Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Er liegt auf dem Rücken. Zum 2. Todestag von Ludwig Hirsch.

lhirschlp

von David Wonschewski

Ja doch, das fühlte sich schon ein wenig seltsam an. Wie dort ein Musiker, der so gerne die Morbidität des Lebens vertonte, tatsächlich und höchst selbst das Zeitliche segnete. Und dann noch, wie es scheint, von eigener Hand herbeigeführt. Und alles das vor genau zwei Jahren, am 24. November 2011.

I lieg am Ruckn, einer der vermutlich größten Songs von Ludwig Hirsch, hatte dabei bereits 1978 all das auf den Punkt gebracht, was uns nun auch heute wieder und wieder durch den Kopf geht. Wie da jemand in seinem Sarg liegt und verwest, während ein paar Meter darüber die Herzallerliebste Rotz und Löffel heult. Damals hat er es besungen und nun, nun wird er wohl selbst seinen liebgewonnenen Würmern dabei zuschauen, wie sie dinieren. Wobei sich in diesem sarkastischen Zusammenhang durchaus die Frage stellt, was noch übrig ist von einem Menschen, zwei Jahre nach seinem Ableben.

Im Falle von Ludwig Hirsch: viel. Sehr viel.

Der blanke Horror einer provinziell-muffigen Bürgerexistenz, kaum ein Musiker hat ihn mit einer ähnlich sarkastischen und schaurigen Arglosigkeit verpacken können wie der studierte Schauspieler Hirsch. Mit den Mitteln der Gemütlichkeit und einer gehörigen Portion Wiener Manierismus ist es ihm weit über 30 Jahre lang gelungen, den beißenden Kontrast einer Gesellschaft bloßzulegen, die zwar zu jeder Grausamkeit fähig ist, zugleich jedoch unfähig, sich zu ihrer eigenen Gewalt zu bekennen. Und so stapfen eine Menge Gestalten durch seine Lieder, Gestalten, die nicht einmal zu Anti-Helden taugen, sind sie doch bis zum Bersten angefüllt mit dunklen und tragischen Geheimnissen. So dunkel und so tragisch wie in der Person jenes netten Herrn Haslinger, den Hirsch in seiner zuvorkommenden Gemütlichkeit als Prototyp des älteren und gediegenen Wunschnachbarn zeichnete. Und dessen pädophile Neigung niemandem, aber auch wirklich niemandem auffallen mochte. Fast nachvollziehbar erscheint es da, dass es der Radiosender Ö3 noch 1978 vorzog, einen Einsatz seines Liedes Großer schwarzer Vogel nach 22 Uhr grundsätzlich zu verbieten – aus Angst, Hörer könnten sich davon zum Suizid animiert fühlen.

Geboren wurde Ludwig Hirsch am 28. Februar 1946 im steirischen Hartberg. „Ich bin eigentlich Wiener, ich wurde nur zufällig dort geboren“, betonte er. Sein Vater, ein Arzt, sei ein Jahr in der Steiermark tätig gewesen. Genau in dieser Zeit kam Hirsch zur Welt. Danach zog die Familie nach Wien. Bekannt wurde Hirsch mit Liedern urwienerischen Zuschnitts – zumindest, was deren inhaltliche Morbidität und Hintergründigkeit betrifft. Sein Debütalbum erschien 1978 und hieß „Dunkelgraue Lieder“. Bereits in diesem Titel und auf diesem Album war alles angelegt, was ihn später auszeichnen sollte. Bevor Hirsch sich hauptberuflich der Musik zuwandte, absolvierte er jedoch ein Grafikstudium an der Universität für angewandte Kunst in Wien und besuchte die Schauspielschule Krauss. Als Theaterschauspieler war er zuerst auf deutschen Bühnen tätig, bevor er 1975 Ensemblemitglied im Wiener Theater in der Josefstadt wurde. Zu dieser Zeit kam auch der Durchbruch mit seiner ersten LP, der bis dato mehr als 20 Platten folgen sollten.

Im Herbst 2010 noch ging Hirsch auf Tour, „Vielleicht – zum letzten Mal“, so der Titel. Es sollten aber noch in 2011 Konzerte gemeinsam mit seinem langjährigen Partner Johnny Bertl folgen, die einen Überblick über die lange, kreative Schaffensphase des Sängers boten.

Es gehe ihm immer um die Geschichte, erklärte Hirsch einmal: „Ich kann nichts anderes als Geschichten erzählen, den Leuten Bilder malen, akustisches Kino bieten. Es wäre schrecklich, wenn ich mich auf anderes Terrain begeben würde. Ich hab’s hin und wieder versucht – und es hat absolut nicht funktioniert.“

Zuletzt habe Hirsch mit dem deutschen Regisseur Joseph Vilsmaier an einem Film gearbeitet, sagte Hirschs langjähriger Manager Karl Scheibmaier. Das Projekt unter dem Arbeitstitel „Es lebe der Zentralfriedhof“ sei aber nicht mehr zur Fertigstellung gelangt.

Im Herbst des Jahres 2011 wollte sich Hirsch eigentlich für ein neues Album „hinsetzen und ein bissl grübeln“, kündigte er an. Thematisch sollte es um für ihn Typisches gehen: „Träumen, Staunen, Lächeln, bissl Gänsehaut immer wieder, und das Zwicken in die Wadeln“, sagte Hirsch. „Das hab ich immer gern gemacht, die Leute einzulullen, dass sie sich wohl fühlen und zum Schluss ein bissl zwicken.“

Ja, tatsächlich, Ludwig Hirsch, der den Tod so oft, so ausgiebig und so facettenreich besang, ist immer noch tot. Und sehen wir einmal von Konstantin Weckers Frühwerk und seinem Landsmann Georg Kreisler ab, so betrauern wir weiterhin dieses definitive Fortsein des sprachlich vielleicht bitterschönsten Liedermachers, den der deutschsprachige Raum in den vergangenen Jahrzehnten hat hochleben lassen dürfen.

Er fehlt.

Hören Sie ins „Herbstgewitter“, unsere wöchentliche Radiosendung rund um Liedermacher & Chansonniers. Mit einem Nachruf auf Ludwig Hirsch in DIESER Ausgabe.

2 Kommentare zu “Er liegt auf dem Rücken. Zum 2. Todestag von Ludwig Hirsch.

  1. Ordensname Elias
    24. November 2013

    toll geschrieben!

  2. marie
    24. November 2013

    Hat dies auf Querbeet rebloggt und kommentierte:
    oh ja und wie er fehlt, seine schönen Lieder sind Gott sei dank noch auf CD, aber er fehlt

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. November 2013 von in E-H, Hirsch, Ludwig, Liedermacher, Uncategorized und getaggt mit , , , , , .
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