Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Paul Bartsch & Band – Tanzende Hunde

tanzende Hunde

Wenn „Tanzende Hunde“ Der Bordkapelle Ouvertüre in Richtung Heimat oder HimmelReich begleiten, ohne sich an Glaubensfragen zu stören, dann ist das längst Noch nicht alles…

von Anne Drerup

Die aktuelle CD von Paul Bartsch und seiner Bordkapellen-Band schickt ihre Hörer mit kraftvoller Musik und geistreichen, gesellschaftskritischen Texten (ohne Systemrelevanz, bitteschön!) auf Gedankenreise.

Dabei macht sie im Opener „So oder so“ gleich neugierig mit der Frage „Wer weiß, wohin die Reise geht?“ und überlässt den Zuhörern an mancher Stelle Interpretationsspielraum. Keine Belehrung von oben also, sondern ein Anstoß zum Nachdenken, das bietet das neue Programm „Tanzende Hunde“ von Liedermacher und Professor Paul Bartsch, der die meisten seiner 18 Texte und Kompositionen 2012 verfasste und sich nun über eine gelungene aktuelle CD zur Tour im Herbst freuen kann.

Dass jedes Bandmitglied dabei wichtig und wertgeschätzt ist, merkt man zum einen an den Zeilen „Der eine spielt das Instrument. Der andre ist der Dirigent. Doch weil’s am besten klingt, was man gemeinsam bringt, vereint sie das, was sie noch trennt“, und zum anderen, sobald man die Vorstellungsseite im Booklet aufschlägt, wo auch für die Unterstützung der Gastmusiker Michael Lehrmann aus Berlin (E- und A-Gitarre), Wolfgang Singer aus Leipzig (E-Geige) und Thomas Wittenbecher aus Halle (Akkordeon) gedankt wird. Sie sorgen neben der stammbesetzten Crew aus Thomas Fahnert (Gitarren, Geige, Gesang), Sander Lueken (Keyboards, Gesang), Gerd Hecht (Bassgitarren), Ralf Schneider (Schlagzeug/Percussion) und eben ihrem Kopf Paul Bartsch, der zwischendurch Akustik-Gitarre und Mundharmonika spielt, bereits ab dem ersten Stück für einen satten, kraftvollen Klang und je nach Zusammenstellung für ganz unterschiedliche Stilrichtungen.

Den Rahmen, oder neudeutsch: das Setting, bildet sicherlich die Vorstellung, als Bordkapelle auf dem Gesellschaftsschiff der heutigen Zeit zu spielen, das, so luxuriös, wie es ist, in naher Zeit unterzugehen droht. Dies wird aber weder in „Der Bordkapelle Ouvertüre“ noch in dem vermeintlich tatsächlichen Untergang des Schiffs in „Der Bordkapelle letzter Schluss“ als schlimm empfunden, vielmehr wird die herrschende Gesellschaft kritisiert, die keinen Kurs ändern möchte, weil damit ihr Luxus schwinden könnte, sodass der Eisberg sogar als Erlösung empfunden wird. Die musikalische Vielfalt zeigt sich schon allein bei diesen beiden Stücken: Während die Ouvertüre mit Rockinstrumenten eine Reggae-anmutende Melodie anstimmt und im Mittelteil zur Tango- bzw. Jahrmarktsmusik schwenkt, um die Vergnügungssucht zu unterstreichen und die Warnungen der Bordkapelle zu verdrängen, erklingt der letzte Schluss im maritimen Walzer und kritisiert die eigentlich Verantwortlichen, die sich vorab vom Schiff verdrücken – der Kapitän sogar in Frauenkleidern, damit er im Rettungsboot bevorzugt wird. Zum Ende hin gibt es eine gekonnte Wendung, denn es wird deutlich, dass es sich um eine Filmszenerie handelt: „Und abends sagt der Pianist zum Geiger an der Bar: „Es ist zwar nur ein Film, doch die Pointe, die ist wahr…“ Wie nun die Pointe lautet, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: Mit Gesellschaftskritik sollte man bei der Bordkapelle stets rechnen!

Diese ist beim Titelsong „Tanzende Hunde“ sicherlich auch, aber subtiler vorhanden, denn es bleibt einem selbst überlassen, wen man mit den zunächst schlafenden, dann streunenden bissigen und tanzenden Hunden assoziiert. So bissig sie auch sind, sie werden zugunsten von heimlichem Glück in Kauf genommen, und vielleicht ebenfalls durch den maritimen Rhythmus in Schach gehalten – sehr eindrücklich kommt hier auch wieder die E-Geige zum Einsatz.

Einen Kontrast dazu bildet die ruhige Ballade „Heimat“, in der die Frage gestellt wird, was Heimat überhaupt ist und bedeutet und ob dieses Wort nicht vielleicht auch zu negativ belastet ist. Sie ist nicht der Geburtsort auf dem Papier, aber ist sie das Dorf der Kindheit? Ist sie erkennbar durch die Fremde, also nur im Kontrast? Das lyrische Ich in der Ballade kommt zu der Überzeugung, dass Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl und die Verbindung zu vertrauten Menschen ist. Und dass dieses Gefühl unter keinem Zwang Bestand hält: „Vielleicht die Gewissheit, dass ich dort nur bliebe, wo man mir jederzeit erlaubte, fortzugehen – so kann Heimat sein“.

In diesem Lied und an ein paar weiteren kleinen Stellen gibt das ansonsten sehr ansprechend gestaltete Booklet übrigens nicht genau den Wortlaut wieder, was aber dazu führt, sich ganz auf das Zuhören einzulassen. Dies kann bei den Texten von Paul Bartsch gut gelingen. Denn sie beinhalten im Wechsel Fragen und Anstöße zur eigenen Person und inneren Einstellungen sowie Kritik nach außen, am aktuellen Zeitgeschehen.

Zum ersten Themenbereich zählen sicherlich „Noch nicht alles“ über innere Widersprüchlichkeiten, Sinn- /Identitätssuche und die Erkenntnis: „Und bis ans Ende meiner Tage fällt mir die Antwort schwer, die Antwort auf die Frage, wer ich wohl am liebsten wär – so bin ich“ oder das enthusiastische „Nie zu spät“ im Countrystil, das erkennen lässt, dass kein Ende ein Ende ist, sondern die Möglichkeit eröffnet, sich Zeit zu nehmen, um zu erkennen, wie es weitergehen kann bzw. seinen Frieden mit allen anderen und sich selbst zu machen. Sehr humorvoll nimmt Bartsch auch Anspielungen auf Grimm’sche Märchenliteratur, so in „Buttje“, wo aber realistischere und nicht nur materielle Wünsche gegebenüber dem Butt geäußert werden, wie z.B. inneres Gleichgewicht oder Einsicht bis hin zu einer Partnerin, die einen nicht verlässt. „Blut im Schuh“ ist darüber hinaus auch noch eine Hommage an Udo Jürgens mit Zeilen aus „Mit 66 Jahren“, wo sich endlich auch aufklärt, an welche Stimme Paul Bartsch in seinem Gesang erinnert, denn die beiden Stimmen haben eine gewisse Ähnlichkeit. 66 Jahre sind ihm aber viel zu spät für einen Lebensanfang – außerdem sollten Äußerlichkeiten und das Alter nicht wichtig sein, sondern die Beziehungen, die man zu anderen Menschen lebt – dann passt auch der alte, verlorene Schuh, weil du dir selbst treu geblieben bist. Sich treu und mit sich im Einklang zu bleiben, darauf zielen auch die etwas ernsteren Stücke „Der Teufel nimmt die ganze Hand“ sowie das mit Flamencoelementen versehene „Was könnten wir“ (ändern, wenn nicht uns selbst?), wobei sich eines nicht verändern sollte: Die innere Kraft und die Hoffnung, welche im eigenen Willen gipfeln, egal wie hart es kommt, den eigenen Weg weiterzugehen. Dass auch Vergänglichkeit und Tod nicht ausgeklammert werden, zeigt sich in „Beinah die Ewigkeit“, wo aber ganz klar darauf der Fokus liegt, bewusst und gerne zu leben. Dieses Lied hat im Booklet eine persönliche Widmung: für Norbert B. und Norbert S.

Im Themenbereich Gesellschaftskritik zeigen sich bei den Liedern ebenfalls Multiperspektiven: Während sich in „HimmelReich“ der Mensch an sich als Ausbeuter erweist und Kritik an der Kredit- und Bankwirtschaft geübt wird, die diese Heuschrecken-Mentalität unterstützt, wendet sich ein einzelner in „Systemrelevant“ bewusst dagegen und klagt das marode System, das die Schere zwischen arm und reich nur weiter öffnet, scharf an. Es kann ja auch nur dann erhalten werden, wenn sich die Gesellschaft daran klammert. Dieses Lied im Jazzstil ist eines der wenigen, bei der kein Gastmusiker mitwirkt. Deutlich positiver und ermutigender wirkt da „Glaubensfragen“, in dem es keineswegs um Religion, sondern um die Frage nach dem Glauben an eine veränderbare, bessere Welt geht. In Rettungsschirm-Politik, den beschriebenen Gewohnheitstieren und dem Zweifel, ob sich Nächstenliebe überhaupt lohnt, werden zeitaktuelle Fragen aufgeworfen, woraufhin das Lied den Lösungsansatz Solidarität thematisiert: „Glaubst du das, dann bin ich bei dir. Glaubst du das, wird aus uns schon ein Wir.“ Lieder über Missstände zu singen, erscheint als ein guter Anfang zur Änderung der Welt. Und genau das zeigt sich auch eindrucksvoll in „Wenn wir’s wirklich woll’n (Trierer Ballade)“, das Bartsch für das Songfestival in Trier 2012 schrieb und in dem er sich ein einziges Mal einem musikalischem Vorbild bedient: Bob Dylan. Alle anderen Stücke hat Bartsch selbst komponiert.

Es beleuchtet die deutsch-deutsche Geschichte mit dem Chorus „Wenn wir’s wirklich woll’n, fallen die Mauern“. Doch ziemlich bald stellt sich heraus: Auch wenn die sichtbare Mauer gefallen ist, werden unsichtbare gebaut, die die Schere von Arm und Reich absichern. „Was wir wirklich woll’n, das ist die Frage!“ Dann sind die unsichtbaren Mauern genauso schlimm wie die sichtbaren.

Hoffnung besteht aber, besonders wenn „Diese Kinder“ immer mehr werden: Mit einem Plädoyer für Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und echte Erfahrungen fordert Bartsch die Erwachsenengeneration dazu auf, genau dies bei ihren Kindern wahrzunehmen und zu unterstützen:

Denn Kinder können alles, wenn wir sie nur lassen, und sie bestärken (nicht verhindern), dass sich endlich was bewegt. Was für ein Quatsch, sie in Schablonen einzupassen, die wir nach unseren eignen Bildern ausgesägt.“

Wie man sieht, bietet die CD „Tanzende Hunde“ eine ganze Palette an musikalischen Stilen und relevanten Themen. Besonders Freunde gesellschaftskritischer Liedermacher kommen hier auf ihre Kosten, sofern sie nicht ausschließlich leise Töne bevorzugen – dafür ist die Bordkapellen-Band zu stark. In Bezug auf die letzte Rockballade auf der CD besteht Grund zur Hoffnung, dass es sich nicht um das letzte Projekt von Paul Bartsch und seinen Kollegen handelt, und so sei ihm an dieser Stelle auch „Das letzte Wort“ überlassen: „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, vielleicht nicht mal gedacht.

Homepage: www.zirkustiger.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. November 2013 von in 2013, Bartsch, Paul, Liedermacher, Plattenbesprechungen und getaggt mit , , , , , , .
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