Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: „Es war einmal und wenn sie nicht“ Singer/Songwriter lesen Grimms Märchen

eswareimal_undwennsienicht

von Simon-Dominik Otte

Wolfgang Müller hatte eine großartige Idee. Man versammle die Großen der deutschen Songwriterszene und lasse sie alle eines von Grimms Märchen vorlesen. Und sie sind alle gekommen, haben sich ein Märchen herausgesucht und es auf ihre eigene Art interpretiert. Finanziert wurde dieses Projekt – wie derzeit so viele – über startnext, so wurden viele Teil des Ganzen und das Ganze ein Erfolg. Denn nun liegt es vor einem, in schöner Verpackung mit tollem Artwork und als Doppel-CD, das Ergebnis mit dem Namen „Es war einmal und wenn sie nicht“. Natürlich darf auch Musik nicht fehlen, die dann von Dinesh Ketelsen mitgeliefert wird. Schade nur, dass Nils Koppruch das nicht mehr erlebt. Aber wer weiß.

Den Anfang macht Tom Liwa mit „Dornröschen“, schön verraucht und atmosphärisch. Wie überhaupt bewiesen wird, wie schön doch die deutsche Sprache sein kann, wenn sie nicht von Fäkalsprache versetzt als Gangsta-Rap genutzt wird. Die kleinen akustischen Musikeinsprengsel helfen, sich wieder auf das nächste Märchen neu einzustimmen und so auch die Konzentration nicht zu verlieren. Wenn dann Kevin Hamann alias Clickclickdecker mit der „Klugen Else“ weitermacht, bekommt man das Gefühl, man säße in einer gemütlichen Kneipe auf Sankt Pauli und ließe sich eben diese Geschichte von ihm erzählen. Man wünscht sich schon jetzt die Tradition des herumziehenden Geschichtenerzählers zurück.

Nach Thees Uhlmann und Ingo Pohlmann macht dann Olli Schulz weiter, der „Rapunzel“ so düster interpretiert, dass man fast Angst bekommt, vor die Tür zu gehen. Mein persönlicher Höhepunkt auf der ersten CD ist aber Enno Bungers Version von „Der Wolf und der Fuchs“. Ich wünsche mir hier sofort, dass Herr Bunger mich ab jetzt bitte jeden Abend in den Schlaf lesen möge.

Auf ähnlichem Niveau übernimmt dann auf der zweiten CD Gisbert zu Knyphausen mit dem „Froschkönig“ und lässt den Hörer sofort gedanklich am Brunnen sitzen, man fühlt die Kühle des Wassers und lauscht immer versonnener.

Moritz Krämer hingegen singt fast schon vom „Tode des Hühnchens“, der für ihn typische Singsang wirkt sich auch auf den von ihm gelesenen Märchentext aus und gibt ihm besondere Würze. Und spätestens jetzt ist man dankbar, dass auch die eigenen Eltern uns vorgelesen haben und hat wieder einen Grund mehr, warum es sinnvoll ist, den Schülern auch vorzulesen. Oder – mit dieser CD im Rücken – eben vorlesen zu lassen, passend zu unserem nächsten Schwerpunkt in Deutsch, der da heißt:  Märchen. Na, danke für die Unterrichtsplanung.

Das letzte Wort dieser wirklich wunderschönen Compilation hat dann Marcus Wiebusch. Der Frontmann von Kettcar liest den „Gestiefelten Kater“ und man wird neidisch auf Wiebuschs Kinder, die dieser Stimme häufig lauschen können. Glücklicherweise können wir das dank dieser CD nun endlich auch. Und sollten es tun.

Grimms Märchen. Wunderschön geschrieben. Wunderbar individuell und abwechslungsreich interpretiert. Die erste Garde der deutschen Songwriter kann nicht nur singen, nein, sie verleihen diesen alten Worten neue Bedeutung. Wir lassen es dem Herrn König empfehlen. Ob als Unterrichtsinhalt, Einschlafhilfe oder einfach nur so, um dem tristen Herbstwetter die Stirn zu bieten.

www.eswareinmalundwennsienicht.de

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