Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

STOPPOK CD und DVD „Auf Sendung“ ab 15.11.2013

Stoppok_auf_sendungEIN CREDO FÜR BEWEGLICHKEIT

von Andreas Radlmaier
Jetzt hat sich Stoppok sein Stonehenge auf Zeit geschaffen. Einen schwarzweißen Ort der Beschwörung, der Hoffnung, der Lebensmagie. Einen Ort, wo Musik und Mensch Kult sein dürfen, sein müssen. Das stattliche Studio-Nord in Bremen ist der Rahmen für dieses einprägsame Bild eines Solo-Trips. Die Hälse aller möglichen Saiteninstrumente ragen in den Studio-Himmel, bilden mit diversen Verstärker-Türmchen, einer Bass-Cajon, zwei Gästen (Astrid North und Pohlmann) und Stoppok einen Kreis. Ton ab, Erinnerung läuft: 17 subjektiv sortierte Songs aus mehreren Jahrzehnten liefern das ungefilterte Bekenntnis eines Querdenkers und Direktdichters, der sich auf seine eigene musikalische Dichte verlassen kann. Es spricht für diesen Songwriter der Sonderklasse, dass sich seine Lieder nicht überholen. Stoppok bleibt „Auf Sendung“ – so heißt diese Doppel-CD/DVD. Damit bleibt der Mann, dessen Name halb als Künstlername, halb als Kumpelumarmung taugt (weshalb ihn auch kaum jemand beim Vornamen nennt), ein Sendemast mit führender Reichweite.

Wobei ja Sendungsbewusstsein das letzte ist, was man Stoppok unterstellen kann. Nein, als „Wetterprophet“ wollte er der Menschheit nie dienen, aber das gleichnamige Lied bleibt ein Beispiel genial erspürter Sehnsuchtsmotive. „Auf Sendung“ – immerhin schon die dritte Solo-CD – ist denn auch weniger Mission als Dokument einer souveränen Selbst-Bestimmtheit und eines reifen Selbst-Bewusstseins. Diese Konzentration auf Sich will die Live-Begegnung mit diversen „Artgenossen“ (wie ein erfolgreiches Projekt-Modell heißt) ebenso wenig missen wie die Rock-Schlagseite einer groovenden Band (für 2014 ist ein neues Album in Planung).

Den Persönlichkeitskern kann man bei dem fabelhaften Entertainer seit Jahren in
den Solo-Konzerten entdecken, die in Wahrheit Solo-Shows mit starker Bühnen-Präsenz sind. So erübrigt sich auch schnell die Frage, warum der Künstler das tut: „Ich spiele solo, weil ich es kann“, antwortet er dann. Und: „Gut solo zu sein, ist Voraussetzung für eine gute Partnerschaft. Wie im normalen Leben.“ Wäre das auch mal geklärt.

Jedenfalls fühlt man sich selbst beim Solo nicht allein, sondern in bester Gesellschaft. Geteiltes Lied ist halbes Leid, sagt der Volksmund. Letztendlich kommt es in Zeiten,
wo jeder sich selbst der Nächste ist, nur auf zwei Dinge an: „Liebe und Selberdenken.“ Am Ende zählen Taten. Stoppok weiß das und singt das. Weiterhin. Neu hinzugekommen ist eine spielerische Lust am Ausloten seiner raunzenden Katerstimme, am Dehnen, Vernuscheln und Verschieben von Silben. Mit Routine kann man ihn jagen, deshalb ist dieses Konzentrat auch ein Credo für Beweglichkeit.

„Auf Sendung“ erlaubt den unverstellten und punktgenauen Blick auf Variationsmöglichkeiten einer One-Man-Band. Zwischen Folk und Blues, Rock und Ragtime tauchen sie alle auf, die Zielscheiben aus Stoppoks Spottjagdgründen: die Besinnungslosen aus der Hammelherde und die „spezialisierten Spezialisten“, die Dumpfbacken, Dünnbrettbohrer und Egoshooter, die Frisörgespräche für Lebensweisheit halten. Seine Lieder sind so wie seine Klamotten: unangepasst. Und in den Zeilen hängt weiter ein Ruhrpott-Aroma, das sämtliche Umzüge von Oberbayern bis in den Norden übersteht.

Alles klar
Der bisher unveröffentlichte Song „Alles klar“, als Gesinnungs-Wegweiser programmatisch an den Anfang gestellt, spiegelt die jetzige Sicht auf die Lage der Dinge: „Wenn Du mich fragst, bei mir ist alles klar,“ singt Stoppok da, und der Geist von Muddy Waters weht durch den milde ätzenden Weltenblues. Der nötige Sicherheitsabstand zu Aktien, Glotze und Sonderangeboten wirkt Wunder. In diese Wunder und die zwangsläufigen Wunden stupst Stoppok anschließend live und direkt mit dem Finger, holt alte Stücke wie „Endstation“ und „Erzähl’s deim Frisör“ aus der Versenkung, gönnt dem „Wetterprophet“ und „Viel zu schön“ als Gitarrist eine stabile Saiten-Lage und lädt mit Pohlmann als Zweitstimme „Schwafel nicht“ zur Atemlos-Attacke auf.

Unverwechselbar und bemerkenswert unpeinlich bleibt der Songschreiber, der 2013 nicht von ungefähr den Deutschen Musikautorenpreis bekommen hat, auch bei seinen Liedern über die Liebe und verebbende Leidenschaft. Die sensible Rauschale untermauert seine Fähigkeiten, aus dem Herzen, dieser miesen Gegend, eine atemberaubende Landschaft zu machen. Grandios etwa ist das zerbrechliche Duett mit Astrid North, der früheren Frontfrau der Berliner Soul-Band Cultured Pearls, geraten: „Leise“ implodiert als betörende, bittersüße Ballade der stillen Entfremdung.

Schwarz und weiß sind dazu die mitgelieferten DVD-Bilder. Als würden wir entführt in eine intakte Welt der Kontraste, wo Tag und Nacht, Hand und Fuß, Herz und Hirn noch
zusammengehören.

Vom Glauben an das Schnoddrige, Wahre und Gute, den aufrechten Gang, das versteckte Glück und die heilende Kraft der Satire will Stoppok nicht abfallen. Schließlich bleibt er hoffnungsloser Romantiker.

Pop-Magie aus der Beat-Blüte
Das Set geht auch musikhistorisch „Auf Sendung“ und fängt optisch Pop-Magie
aus der Beat-Blüte ein. Der Aufbau seines Instrumentariums erinnert an Aufnahmesituationen in den Abbey Road Studios. Aber, wirft Stoppok ein, im Aufnahmesaal des Studio-Nord sangen einst Heino und Heintje, der niederländische Muttertags-Bube für die deutsche Wirtschaftswunder-„Mama“: „Hier ein gutes Feeling zu entwickeln, ist die wahre Kunst.“ Da unterscheidet sich unsere Welt kaum von Stoppoks Stonehenge. Feeling ist schön, macht aber viel Arbeit. Des Sängers letzter Satz nach dem finalen Erziehungs-Löscheinsatz bei „Learning by burning“ lautet: „Noch mal schaff’ ich das nicht.“ Na, das wäre ja gelacht.

www.stoppok.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. November 2013 von in Artikel & Interviews, Stoppok, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
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