Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats Januar/2014: Schlagsaite – Handgepäck

schlagsaitehandgepäck

Ein äußerst kostbares „Handgepäck“

Die Folk-, Chanson- und Liedermacherformation Schlagsaite bietet in ihrer gleichnamigen CD Schätze an eindrucksvollen Liedern

von Anne Drerup

Weil alles immer irgendwie neu anfängt“ heißt es zum Ende des Eingangsliedes „Für die Liedersänger“, das die ermutigende Botschaft, auch in Sinn- und Schaffenskrisen nicht den Mut zu verlieren, enthält – kann man als begeisterter Liedermacher (-hörer) das neue Jahr mit etwas Schönerem beginnen? Zumal Musik und vor allem die Stimmen der Formation Schlagsaite aus Köln und Hamm sehr angenehm warm klingen und gut miteinander harmonieren – ob im Wechsel, wie es hier bei den Strophen sowie bei Einwürfen der Fall ist, oder in mehrstimmigen Passagen. Zu der Gruppe zählen Komponist und Texter Markus Breuer (Gesang, Piano, Gitarre), Dimitri Miron (Violine, Gesang), Jan Niemeyer (Schlagzeug, Percussion), Simeon Miron (Kontrabass, Gesang), Daniel Hermes (Gesang, Gitarre) sowie Markus Giesler (Akkordeon, Gesang). Lobend Erwähnung finden noch die Gastmusiker/-sänger Anna Sodermanns, LüüL, der Urheber des vor Freude sprühenden Stücks „Verliebt in Du“ ist,  Florian Gatz (Gitarre), Hernan Angel (Tuba), Chupacabras-Basssection mit Pia Miranda und Markus Koch (Posaune und Trompete) sowie der Dichter Paul Heyse aus dem 19., beginnenden 20. Jahrhundert, der durch die Vertonung seines Gedichtes „Hat dich die Liebe berührt“ aus dem Schatten der Vergessenheit heraustritt – ist er doch schließlich (und bei diesem Beispiel von Poesie zu Recht!) Literaturnobelpreisträger von 1910.

Bei den persönlichen, starken Texten der CD bleibt er allerdings nicht der einzige Dichter, auf den Bezug genommen wird: Im Kontrast zu dem ruhigen, harmonisch klingenden Liebeslied steht „Ansprache einer Bardame“ von Erich Kästner, vertont von Markus Giesler, bei dem es im Dialog zwischen Bardame (Anna Sodermanns) und den Bargästen hoch her und um existentielle Sorgen geht – wobei auf die Fragen und Klagen der Frau kaum reagiert oder eingegangen wird, die Gäste bestellen weiter Getränke und unterbrechen sie dabei. „Als Kind“ geht textlich außerdem auf ein Gedicht von Erich Fried zurück und behandelt das Thema, wie aus einem Kinderglauben im Erwachsenenalter zunächst Resignation, dann aber wieder Hoffnung wird: „Als Kind wusste ich: Jeder Schmetterling, den ich rette, jede Spinne, jede Schnecke, jeder Wurm in der Erde wird kommen und weinen, wenn ich begraben werde. (…) Diese Fragen kommen jetzt im Alter wieder frei: Wenn ich sie aber rette bis ganz zuletzt, kommen doch vielleicht zwei oder drei? Zu guter Letzt!“

Die Lebendigkeit der Lieder ist vermutlich zum einen dem eigenen und vielseitigen Stil und der an vielen Stellen persönlich interpretierbaren Textstellen und zum anderen dem gelungenen Aufbau von Dynamik (z.B. leiser Anfang, schelleres Tempo im Mittelteil, wachsende Lautstärke, dann wieder ganz still) zu verdanken. So nehmen Tempo und Instrumentenvielfalt ab dem Refrain in „Freier Fall“ zu, ab dem zweiten Chorus geht der Gesang über Zweifel im eigenen Leben sogar in Mehrstimmigkeit über: „Ich weiß nicht, warum ich tue, was ich tue. Alle Worte klingen fahl im Widerhall, wie stiller Schrei bei freiem Fall; wie stiller Schrei… im freien Fall.“

Auch das von Beginn an flotte „Sieben Leben“ steigert sich noch durch ein instrumentales Zwischenspiel, das an Polka erinnert und immer schneller wird, darin auch den Gesang mitnimmt. Eines der sieben Leben bleibt übrig, alle anderen sind durch eigenes Zutun oder fremden Einfluss („eins vergeben“, „eins verspielt“) verloren. Immerhin, es bleibt eines übrig, das zu werden und zu sein, wie man sein wollte. Und auf ein Leben ohne Fehler kann wohl kaum ein Mensch zurückblicken. Daran kann auch das eingeflochtene Zitat aus Simon und Garfunkels „The Boxer“ als altes Theorie-Problem („After changes upon changes we are more or less the same.“) nichts ändern.

Regelrechten Ohrwurmcharakter hat die Ballade „Elendes Land“, die durch ihre Instrumentierung, insbesondere dem Akkordeon sowie dem Walzerrhythmus eine maritime, stellenweise auch eine irisch-folklorische Stimmung kreiert. Während der Refrain nach Strophentexten, die durch einzelnes Vokabular einen kleinen Wink auf DDR-Zeiten geben („Trabanten“, „Kosmonauten“), klagt: „Müde die Beine, der Straßen der Steine, auf törichten Wegen verrannt // der Glücklosen Suche, ach Glück, ich verfluche dich und dieses elende Land“, gibt das Fadeout doch einen kleinen Hoffnungsschimmer: „Wenn du nicht wärst, wär ich längst nicht mehr hier“. Wenn man sich nicht auf sein Land oder seine Umgebung verlassen kann, dann aber zumindest auf einzelne Menschen… oder die große Liebe? Sowohl „Keinen Schritt“ (…ich gehe keinen Schritt mehr weiter von hier. Jeder Schritt, jeder weit’re Schritt führt viel zu weit von Dir“)  als auch das ruhige und ursprünglich als Filmmusik gedachte „Komm zu mir“ sind Liebeserklärungen voller Wertschätzung: „Für mich warst du der Kompass aller Wege, die Lösung durch die Zeit. Es war, als läge jeder Trost in deiner Zuverlässigkeit.“  In dem informativen und schön gestalteten Booklet sind Bandfotos bei diesem Liebeslied als Briefmarken auf der Postkarte mit dem Songtext aufgedruckt.

Ein genauer Blick in die Kommentare lohnt sich allemal, auch um das ernste Stück „Das Verderben“ in seiner Gänze zu verstehen – dort heißt es: „Anfang der 1990er Jahre kam binnen kurzer Zeit eine Gruppe junger Leute aus meiner Straße in Kontakt mit Heroin. Nicht alle von ihnen sind unbeschadet davon losgekommen.“ Dem Lied gelingt es, ohne moralischen Zeigefinger für das Thema zu sensibilisieren: „Kenn jeden Abgrund, jedes Tal, der Sturz war tief, doch mal für mal mehr Routine.“ An späterer Stelle gibt es einen Blick auf den Drogenkonsum, der auf den der Betroffenen wie Außenstehenden passen könnte: „Die Vielen, die zu arglos war’n, zu atemlos, um auszuharr‘n, haben diese Perspektive nie bedacht. Was ist wenn keiner je auf die Fragen, die man hat, eine Antwort weiß, die Sinn hier macht?“

Fragen, die stellt sich bestimmt auch das Gegenüber in „Am Ende“, einem ruhigen Lied über Trennung und Entfremdung: „ Die Suche nach dem Kompromiss, der da nirgendwo zu finden ist, hat am Ende nicht gereicht.“

Dass Schlagsaite aber noch lange gemeinsam Musik macht, bleibt mehr als zu wünschen. Sie mögen ihrem Ratschlag „Weil alles immer irgendwie neu anfängt…“ ebenfalls folgen und weitere Lieder schreiben. Wen persönliche Texte und eine große musikalische Qualität ansprechen, der ist mit „Handgepäck“  und/ oder einem Konzertbesuch gut beraten. (Tourdaten unter www.schlagsaite.com)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Januar 2014 von in Die Lorbeerblatt-CD des Monats, Liedermacher, Q-T, Schlagsaite und getaggt mit , , , , .
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