Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

USA: Amanda Palmer – Das große EAL-Interview

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von Simon-Dominik Otte

Manchmal fühlt man sich wirklich in einer glücklichen Position, wenn man für ein Online-Fanzine schreibt. Denn du bekommst die Chance, Menschen zu interviewen. Und manchmal sind diese Menschen Musiker, die du liebst. Und manchmal hast du jahrelang davon geträumt, diese Menschen zu interviewen. Und dann denkst du über die Fragen nach. Und dann denkst du über dein Verhalten nach. Wirst du das schaffen? Wirst du cool genug sein, um überhaupt die Fragen vorzulesen? Und du stehst da rauchend in der Kälte, nass vom Regen, rauchen, rauchen, rauchen. Ich glaube, das nennt man nervös.

Und dann ist es so, als träfst du jemanden, den du seit Jahren kennst. Bei dem du dich willkommen fühlst, vom ersten Moment an.

Ich hatte dieses Glück. Ich durfte ein Interview mit AMANDA PALMER vor dem ersten Konzert der Europatour mit THE GRAND THEFT ORCHESTRA im Grünspan in Hamburg führen. Und das ging so…

Für mich fühlt es sich so an, als wärst du seit über einem Jahr auf Tour. Wie schaffst du das, ohne an Qualität oder Intensität einzubüßen? Wie gehst du damit um, fern von Heimat und Ehemann zu sein?

Nun, das sind eigentlich drei Fragen. Ich denke, je mehr ich toure, desto intensiver wird die Show. Normalerweise ist es zu Beginn am wenigsten intensiv, irgendwie verrostet, als wäre ich noch nicht im Groove. Je wohler ich mich fühle, desto mehr Risiken gehe ich ein, umso mehr kann ich improvisieren. Die Lebensqualität nimmt allerdings ab, je länger die Tour dauert. Es hat Vor- und Nachteile. Ich genieße das Leben „on the road“ nicht.

Was den Umgang damit angeht, nicht zu Hause bei meinem Mann zu sein: zu Hause mit meinem Mann sein gibt es nicht. Also – das ist okay. Wir sind gerade dabei, ein „zu Hause” zu schaffen. Wir sind jetzt seit fünf Jahren zusammen und haben uns vor ein paar Tagen ein Haus gekauft. Du denkst wahrscheinlich, ich wäre begeistert, ich bin geschockt. Ich habe immer alleine gelebt, in Apartments mit Freunden, mit Kunst, Verrücktheit und Party um mich herum. Und Neil ist ein sehr ruhiger, privater Schriftsteller. Als Neil und ich heirateten, als ich zustimmte, ihn zu heiraten – denn er erhöhte den Druck -, machten wir einen Deal. Ich sagte ihm, ich würde ihn heiraten, wenn wir nicht zusammen leben müssten. Und er sagte ja. Also werden wir genau genommen zwei Häuser haben, eins im Wald und eins in der Stadt. Er wird hauptsächlich im Wald arbeiten, ich hauptsächlich in der Stadt. Aber wir werden uns gegenseitig besuchen. Ich glaube, das kann funktionieren. Müsste ich in ein Apartment mit ihm eingepfercht sein, würde ich mich scheiden lassen.

Ich bin jetzt 37 und habe sehr viel alleine gelebt. Ich weiß, dass es hier nicht nur um Neil geht, wenn meine Exfreunde bei mir einzogen, war ich so angepisst, weil sie in meinen persönlichen Bereich eindrangen. Zudem, wenn du ein Künstler bist, arbeitest du zu Hause. Sie sind in deinem Arbeitsbereich. Es gibt keine Trennung zwischen romantischem Geflüster und der Arbeit.

Neil arbeitet auch zu Hause…

Na ja, Neil ist darin besser als ich. Er ist es gewohnt, in einem chaotischen Haus mit seiner Frau und den Kindern zu leben. Und im Guten wie im Bösen: er bekommt glasige Augen und verabschiedet sich in seinen Kopf und arbeitet mit all dem Chaos um ihn herum. Er ist Schriftsteller und da passiert alles im Kopf. Ich bin Musikerin und ich brauche Privatsphäre, ich möchte nicht wissen, dass mir jemand zuhört.

Bei Wikipedia kann man lesen, dass du als Kind nicht viele Freunde hattest. Sind da heute mehr und was macht eine Person zu einem echten Freund?

Ich glaube, es gibt viele Definitionen von Freundschaft. Jeder einzelne meiner guten Freunde ist so unterschiedlich und der Raum, den sie in meinem Leben einnehmen, ist unterschiedlich, das Maß an Kommunikation ist so unterschiedlich. Ich habe Freunde wie Anthony [C. Anthony Martignetti] – meinen besten Freund – mit dem ich normalerweise mindestens alle drei Tage Kontakt habe. Und ich habe Freunde wie JASON WEBLEY, zu denen ich große Nähe empfinde, und mit ihm habe ich manchmal zwei Monate keinen Kontakt, aber die Freundschaft bleibt dennoch sehr bedeutsam. Die Menschen, die ich als wahre Freunde wahrnehme, sind die, die mich akzeptieren und verstehen, wir urteilen nicht übereinander. Wir sehen uns mit all unseren Schwierigkeiten. Sie sehen in mir nicht die Person, sie gehen in die Tiefe, sie können mich alles fragen. Es gibt keine Geheimnisse, keinen Schutz.

Für mich ist das eine der Gefahren von bspw. Facebook. Einige Leute haben über 600 sogenannte Freunde. Ich bin Lehrer und die meisten meiner Schüler sind bei Facebook und glauben, sie haben eben so viele Freunde.

Man kann gar nicht so viele Freunde haben. Das ist unmöglich. Wenn man 600 Freunde hat, dann glaube ich nicht, dass da auch nur ein wahrer Freund dabei ist. Die meisten Menschen haben so 5-6 wirkliche Vertraute. Man hat viele Bekanntschaften oder Leute, die man mag, mit denen man arbeitet, mit denen man wohnt – davon gibt es Hunderte. Aber Menschen, die der erste Telefonanruf sind, wenn jemand stirbt – das sind die wahren Freunde.

Ich bin nicht bei Facebook und ich bin damit zufrieden. Ich habe es kommen sehen und mich entschieden, nicht dabei zu sein, auch, weil ich sehr mit Twitter beschäftigt bin, und jetzt fühle ich manchmal Schadenfreude, wenn die Leute sich über Facebook beschweren und ich mich nicht darum kümmern muss. Ich muss mich nicht damit befassen, dass meine Mutter mit mir befreundet sein will, damit, dass Familie und Arbeit kollidieren. Aber manchmal habe ich das Gefühl, ganze Geschichten zu verpassen, weil ich nicht auf Facebook bin. Neil ist da und benutzt es, auch seine Familie kommuniziert über Facebook. Eine ganze Welt kommt und geht und all diese Dramen und Geschichten – und ich weiß nichts darüber. Aber ich versuche, das als Geschenk zu nehmen. Es ist wie bei der Freunde-Sache. Es gibt gar nicht so viel Platz im Kopf, um so verdammt viele Informationen aufzunehmen und den Dramen zu folgen, selbst wenn es etwas ist, was mit einer Person, die dir etwas bedeutet, zu tun hat. Ich halte es aber mit der alten Regel: wenn es wirklich wichtig ist – werde ich es herausfinden. [lacht] Jemand wird mich anrufen.

Was ist dann mit Twitter?

Ich glaube, man muss etwas auswählen. Man kann nur in einer Bar gleichzeitig trinken. Irgendwo musst du beständig sein. Und ich habe Twitter gewählt.

Du hast schon mit einer großen Masse an Künstlern gearbeitet. Gibt es noch welche, mit denen du gerne arbeiten würdest? Warum?

Oh, da gibt es so viele…

Wenn du drei wählen dürftest?

Okay, ich wollte sowieso drei auf die Liste setzen. Sie sind sehr real, keine Phantasie, sie sind auf der Liste:

Robyn Hitchcock, mit ihm möchte ich ein Projekt machen und ich glaube, das klappt auch.

Edward Ka-Spel, seit sechs Jahren versuchen wir, zusammen zu arbeiten und es war nie die richtige Zeit.

Und mit meinem Vater. Bevor er zu alt wird.

Wenn du die Möglichkeit hättest, eine Rolle in einer TV-Serie zu übernehmen, welche wäre das?

Wenn Twin Peaks mit einer neuen Staffel zurückkäme… Dann würde ich gerne einen bösen Killer-Alien-Vamp in einem Nightclub spielen.

Für viele meiner Freunde, mich eingeschlossen, ist „The bed song“ der intensivste auf „Theatre is evil“. Er ist Gefühl in Musik ausgedrückt. Was denkst du?

Ich liebe ihn. Ich glaube, er ist einer der besten Songs, die ich je geschrieben habe. Außerdem fühlt er sich für mich nach Evolution an, denn es ist kein Song über mich. Für mich sind die besten Songs, die ich geschrieben habe, diejenigen, die aus meinem Ego ausbrechen.

Du teilst einen großen Teil deines Lebens mit den Fans im Internet. Hast du keine Angst, dich vor ihnen zu entblößen? Du scheinst sehr viel Vertrauen in die Menschheit zu haben.

Ja. [Pause] Ich meine… dem kann ich nicht widersprechen.

Warum sollte jeder aufhören, zu behaupten, dass Kunst schwer ist? („Stop pretending art is hard“ aus „Ukulele Anthem“)

Oh, das ist genaugenommen eine Lüge. Kunst ist so hart, wie man sie macht. Ich kann kein fotorealistisches Bild malen. Das ist hart. Aber die Ukulele spielen zu lernen ist für die meisten Menschen nicht hart. Seltsam, dass du das heute fragst. Ich bin gerade dabei, einen Blog über LOU REED zu beenden und zu posten. Da ist ein wunderbares Beispiel für jemanden, der einfach eine ganze Mauer für viele Menschen eingerissen hat. Dieser spezielle Teil des Punk, mit Poesie und Kunst, und nicht nur dieser nihilistische Punk mit der Aussage „fuck the man and smash the state“, sondern Punk mit wirklicher Tiefe und Geschichten und Emotionen… ich versuche gerade herauszufinden, wie sehr er mich beeinflusst hat. Gewaltig. Jemandem dabei zuzuhören, der einfach zur Gitarre greift, sie gar nicht wirklich spielen kann, nicht singen kann, aber eine große Vorstellungskraft im Kopf, wie er alles durchschneidet… das ist, wo „stop pretending art is hard“ wirklich Sinn ergibt. Es gibt so viele unterschiedliche Talente wie LOU REED, PATTI SMITH, IGGY POP. Sie hatten alle ihre besonderen Talente, Fähigkeiten und Gedichte. Und die Tatsache, dass sie nicht den ganzen Rest mitbrachten, spielte überhaupt keine Rolle, das machte sie authentisch.

Also quasi – mach einfach!

Ja. Und es muss nicht perfekt sein und es muss gar nichts sein, außer gefühlvoll und von Herzen. Das ist der Kern des Punks, der verloren gegangen ist. Nach vielen, vielen Kopien des Punk hat man diesen Kern verloren. Punk wurde etwas, wo man gut oder schlecht sein konnte. Punk ist ein Genre geworden, mit Look und Sound. Aber damals hörte man ihnen einfach zu und sie waren… verdammt verrückt. Und großartig. Sie klingen, als seien sie direkt aus jemandes Kopf herausgepurzelt. Ohne den Zwang, richtig hergerichtet, perfektioniert und beworben zu werden. Und daraus habe ich eine riesige Inspiration gezogen. Neil im Übrigen auch. Er hat heute einen Artikel für den Guardian geschrieben, der einfach phantastisch ist. Und ich glaube, über diese Künstler zu sprechen, ihnen eine Hommage zu widmen, in der eigenen Vergangenheit zu graben, das ist der beste Weg, ihnen Respekt zu zollen, wenn sie gehen.

Letzte Frage: Wenn du dein eigenes Festival gestalten könntest, wer wären die Mainacts (tot oder lebendig)?

Tot oder lebendig? [lacht] Wie viele bekomme ich?

Drei bis fünf?

Okay.

Chopin.

NEUTRAL MILK HOTEL

THE BEATLES … bevor sie sich untereinander gehasst haben.

und für die ganz, ganz späte Nacht: NICK DRAKE.

Das wäre mein Lineup.

Vielen Dank für das Interview.

amanda_Palmer

Homepage Amanda Palmer: http://amandapalmer.net/home-2/

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