Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Pigor – Verrückte Welt – „Mit Pigor durch das Jahr 2013“

Pigor_2013

12 Chansons zum Zeitgeschehen – ein etwas anderer Jahresrückblick

von Anne Drerup

Am ersten Tag des neuen Jahres sei an dieser Stelle auf Pigors aktuelle CD „Mit Pigor durch das Jahr 2013 – 12 Chansons zum Zeitgeschehen“ hingewiesen. Eine in jeder Hinsicht außergewöhnliche Zusammenstellung von Jahresereignissen des Kabarettisten Pigor – scharfzüngig, voller Anspielungen, gehaltvolle Texte. Ob man jedoch von Chansons sprechen sollte, bleibt fraglich. Denn bei den meisten Stücken gibt es wenig Melodie, dafür bizarre Klänge, kombiniert mit gesprochenem Gesang in hohem Tempo, wie es guten Kabarettisten eigen ist. Akustisch alles gut verständlich, für den Sinngehalt empfiehlt sich trotzdem ein Blick ins wohlgestaltete Booklet, um alle Wortspiele und Anspielungen nachzuvollziehen. Hier kann man auch lesen, wer zur Band zählt und bei welchem Stück zum Einsatz kommt: Benedikt Eichhorn (Tasteninstrumente), Oliver Saar (Tuba, Baritonsax), Stefan Gocht (Posaune/Trompete/Tuba/Tenorhorn), Björn Werra (Bass), Emanuel Hauptmann und Jan Peter Eckelmann (Schlagzeug im Wechsel) sowie Jo Ambros (Gitarre). Thomas Pigor selbst übernimmt alle anderen Instrumente und den Gesang.

Es ist für Besprechungen vielleicht nicht üblich, doch hier bietet sich eine chronologische Vorgehensweise förmlich an: Für den Monat Januar ist es das Stück „Die goldene Hochzeit“, zusammen getextet mit der Französin Corinne Douarre, die beim Gesang noch von Clarisse Cossais unterstützt wird. Anlass für das Lied über die deutsch-französische „Freundschaft“ mit zig Anspielungen auf geschichtliche Ereignisse, mit Redewendungen und Wortspielen, die mitunter Klischees bedienen, ist das fünfzigjährige Elysée-Jubiläum, sodass sogar ein Originalton von Charles de Gaulle eingebaut ist: „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“ Dass diese auf eher wackligen Beinen steht oder zumindest nicht selbstverständlich ist, verdeutlichen Passagen wie „Germanophil Germanophobe“, „Frankophil und Frankovielzuviel“ oder „Frankorrigier mal dein Klischee nach 50 Jahren Elysée!“ Viele Wortspiele sind lustig, behandeln aber durchaus ernste Themen.

Weiter geht es im Monat Februar mit „Ich sage lieber nix“, einem Stück, wo vordergründig Verschwiegenheit angekündigt wird, um niemanden zu beleidigen – im Endeffekt werden aber alle Themen angeschnitten und ein Stück weit entlarvt: Ob nun Religion, das Verhalten Rainer Brüderles, Netanjahus oder der Hamas, über die Vorgehensweise der Piratenpartei oder die eigene GEMA-Mitgliedschaft – Pigor lässt keine Kritik aus. Als Pointe am Ende regt er sich über das Wetter auf und dann noch mehr über die Grimmepreis-Nominierung des Dschungelcamps: „Also, dass die das Dschungel Camp nominiert haben, ist doch wirklich das Letzte, die Sendung ist doch nun mal wirklich von vorne bis hinten Mist! Mist! Mist! Und ich kann das beurteilen, ich hab jede Folge gesehen.“ Im Grunde entlarvt und kritisiert er damit auch die Reaktion der breiten Masse, die bei den wirklich wichtigen Themen nicht den Mund zu öffnen wagt, bei Firlefanz aber deutlich ihre Meinung vertritt und sich positioniert.

Einen ganz anderen Aspekt kritisiert der Märzsong „Fastenzeit“: Hier macht sich Pigor über Fastenkuren und selbst auferlegte Diäten sowie alternative Heilmethoden lustig, weil sie verabsolutiert und dann noch mit dem Katholizismus begründet werden: „Denn die Abende werd’n wieder alkoholisch. Und die Katholiken sagen, gell, diese Fastenzeit ist urkatholisch. Gell?“ Einen sehr starken und beeindruckenden Text für April hat „Sie hassen uns wieder“ – es behandelt den Imageschaden, den die Finanzpolitiker uns Deutschen in Europa angetan haben, wobei die Kommunikationsexperten ihr Übriges dazu tun. Erschreckend, dass sich an dieser Haltung über das Jahr nichts positiv zu verändern scheint.

Da ist es lustiger, sich im Mai mit „Hoeness“ auseinanderzusetzen. Das Stück klingt wie ein Gespräch über Telefon und verlangt von Pigor stetig: „Sag doch mal was Schönes// Über Uli Hoeneß!“ Ihm will darauf trotz aller Mühen nichts Aussagekräftiges einfallen – alle Argumente lassen sich leicht in das Gegenteil umkehren. Klarer positionieren kann es sich beim Junisong „Baut den Palast der Republik wieder auf“, in dem vor allem Schinkel sein Fett weg bekommt. Um jedes Detail der Kritik zu verstehen, braucht es einiges an Hintergrundwissen.

Im bayrischen Volksmusikstil kommt im Juli „Hö Hi Ho“ daher – ein Lied über das Foppen der NSA, denn Pigor dreht den Spieß beim Abhörskandal einfach einmal um: Nachdem er alle Neugier auf sich gezogen hat, kommuniziert er im abhörsicheren Dialekt, den der US-Geheimdienst nicht checkt. Genauso wenig realisieren die Wohlstandsdeutschen, dass sie einem gewissen gesellschaftlichen Druck unterliegen: In „Immobilienphantasien“, das mystische Stimmung durch geisterhafte Klänge hervorruft, heißt es am Ende: „Jeder, der es sich leisten kann // Ist jetzt arm dran. // Der ist verpflichtet, es sich zu gönnen // Und darf nicht, guten Gewissens, die Schnäppchen verpennen.“ Der Gesellschaftsdruck ist sicherlich eine Sache, aber das Klagen über Luxusprobleme vielen schlicht und ergreifend unverständlich.

Der Monat September steht ganz im Zeichen der deutschen Bundestagswahl: Der Blues „Baby will nicht wählen“ parodiert Politikverdrossenheit, weil man meint, die eigene Stimme zähle sowieso nichts und wäre damit nichts wert. Pigor deckt auf, dass es schlimm wäre, hätten manche Stimmen mehr Gewicht als andere und rät: „Hey, Baby bitte check noch mal die Fakten und wähl die unterm Strich weniger Beknackten!“ Denn dann kommen vielleicht wirklich nicht diejenigen zu Macht und Ansehen, die es nach Pigor überhaupt nicht verdienen: Im flotten und am ehesten gesungenen Lied „Nobelpreis“ macht er sich über die Auswahl ebendieser Preisträger lustig, überlegt sich selbst und sehr ironisch neue Nobelpreise und wer diese verdient, und verleiht im Refrain seiner Liebe den Nobelpreis fürs Küssen.

Im November gibt es einen Blick über den großen Teich: In „The next President“ fordert Pigor die Radioredaktion auf, je nach Wahlausgang zwischen den Kandidaten Obama und Romney eine identische Nachrichtenversion zu verkünden, nur mit jeweils vertauschten Namen, frei nach dem Motto: „Der Wahlausgang war doch von vornherein sonnenklar!“

Pigors Jahresrückblick endet mit „Das schönste Geschenk“ („…ist, dass du mir nichts schenkst“ bzw. „ist, dass du nicht denkst, dass ich dir was schenke.“) Dieses Lied klingt sehr harmonisch und vermittelt eine angenehme Atmosphäre, wenn man sich dem Weihnachts-Konsumterror bewusst entzieht. Von der Melodie erinnern kleine Passagen ein wenig an „What a wonderful world“.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die CD starke Texte aufweist und sicherlich neugierig macht, sich Pigors Kabarettprogramme auch einmal live anzusehen. Wer viel Wert auf liedermachertypische Kompositionen und Gesang legt, kommt allerdings weniger auf seine Kosten.

www.pigor.de

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