut wie nie zuvor. Natürlich habe ich in den zwei Jahren, in denen ich nicht mehr aufgetreten bin, sehr viel vermisst – aber bereut habe ich meinen Schritt nicht. Schließlich war es ja auch eine gewisse Ehre, ein Stipendium zu bekommen, mit dem ich mich ganz der Friedensforschung widmen kann. Das war ein außergewöhnliches Programm, ich habe unglaublich viele faszinierende Menschen treffen dürfen, und es war ein absolutes Privileg, von anderen, gleichgesinnten Mitstudenten lernen zu dürfen. Von den Professoren und Mentoren gar nicht erst zu sprechen. Dieses Stipendium hat es mir gestattet, meine Feldstudien überall auf der Welt durchzuführen, und so habe ich drei Monate in der indischen Provinz verbracht, in Andhra Pradesh, wo ich mit einer auf Gandhi basierenden Organisation gearbeitet habe. Leute, war das aufregend und, ja, auch belohnend.

EAL: Deine Friedensarbeit hat dich bereits von Bosnien über Belfast nach Berlin und schließlich sogar Bethlehem getragen. Trotzdem scheint dir deine Arbeit für Schulen und Bibliotheken in Guatemala ganz besonders am Herzen zu liegen. Woher stammt die Faszination für nun ausgerechnet diese Region?

DL:  Deanna und ich haben unsere Flitterwochen in Guatemala verbracht. Wir schauten dort gar nicht direkt nach einem Projekt, aber wir besuchten einige Schulen, und wir erkannten einfach, dass es dort größere Probleme gab, bei denen Deanna und ich tatsächlich helfen konnten. Als wir dann zurück in den USA waren, habe ich bei meinen Auftritten dem Publikum davon erzählt, und einige waren sofort bereit, uns zu unterstützen, vor allem als ich erwähnte, dass kein gespendetes Geld in irgendwelchen Verwaltungskanälen versickert, sondern jeder einzelne Cent direkt von mir zu den Schulen getragen wird. So haben wir schnell erkannt, dass wir wirklich die Möglichkeit haben Gelder aufzutreiben, und so kam es, dass ich wieder nach Guatemala fuhr, um klare Strukturen zu schaffen und eine Organisation zu gründen. Seitdem haben wir mit einem Dutzend Schulen und Bibliotheken in Guatemala zusammengearbeitet. Und mit unserem Geld wurden Gebäude errichtet, Lehrer bezahlt, Einrichtungsgegenstände angeschafft – und Bücher natürlich! Bis heute arbeitet PEG Partners auf rein freiwilliger Basis, niemand von uns Machern verdient etwas daran, auch ich nicht. Die Spender können selbst entscheiden, welchen Prozentteil ihres Geldes ich für administrative Kosten, die uns entstehen, verwenden darf. Bisher haben wir so 150 000 Dollar gesammelt – was nicht wahnsinnig viel ist für amerikanische Verhältnisse, aber eine Summe, mit der man extrem viel bewirken kann in Guatemala.

dlm2EAL: Neben dieser Tätigkeit und deiner Berufung als Singer/Songwriter bist du auch als Schriftsteller und Workshop-Leiter aktiv. Was passiert derzeit in diesen Bereichen?

DL: Ich arbeite derzeit an zwei Büchern. Das eine, das ich vorhin schon erwähnt habe, trägt den Arbeitstitel Worldchanging 101: Challenging the Myth of Powerlessness. Das andere ist eine illustrierte Version eines Gedichts, das ich schrieb: White Flour. Es erzählt die wahre Geschichte einer kreativen Reaktion auf einen Ku Klux Klan Aufmarsch, der 2007 in Knoxville, Tennessee, stattfand. Bereits veröffentlicht habe ich ein Kinderbuch, S.S. Bathtub, das auf einem Song gleichen Namens von mir basiert. Das lief überraschend gut, so dass es aufregend ist, an weiteren Projekten in dieser Richtung zu arbeiten. Was die Workshops angeht, auch da werde ich derzeit wesentlich aktiver. Ich habe in der vergangenen Zeit einige Einladungen erhalten, die mich sehr, ja, bewegt haben.  Am 11. September durfte ich ein Event in einer Kirche der Presbyterianer in Woodbury, New Jersey, leiten – und es fühlte sich schon sehr überwältigend an, ausgerechnet in einer Community sprechen zu dürfen, die so direkt mit den Ereignissen des 11. Septembers konfrontiert worden ist. Später an dem Tag habe ich dann in der Stadt noch ein Konzert mit Pete Seeger, Peter Yarrow (von Peter, Paul and Mary) und David Amram sehen dürfen. Das war großartig und sehr beeindruckend. Ich werde tatsächlich immer öfter eingeladen, Workshops zu den Themen Musik und Frieden zu geben, und ich habe bereits an die hundert solcher Events durchgeführt, für die unterschiedlichsten Vereine und Vereinigungen auf der ganzen Welt. Die heftigsten Workshops waren dabei immer die, die in unmittelbarer zeitlicher Umgebung zu einer Tragödie standen. Ich habe beispielsweise Workshops in kreativem Schreiben abgehalten für Überlebende der Amokläufe von Columbine und Jonesboro – und das war natürlich eine Extremerfahrung für mich. In einigen Wochen werde ich in Joplin, Missouri, sein, wo Tornados die Stadt erst vor kurzem dem Erdboden gleichgemacht haben. Eine Kirche dort hat mich gebeten, eine Art von tröstendem Konzert zu geben. Und das ist schon überwältigend, ich meine, es gibt nicht gerade wenige Singer/Songwriter in den USA. Und sie haben mich gefragt.

Reinhören: David LaMotte – Lenscap (vom Album „Corners“, 2003)

EAL: David, offensichtlich bist du wirklich jemand, der Dinge nicht nur verändern will – sondern es auch wirklich umsetzt. Was für Vorschläge hast du denn für Leute, die aber nun einmal nicht so reich gesegnet sind mit Talenten wie du?

DL: Oh, danke für das Kompliment, das da so eingewoben war in diese Frage. Ich denke, ich habe genauso Talente wie jeder andere Mensch auch. Und jeder, der mich kennt, vor allem meine Frau, können ein Lied von all den Dingen singen, die ich nun wahrlich dafür überhaupt nicht kann. Ich könnte Ihnen da jetzt einen stundelangen Vortrag halten über Möglichkeiten, wie wirklich jeder von uns etwas verändern kann, aber ich versuche, mich kurz zu fassen und will es bei drei Punkten belassen: Zunächst – erlieg nicht länger dem Irrglauben, dass du etwas Großes, Heftiges oder Dramatisches machen musst, um etwas zu bewirken. Es geht wirklich immer nur um die kleinen Schritte. Wir Menschen haben diese Neigung, uns zu viel aufzuhalsen, und das führt dann meist in eine Starre und Apathie, so dass dann gar nichts mehr passiert, weil wir uns ganz einfach selbst überfordert haben. Es geht beim Helfen niemals um „Alles oder Nichts“. Wenn wir an Rosa Parks denken, die sich damals weigerte, im Bus für einen Weißen ihren Platz zu räumen, dann sehen wir diese Frau als jemanden, deren Leben offenbar nur diesen einen Tag beinhaltete. Den Tag, an dem sie inhaftiert wurde. Dass diese Frau aber ganz brav und ordentlich 12 Jahre lang als Sekretärin gearbeitet hat, das übersehen wir. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich behaupte nicht, dass kleine Bemühungen zu großen Umwälzungen führen, das tun die wenigsten. Aber alle großen Umwälzungen basieren doch auf Millionen dieser ganz kleinen Bemühungen. Etwas Großes passiert nur, wenn ganz viele kleine Teile ihr okay dazu geben. Also: Im Kleinen Rahmen denken, nicht in großen Dimensionen! Überlegen Sie sich, was Sie wirklich wahnsinnig macht und überlegen sich dann, was eine ganz kleine Geste wäre, um genau das zu verändern. Das ist der eine Teil meiner Antwort. Und dann überlegen Sie sich noch, worin Sie gut sind und wie das, was sie gut können, an irgendeiner Stelle positiv eingesetzt werden könnte. Ich halte nicht sonderlich viel von Aktivisten, die Männer und Frauen verherrlichen, die für ihre Überzeugungen sogar ins Gefängnis gehen. Das ist beeindruckend, sollte jedoch nicht über das Wirken all jener gestellt werden, die weniger plakativ vorgehen. Denn genau die sind das eigentliche, das wirkliche Rückgrat. Also, was können Sie beisteuern, was vielleicht nicht jeder beisteuern kann? Meine Freundin Katherine zum Beispiel arbeitet nun schon seit Jahren als Freiwillige für meine Organsisation PEG. Sie erledigt den ganzen bürokratischen Kram. Sicherlich, das ist nichts, womit sie berühmt oder legendär wird, niemand ruft bei PEG an, um ein Interview mit ihr zu machen, wenn es um Personen geht, dann tatsächlich zumeist um mich. Aber ihre Arbeit ist unfassbar wertvoll und nützlich. Ohne Katherine gäbe es vielleicht kein PEG und somit keine Hilfe für Guatemala. Denken Sie also niemals, dass Sie nicht gut genug wären oder so etwas, denn gerade Sie werden gebraucht!

Als dritten Tipp hätte ich dann noch: Greifen Sie sich etwas, was direkt vor Ihnen steht. Sie müssen nicht bis nach Guatemala reisen, um Gutes zu tun. Das haben wir ja auch nicht getan, wir waren eh in Guatemala – und plötzlich stand die Aufgabe direkt vor uns! Sehen Sie sich einfach in Ihrer unmittelbaren Umgebung um, da bekommen Sie dann auch gleich viel besser mit, was sich durch Ihr Engagement verändert.

Website: www.davidlamotte.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Oktober 2013 von in Internationale Szene, LaMotte, David und getaggt mit , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: