Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Malediva – Barhocker

Bevor man der Letzte im Laden ist, lässt man sich doch überzeugen!

malbar

Malediva ist zurück: Vom „Barhocker“ aufs Kreuzfahrtschiff zur nächsten diventypischen Tournee – die CD zum aktuellen Programm

 von Anne Drerup

Nach längerer Pause und bereits vier beliebten Programmen („Pyjama Party“; „Die Fetten Jahre“, „Ungeschminkt“ und „Lebkuchen“) ist es nun mit „Barhocker“ und demnächst auch seinem Weihnachtsprogramm („Schnee auf Tahiti“) zurück: Das Trio Malediva mit feinstem Kabarett inklusive eigener Chansons und Parodien – und zugehöriger CD. Wobei sich nun zu den Akteuren und Textern Tetta (Phillip) Müller und Lo Malinke sowie ihrer musikalischen Leitung Florian Ludewig (Piano) noch eine Bandverstärkung dazugesellt hat: Björn Werra am Kontrabass und Kai Schönburg am Schlagzeug.

Am 04.09.2013 hatte das Bühnenprogramm in Berlin Premiere, vorab gab es in Bonn schon ein paar Vorstellungen in der Springmaus, neben dem Pantheon renommiert für Kabarett und Kleinkunst. Etwa eine Woche später wurde das Konzert in Berlin live mitgeschnitten und als CD veröffentlicht. Um alle Gags mitzubekommen, auch akustisch zu verstehen, und die Bühnenatmosphäre nachempfinden zu können, ist es sicherlich ratsam, eine Vorstellung zu besuchen. Nichtsdestotrotz haben die Chansons und Dialogszenen, die sich abwechseln, auch als Höreindruck auf der CD Witz, aktuellen Politkabarettbezug und einen gewissen Charme. Dabei nehmen sich die beiden Diven auch immer wieder gerne selbst aufs Korn – z.B. wenn es in ihrer „Ingetour“ zu wechselseitigen Missverständnissen kommt – dass bei ihrem Bandnamen Frauen erwartet werden und dass sie nicht etwa auf den (Erfolgs-)Spuren Inge Meysels wandeln, sondern sich in süddeutschen Käffern, die auf „-inge(n)“ enden, behaupten müssen.

In ihrem schwungvollen Intro, dem Song „Zurück auf Los“ werden die Zuhörer gleich auf das Hauptthema eingestimmt: Neuanfang und große Ziele. Letztere sind trotz enormer Anstrengungen noch lange nicht erreicht – und das ist ein gewisser Grund zur Klage: „Ich ehre das Alter, zahle meine Steuern pünkt-e-lich. Das kann man nicht von jedem sagen, da könn‘ Sie gerne Boris Becker oder Uli Hoeneß fragen!“

Prominente, besonders solche, die sich medial gerne in den Vordergrund spielen, bekommen im Programm immer wieder ihr Fett weg – genauso wie die Generation an Freunden und Bekannten der Maledivas. In „Schnauze voll“, der ersten Dialogszene, geht es damit schon los: Tetta Müller hat sich vom Showgeschäft verabschiedet und eine Souterrain-Bar in Berlin-Mitte eröffnet. Diese erweist sich zunehmend jedoch als dreckiges Loch, sodass Lo Malinke alles daran setzt, Tetta von einer weiteren Malediva-Tour zu überzeugen. Gesellschaftskritik gibt es in kleinen Seitenhieben, so wie bei der Gemeinnützigkeit für „Toast für die Welt“ oder die Quadratmeter Betongold, die Tettas Bar angeblich darstellt und wesentlich lukrativer sein soll als der Künstler Riester-Rente. Sehr schnell beginnen die beiden, über Bekannte und Freunde in ihrer Generation zu lästern, worauf sich sinngemäß das nächste Lied „Das haben wir nicht bestellt“ anschließt. Dieses Lied über Midlifecrisis und einem daraus entstehenden Jugend- und Gesundheitswahn deckt schonungslos Beispiele auf, die den Zirkus mitmachen bzw. nur an ihrem Image interessiert sind, doch für die beiden ist ganz klar: „Das haben wir nicht bestellt. Und wir ha’m auch nichts unterschrieben. Wir seh’n doch auch gar nicht so aus. Und wir woll’n uns auch gar nicht so fühlen. Früher lag doch noch alles vor uns, aber dahin woll’n wir nicht mehr geh’n. Warum soll’n wir nicht mal auf’m Sofa sitzen bleiben und die Welt nicht mehr verstehen?!“

Im nächsten Dialog wird weiter aufgedeckt, welche Diskrepanzen zwischen den beiden Akteuren herrschen: Es geht um vermeintlich prominente Gäste in der Bar, stets neuauftretende Mängel, die Überzeugung des einen, dass „Runter von der Bühne, rein in die Gastronomie!“ die richtige Entscheidung gewesen ist, Erinnerungen des anderen an die guten Tourneezeiten durch das (leider viel zu kleine) deutschsprachige Europa sowie seine Vorwürfe an den „Aussteiger“ – pff, Selbstfindung auf dem Jakobsweg! Vielleicht ist dies aber immer noch lohnenswerter, als Show bis zum bitteren Ende zu liefern, wie es in einer Parodie-Version von Katja Ebsteins Eurovisionshit „Theater, Theater“ vorkommt – das zunehmend dramatisch vorgetragene Lied wird immer wieder unterbrochen durch Episoden im Kellertheater Geisslingen, bei dem die Zuhörer, allen voran die Bügermeistergattin, zunächst irritiert, dann enttäuscht und zuletzt nicht mehr willens sind, dem Programm weiter beizuwohnen. Malediva singt weiter, auch wenn keine Zuschauer mehr da sind und der Hausmeister bereits abschließt – Vertrag ist Vertrag! Da setzt nur das Finale in Form von ABBAs „Thank you for the music“ einen drauf: „Cause everyone listens when I … EVERYONE LISTENS when I start to sing…“ sowie die Nummer mit Agnetas (selbstständigen) Haaren.

Aber was wäre denn auch die Alternative? Die Liveunterhaltung steckt in der Krise, Jobsuche ist wenig erfolgreich ohne Ausbildung, das treue Seniorenheimpublikum sitzt auf seinem Geld und rückt nichts heraus, ja, Florian Silbereisen gibt sich mit rasierten Beinen als Double für Helene Fischer her und die Wildecker Herzbuben mutieren in Travestieshows zu den Kesslerzwillingen. Erfolgreich scheint in „Ein hoffnungsloser Fall“ allein Veronica Ferres mit ihren „Facetten eines Stars“ (Welche Facetten? Man kann sie von rechts und von links fotografieren!) zu sein – da sie nun mal so oft im ZDF auftritt, genau wie das Oder-Hochwasser. Die ruhige Ballade „Der Letzte im Laden“ gibt aber neuen Mut, dass man durch die Solidarität des anderen zumindest nicht allein in seinen Misserfolgen und Nöten steht. Ein ähnliches, aber weitaus persönlicheres Thema hat später auf dem Kreuzfahrtschiff „ Fast schon das Meer seh’n“.

Dort befinden sich Malediva nämlich im zweiten Teil des Programms, nachdem Tetta sich durch die Coverversion von „Make your own kind of music“ von Barry Mann und Cynthia Weil dazu hat ermuntern lassen und das Kleingedruckte des Vertrags nicht gelesen hat. Dabei hätte ihm die Erinnerung an die letzte Kreuzfahrtschiff-Tournee eine Warnung sein sollen: Als ABBA-Revivalband durfte er weder Agneta sein, noch eine Kabine mit Fenstern bewohnen. Deshalb regt er sich in „Glatt gelogen“ auch fürchterlich auf und fühlt sich auf der MS Deutschland (diesem MumienSchlepper) alles andere als wohl. Immerhin, über Soaps wie „Das Traumschiff“ und die sogenannte High Society und selbst über Politiker lässt es sich lustig machen und das ist eine gute Ablenkung – das Publikum kugelt sich vor Lachen. Die Inhalte der Dialogszene greift später das jamaicanisch klingende „Kreuzfahrtschiffnutten“ auf, für Geld macht man schließlich alles auf der MS Deutschland.

Tetta glaubt ja auch bis zur Desillusionierung, dass die Reise in den Süden geht, doch in Wahrheit geht es nach Norwegen und „Zu den Lofoten“. Große Empörung: „Ich bin eine Schildkröte – ich lege gerne meine Eier im Sand ab!“ Immerhin, „Ein Stück vom Meer“ kann man sogar in einem geliebten Menschen finden, besonders dann, wenn man ihn sehr vermisst.

Summa summarum lässt sich sagen, dass die CD „Barhocker“, wenn einem Maledivas Stil gefällt, Interesse für das Liveprogramm weckt. Die Chansons lassen sich auch öfter hören, aber die Szenen leben doch mehr vom Bühneneindruck! Wer nun neugierig geworden ist, kann die nächsten Tourtermine der Homepage www.malediva.de entnehmen.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. November 2013 von in 2013, Liedermacher, M-P, Malediva, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , .
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