Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Zum 2. Todestag von Georg Kreisler: Die Zukunft, wie sie war (Buch)

KreislerDieZukunft

von Sophie Weigand

Am 22. November jährt sich Georg Kreislers Tod bereits zum zweiten Mal. Wenige Kabarettisten und Chansonniers, Lyriker und Schriftsteller haben so nachhaltigen Einfluss auf ihr Genre ausgeübt wie Georg Kreisler. Zahllose, heute im Bereich des Liedermachens Tätige, berufen sich auf diesen Großmeister des schwarzen Humors, aber auch der klaren und deutlichen Worte.

Vom Uhu bis zum Salamander
erschuf der Himmel ein Gedicht.
So schön passt alles zueinander
doch der Mensch passt nicht.

1922 in Wien geboren und jüdischer Herkunft, flieht er 1938, nach der Annektierung Österreichs, mit seinen Eltern in die USA. Er versuchte, als Komponist und Pianist ins Filmgeschäft einzusteigen, wurde jedoch 1943, nun als amerikanischer Staatsbürger, zur US-Armee eingezogen. Als er nach dem Krieg in die USA zurückkehrt, gelingt ihm der Einstieg in die amerikanische Traumfabrik Hollywood, er arbeitet mit Charlie Chaplin und Hanns Eisler zusammen, insgesamt bleibt sein Erfolg aber mäßig.

Man merkt auch an den Orden, wer die Leute wirklich sind.
Wenn einer ein Verdienstkreuz hat, dann hat er viel verdient.
Und weiß er nicht wofür und weiß er nicht worauf,
dann steckt er das Verdienstkreuz an und hört zu denken auf.

1955 kehrte er nach Europa zurück, zunächst nach Wien, wo er unter anderem mit Helmut Qualtinger auftrat, dann nach München, später nach Berlin. Kreisler ist stets unbequem, er legt seinen Finger in die Wunde der Nachkriegszeit, die sowohl in Deutschland als auch in Österreich noch nicht einmal Schorf angesetzt hat. Während andere schon voller Aufbruchsstimmung in ein neues Leben starten, kann Kreisler nicht vergessen. Besonders deutlich zu hören in seinem Lied “Weg zur Arbeit”, dessen Text auch in diesem hier vorgestellten Buch enthalten ist.

Kreislers Themen sind immer hochaktuell, auch heute noch –

Schau die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau,
spielen wir Unfall im Kernkraftreaktor!
Heut’ ist jeder im Grünen mit Kindern und Frau,
das ist ein ganz wichtiger Faktor.
Du nimm dir dein Kind, ich mein Kind
und jeder vergiftet sein Kleinkind.
Jeder Kernkraftreaktor geht schief dann und wann,
drum ist’s gut, man gewöhnt sich daran.

In vielen seiner Texte spiegelt sich auch seine politische Überzeugung. Georg Kreisler ist bekennender Anarchist und überzeugt, dass jede, wie auch immer geartete Macht, den Menschen korrumpiert. Erst wenn niemand mehr über keinen regiere und herrsche, könne es Frieden und Gerechtigkeit geben. Besonders in den Texten “Wir sind alle Terroristen”, “Ein Politiker hat keine Liebe” und “Mit dem Rücken gegen die Wand” werden diese Standpunkte deutlich. Kreisler ist nicht diplomatisch, zynisch und bösartig. Er sagte allerdings einmal auf Nachfrage einer Journalistin, ob es denn Genugtuung sei, für das Bösesein auch noch ausgezeichnet zu werden, dass er ja keineswegs wirklich böse sei. Die Welt sei es und er spiele es nach, in der Hoffnung, manchen Menschen zum Umdenken zu bewegen. Und in der Tat ist, mit den Jahren, die Bösartigkeit viel mehr ohnehin bereits bestehenden realen Gegebenheiten gewichen. Satire ist schwierig geworden.

Denn ein guter Mensch muss glücklich sein
Wer Trauer fühlt, ist selber schuld
Das ist des Pudels Kern
Schmerz ist einfach unmodern

Der Atrium-Verlag hat nun kürzlich diese kleine, aber feine Textsammlung herausgebracht. Lyrik, vereinzelt Prosa und Dialoge vereinen sich zu einem sehr breiten und vielfältigen Querschnitt von Kreislers Schaffen. Sie animieren, sich weiter mit dem Œuvre dieses Mannes zu beschäftigen. Vieles lässt sich noch heute aus seinen Texten entnehmen, womöglich auch eine gehörige Portion Wut darüber, wie wenig sich tatsächlich an den besungenen und beschriebenen Verhältnissen geändert hat. Umso wichtiger, dass Georg Kreisler, dieser scharfsinnige Beobachter seiner Zeit, nicht in Vergessenheit gerät! Eine große Empfehlung für alle, die ihn nicht kennen – und selbstverständlich für die, die ihn schon lange schätzen.

Der Pole steht betroffen
Der Deutsche steht im Bus
Im Osten lebt das Hoffen
In Deutschland lebt, wer muss

kreisler2

4 Kommentare zu “Zum 2. Todestag von Georg Kreisler: Die Zukunft, wie sie war (Buch)

  1. saetzeundschaetze1
    21. November 2013

    Wir sind drei. Bin gerade drüber gestolpert – danke für die Erinnerung. Da ich gerade wegen Trafikant und Heldenplatz usw. einen kleinen Österreich-Schwerpunkt habe, habe ich mir erlaubt, einen Link zu setzen. Der Beitrag ist hervorragend!!!

  2. Papageno
    8. November 2013

    Für mich bis heute unerreicht!!!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 8. November 2013 von in Liedermacher und getaggt mit , , , , , , .
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