Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

USA: David Byrne – Ride, Rise, Roar (DVD)

rrrbyrnevon David Wonschewski

Dass es diverse Dinge gibt, die ein Mann oder Mensch im Laufe seines Lebens getan haben sollte, steht außer Frage: ein Haus gebaut, einen Baum gepflanzt, eine Familie gegründet und ein Konzert von David Byrne besucht. Moment, ein Konzert von David Byrne? Gut, es mag in dieser Aufzählung eine leicht übertriebene Anmutung erhalten, sieht man sich jedoch den Konzertmitschnitt „Ride, Rise & Roar“ an, so kommt der Betrachter unweigerlich zu dem Schluss, dass eine derartige Chance, sollte sie sich denn einmal ergeben, definitiv beim Schopfe gepackt werden sollte. Aufgenommen im Laufe seiner Solo-Tour von 2008/2009 macht der charismatische ehemalige Frontmann der Talking Heads dabei gleich von Beginn an klar, warum er bis zum heutigen Tage neben seinem musikalischen Dauerpartner als avantgardistischer Querkopf der Musikszene durchgeht. Denn eines der vielen Highlights von „Ride, Rise, Roar“ sind definitiv die Choreographien der Tänzer. Sicherlich, ausgehend von Michael Jackson über Madonna, diverse Boygroups, Beyoncé bis hin zu Lady Gaga sind die tänzerischen Darbietungen bei Konzerten derart perfektioniert worden, dass nicht wenige Musikfreunde nur noch das simple Gähnen ob der auswendig gelernten Bewegungsungetüme bekommen können. Vor allem in den Kreisen, in denen Alternative und Indie sonst so ablaufen, kann der Begriff Choreographie sogar eine tiefsitzende Bestürzung hervorrufen. Gerade deswegen macht es Sinn, sich „Ride, Rise, Roar“ genüsslich anzutun, gelingt es David Byrne und seinen Choreographen doch, einen höchst unterhaltsamen, tänzerischen Drahtseilakt zwischen Persiflage und Begabung, Comedy und tatsächlicher Ausdruckskraft auf die Bühne zu bringen. Geraten Konzertmitschnitte ansonsten ganz gerne mal in ein Fahrwasser, in dem es etwas langweilig wird, weil halt doch nicht so viel passiert, schafft es hier ein vergleichsweise simples Tänzer-Trio, jeden der eh schon ausdrucksstarken Byrne-Songs noch einmal zu doppeln. Den Rest, tja, den erledigt der Meister im Alleingang. War zu Beginn der 80er Jahre noch zu befürchten, dass Byrne, der quasi als Erfinder der bis heute noch teilweise angesagten Streber- und Schleimer-Mode unter Indie-Liebhabern betrachtet werden kann, stand also zu befürchten, dass Byrne in fortgeschrittenem Alter die Ausstrahlung eines verbeamteten Bibliothekars annehmen könnte, so beweist dieser Konzertmitschnitt, dass der Sänger und Songschreiber genau genommen besser aussieht als je zuvor, fast möchte man sogar sagen: frischer, agiler, hipper. Neben einigen Highlights aus seiner Karriere („Once In A Lifetime“, „Road To Nowhere“) gibt es auf „Ride, Rise, Roar“ vor allem Songs des Albums „Everything That Happens Will Happen Today“ zu hören, also jenem Album, das Byrne 2008 zusammen mit Brian Eno produzierte. Und haftet diesen, wie auch fast allen anderen Songs des gebürtigen Schotten, der Ruf einer nur schwer verdaulichen Avantgarde an, so gelingt es ihm auf der Bühne doch tatsächlich, die Songs so rüberzubringen, dass sie nahezu Ohrwurmcharakter bekommen, ohne dabei jedoch ihre Ecken und Kanten einzubüßen. Bonusmaterial lässt sich auf „Ride, Rise, Roar“ zwar keines finden, doch lässt sich das ziemlich gut verschmerzen, erfährt dieser Konzertmitschnitt eine wohlkalkulierte inhaltliche Aufwertung doch durch die taktisch sehr gut eingestreuten Interviewpassagen, in denen neben David Byrne auch diverse an der Show beteiligte Personen zu Wort kommen sowie eingewobene Filmschnipsel gute Einblicke in die Proben zu dieser Tour geben. Definitiv eine der unterhaltsameren und interessanteren, ergo: besseren Konzert-DVDs.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Oktober 2013 von in Internationale Szene und getaggt mit , , , .
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