Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Michy Reincke mit neuem Album / VÖ: 24.01.2014

MichyReinkebyTristanLadwein

Michy Reincke – „Hatte ich dich nicht gebeten im Auto zu warten“

Natürlich könnte das auch die Frage eines Ehemanns in einem gezeichneten Witz sein, der gerade in flagranti mit seiner Geliebten im Hotelbett, von seiner in Hut und Mantel in der Tür stehenden Gattin, erwischt worden ist. Aber Michy Reincke hat offensichtlich eine andere – eher gehalt-, aber nicht weniger humorvolle – Interpretation für die Wort- und Bildwelten seines Albums im Sinn. Das Foto auf dem Cover zeigt ihn Gitarre spielend auf einem Ufo sitzend, den Blick in die Weite einer Küstenlandschaft gerichtet.

Aus einigen seiner Songtexte („Gib alles oder vergiss es“, „Du hast deine Farben verloren“ oder auch „Steh auf & scheine!“ und in Teilen „Ich will die Sache nicht unnötig in die Länge ziehen“) erschließt sich, wie er die Sache im Großen und Ganzen sieht. In klarer, kluger und pointierter Sprache philosophiert Michy Reincke in den genannten Liedern über die allegorische Szenerie einer Kultur, die hinter dem Armaturenbrett eines Automaten festsitzt, den sie sich selbst gebastelt hat.

Er erinnert an den Umstand, dass Menschen – die zur vermeintlichen Lebenserleichterung und Unterhaltung Maschinen benutzen – in ihrem Fühlen und Denken selbst immer mehr zu Robotern werden. Dirigiert von den Prinzipien einer Marktforschungsgesellschaft, die sich von allem Lebendigen abschirmt und in einem Wald vor lauter Zahlen die Bäume nicht mehr sieht, getrieben von einer Sehnsucht nach Sicherheit, ohne Gespür für die Weisheit eines ungesicherten Lebens. Wer das Geheimnis seiner Existenz als harte Nuss empfindet, sollte nicht versuchen es zwischen zwei Kopfkissen zu knacken:

„Bist du jetzt hungrig genug um leben zu lernen oder lässt du das dein Telefon tun, geht´s voran oder wartest du auf die Applikation für Propeller an deinen Schuhen? …Gib alles oder vergiss es, biete der Dummheit die Stirn, wir sind die Menschen & kommen die Maschinen verwirren. Zeig Seele & wer du bist. Dann machen wir die Welt mal richtig auf & sehen nach was wirklich drin ist…“

Dieser Verknüpfungspunkt zu Titel und Cover des neuen Albums ist aber nur ein Aspekt von vielen des neuen Werkes.

Wie bereits auf seinem hochgelobten Vorgängeralbum erklingen auch hier Retro-Pop-Elemente in vielfältigsten Facetten: T.Rex-Gitarren, Synthesizer-Soli, erdige Motown-Beats mit groovigen Tamburinen, Streicherlinien die mit Röhrenglocken akzentuiert sind, klassische Chorsätze und Bläser-Stöße (Die Boxhorns). Aber auch Verneigungen vor Musikern wie Jeff Lynne, Bob Dylan, David Bowie oder Nile Rodgers sind zu hören.  Im Vortrag verzichtet Michy Reincke bewährterweise auf die Schnörkel emotional-modischen Gesangs um Inhalte zu verdeutlichen. Er hält es eher mit dem Ratschlag seines Idols Anton Tschechow: „Vermeide bei deiner Interpretation übertriebene Gefühlsklischees um deinen Standpunkt darzustellen. Im Zweifel sage einfach den Text auf!“

Michy Reincke beschert uns deutsche Popmusik die es sonst nirgends gibt. Er macht Musik für Erwachsene und solche, die es werden wollen. Für Menschen, die gern zuhören und entdecken. Er verfasst Klänge und Texte mit einer Zündschnur. Gerade weil sein Sprach- und Formen-Repertoire ohne die gängigen Schubladen auskommt, zündet nicht alles sofort, fügt dem eigenen Spektrum aber bei jedem weiteren Hören neue Farben und Töne hinzu, geht tief und hinterlässt den Eindruck nachhaltiger Auseinandersetzung mit den Themen.

Ich möchte Texte schreiben mit Worten wie Röntgenstrahlen, dass sie einen durchdringen wenn man sie liest oder hört. Vielleicht um sich so ein Bild von seiner Seele zu machen“.

Für viele Musikmacher und Medienmenschen ist Michy Reincke ein Solitär in der deutschen Popmusik. Seine Songs sind nicht nur ausgesprochen originell, sondern zutiefst liebevoll und mit einem guten Sinn für Humor gearbeitet. Besonders die Qualität seiner Balladen ist außergewöhnlich. Auf dem neuen Album ist vielleicht eines der schönsten Liebeslieder, das je in deutscher Sprache verfasst worden ist – „Deine Augen genügen“. Als ein Meister des ruhigen Liedes und der direkten Rede schafft er es, als säße man bei einem Rendezvous unmittelbar daneben:

„…ich verschwand in ihren großen ägyptischen Augen ohne zu wissen ob & wann man da wieder raus kommt. Ich sah sie reden & nickte, doch ich hörte nicht zu & sie fragte mich: >Woran denkst du?< & ich dachte >Wenn du wüsstest!< aber ich sagte nur: >An nichts Bestimmtes.< & dann sah sie mich so an & ich sagte ohne zu lügen: >Deine Augen genügen<.“

„Mein schwarzes Herz“ – erinnert an ein Bühnenstück, einen Einakter. Mit kurzen prägnanten Dialogen kommt dieses Lied daher und setzt den tragikomischen Charme eines Verlorenen, der ein hilfloses Plädoyer für sein Handeln hält, in Szene. Mit feinem Witz und seltener Eleganz besticht „Sie begegnete mir auf die gleiche Art wie der Blitz in einen Baum einschlägt“, durch die in einer sehr langsamen, mantrischen Weise, konträr zur Bedeutung des Satzes vorgetragenen Refrain-Zeile.

„Raffinierte Methoden im Umgang mit Frauen“ wiederum handelt von dem ewigen Versuch der Widerspenstigen Zähmung:

Es gibt Worte, die man nicht gern hört, z.B.: >Ich bring dich um, du Arsch, ich mach dich fertig, du hast mein Leben zerstört.< Klärst du so ein Missverständnis auf & nur durch den Schmelz deiner Stimme entgleitet ihren Händen die Waffe, dann hast du wirklich was drauf…“

Auffallend bei Michy Reinckes Alben ist die konstante Qualität mit der er das Gesamtwerk abliefert. Sie ist von einer intelligenten, lässigen Art. Seit seinem vorigen Werk findet man keinen Namen oder Titel auf der Front. Es geht ihm nicht darum das Offensichtliche abzubilden, sondern eine ganzheitliche Beschäftigung mit allen Sinnen anzuregen. Die ungewöhnlichen Porträts im Booklet zeugen von einer gewissen britischen Exzentrik und ergänzen das musikalische und inhaltliche Bild eines Künstlers besser als jede Einsortierung in „Mainstream, Independent, Jugend, Konservativ oder Deutschsprachig“. Es gibt wenige gereifte, erwachsene Popmusiker von Format in Deutschland mit einem derart reichen Repertoire an Möglichkeiten ihr Publikum zu unterhalten. Seit über zwei Jahrzehnten unterstreicht Michy Reincke sein Alleinstellungsmerkmal und umfangreiches Talent als Songschreiber, Texter, Produzent, Tontechniker, Label-Chef und Verleger auch in Kooperationen mit namhaften Kolleg-/Innen.

Jemand, der seinen künstlerischen Ausdruck nicht für die Definition von Erfolg in einem betriebswirtschaftlichen Sinne freigibt und autark, ohne die Unterstützung der großen Konzerne, Arbeiten von solcher Güte veröffentlicht, kommt in der deutschen Popmusik nicht häufig vor.  Songschreiber in der klassischen angloamerikanischen Tradition, als Pendants zu Bob Dylan, Tom Petty, Crowded House, Travis oder Blur z.B., hat es in unseren kulturellen Breiten noch nicht gegeben. Möglicherweise hat das auch mit einer formatierten Unterhaltungskultur zu tun.

Wäre doch schön, wenn man zukünftig die formale und inhaltliche Tiefe und Qualität von Künstlern in der Popmusik wieder durch redaktionelle Fachkräfte erkennen und unterstützen würde und nicht die Marktforschung entscheiden lässt, was wir zu hören und zu sehen bekommen.

Michy Reincke ist es jedenfalls in vielerlei Hinsicht gelungen den Automaten zu verlassen.

(Quelle: offizieller PR-Text / Foto: Tristan Ladwein)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 6. Januar 2014 von in Uncategorized und getaggt mit , , , , .
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