Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Die kleinste Musikszene Deutschlands. Liedfett im Interview.

liedfett

von Simon-Dominik Otte

Abschlusskonzert Teil 1 im Übel & Gefährlich. Wahrscheinlich für den Interviewer doch der etwas bessere Termin, als erst am nächsten Tag zu Teil 2 zu erscheinen. Somit fand ich mich also im Backstageraum ein, um mit Sprinder, Lucas und Philipp über die Musik, das Leben und den ganzen Rest zu sprechen. Und mit Bier und Begrüßungs-Rapsschnaps in der Hand konnte es dann auch losgehen:

Mit dem Song „Kommst du mit?“ habt ihr mir in diesem Jahr eine weitreichende Entscheidung deutlich erleichtert. Könnt ihr euch vorstellen, welche?

Lucas: Du hast dein Coming-Out gehabt?

Philipp: Du hast den Job gekündigt?

Lucas: Du hast angefangen zu rauchen und zu trinken?

Zu allem bisher nein.

Sprinder: Du hast dich für ein Männermagazin ausgezogen?

Wer würde das denn sehen wollen?

Sprinder: Ich zum Beispiel.

Na, ja, ist auch schwer drauf zu kommen, aber der Song hat mir den Umzug nach Hamburg deutlich vereinfacht und mich bei der Entscheidungsfindung unterstützt.

Zu „Kater“ habt ihr ein großartiges Video gedreht. Ist das Script dazu auf eurem Mist gewachsen, oder habt ihr euch da professionelle Unterstützung geholt?

Sprinder: Das ist eines unserer ältesten Videos. Ein Freund von ganz früher hat das für uns gemacht. Wir haben uns zusammengesetzt und ein bisschen was zusammen geschrieben. Kein richtiges Script oder so.

Wurde denn für das Video irgendetwas abgesperrt?

Lucas: Nö, wir haben einfach eine gute Zeit ausgesucht, ich glaube, wir haben morgens um halb fünf oder so angefangen zu drehen, da ist auf dem Jungfernstieg noch nicht so viel los.

Sprinder: Je dreister du bist, desto einfacher ist es meistens. Du musst nur offiziell genug aussehen.

Mit dem Begriff „reinbügeln“ habt ihr euch quasi ein Markenzeichen erschaffen. Zufall oder gewollt?

Sprinder: Eine Mischung aus beidem. Wenn man viel Scheiße im Kopf hat und das dann auch noch mit Alkohol vermischt, kommen eben zwischendurch tolle Wortneuschöpfungen heraus. Es hat sich auf Tour entwickelt. Es ist einfach ein wunderbarer Begriff, um zu beschreiben, dass man sich irgendwas in den Kopf schüttet.

Lucas: Wir haben auch irgendwie so einen Alkoholiker-Freundeskreis.

Ihr macht ja nun doch schon seit ein paar Jahren Musik. Was ist das Rezept dafür, dass es in einer Band klappt?

Philipp: Sehr viel Alkohol.

Lucas: Pure Ignoranz, sich selbst und den anderen gegenüber.

Sprinder: Geduld.

Wenn man sich so in der Liedermacher- und Singer/Songwriter-Szene umschaut, bekommt man den Eindruck, dass Kiffen irgendwie dazu gehört. Was denkt ihr darüber? Geht Akustikmusik auch ohne Drogen?

Lucas: Musik und Drogen liegen irgendwie immer nahe. In jeder Szene.

Sprinder: Ist das traurig. Wir vermischen einfach jede Musikszene und nehmen einfach alles.

Philipp: Das ist ja nur bei straight edge anders.

Sprinder: Wir sind doch straight edge… auf ne andere Art und Weise. Wir nehmen das alles sehr ernst. [lacht] Ich glaube, es ist nicht so rum, dass man erst Liedermacher ist und dann Gras raucht, eher andersrum. Man muss seinen Lifestyle ja irgendwie rechtfertigen, du brauchst nur ne Gitarre und musst es irgendwie schaffen, noch Saiten zu kaufen. Was man allerdings unwissentlich beim Essen oder so schon für Drogen zu sich nimmt, darüber brauchen wir ja nicht zu reden.

Ihr spielt jetzt an zwei aufeinander folgenden Abenden im Übel & Gefährlich. Beide Abende ist’s voll. Wie fühlt sich das an, auch wenn das sicherlich so eine typisch doofe Reporter-Frage ist?

Lucas: Ich bin doch ziemlich nervös.

Sprinder: Es ist der Tourabschluss, wir freuen uns riesig, wieder in Hamburg zu sein und im Übel & Gefährlich, wo es immer der Abriss ist. Auf der anderen Seite freuen wir uns einfach auch auf freie Tage, das eigene Bett, die eigenen Freunde. Aber ich bin auch ziemlich aufgeregt.

Philipp: Wir freuen uns auch, dass wir nicht nur uns selber küssen müssen.

In der kommenden Freizeit, seht ihr euch trotzdem?

Lucas: In der nächsten Woche wohl eher selten, wir feiern ja auch Weihnachten in den Familien. Aber im neuen Jahr sehen wir uns schnell wieder.

Philipp: Es ist auf jeden Fall auch eine freundschaftliche, nicht nur eine Band-Beziehung.

Sprinder: Zum Glück. Sonst ginge es ja nur noch ums Geld.

Lucas: Wir haben sehr viel Geld.

Sprinder: Ja, das spielt bei uns keine Rolle mehr, stimmt.

Nächste doofe Frage: Ihr geht jetzt mit „Das Pack“ auf Tour. Kann man sagen, dass die Liedermacher-Community eine große Familie ist, oder gibt es da auch mal richtig Zoff?

Lucas: Es ist eine kleine Familie. Ist ja mit die kleinste Musikszene Deutschlands.

Sprinder: Eine kleine, sympathische, eingeschworene Gemeinschaft. Von Zoff hab ich jetzt noch nichts gehört.

Habt ihr in dem Bereich Vorbilder – wie etwa die Monsters oder Götz Widmann -, an denen ihr euch „orientiert“?

Sprinder: Na ja, wir haben die ja jetzt teilweise kennen gelernt, darum haben wir etwas den Respekt verloren. [lacht]

Lucas: Ohne Götz, ohne Joint Venture hätte ich wahrscheinlich nie ne Gitarre in die Hand genommen.

Sprinder: Das sind die großen Wegbereiter, die uns auch Möglichkeiten geschaffen haben.

Philipp: Auch Totte, der schreibt für uns Pressetexte, war auch schon mal mit in unserem Vorprogramm…

Guckt ihr euch noch Konzerte von Kollegen (oder auch Helden) an, oder bleibt dafür eigentlich gar keine Zeit mehr?

Alle: Klar, fast nur.

Lucas: Man muss halt seine Kräfte einteilen, ab und zu auch mal kürzer treten.

Textlich schafft ihr es, zwischen jugendlichem Leichtsinn und der großen Lyrik hervorragend hin- und her zu wechseln. Gleiches gelingt euch auch rein thematisch, hier deckt ihr eine ziemliche Bandbreite ab. Wie entstehen Texte und Songs bei Liedfett? Arbeitet ihr immer gemeinsam, nutzt ihr die Möglichkeiten des Internets oder der Mobilkommunikation, oder läuft bei euch immer alles persönlich ab?

Lucas: Schon persönlich. Es kommt bestimmt mal vor, dass wir einen Text per Mail hin und her schicken. Meistens sitzen Sprinder oder ich zu Hause und schreiben, dann treffen wir uns und arbeiten gemeinsam dran.

Sprinder: Bei den besten Liedern, die wir geschrieben haben, haben wir den Text gemeinsam geschrieben.

Philipp: Und wenn mir das dann zu langsam wird, dann bringe ich ein bisschen Geschwindigkeit rein.

Lucas: Er ist das Gaspedal der Band.

Sprinder, du hast ja auch schon in Film und Fernsehen für Furore gesorgt, mit Detlev Buck gearbeitet, in Dorfpunks und Neue Vahr Süd mitgespielt… wie sieht’s aus, lieber Musiker, lieber Schauspieler, lieber beides?

Sprinder: Die Frage kann ich nicht beantworten, das ist, als würde man fragen „lieber sehen oder lieber hören?“ Mal das eine mehr, mal das andere. Immer, wie es kommt. Ich würde nicht unbedingt eine Tour fürs Schauspiel absagen, denn das ist ja eher ein Egoding von mir, während an der Musik ja noch mehr Leute dranhängen.

Oder doch irgendwann lieber bei der Haspa arbeiten?

Sprinder: Ich hab mich sehr spontan damals dagegen entschieden und ich glaube, das wird auch so bleiben.

Lucas: Das hat Götz mal richtig gut beschrieben: „Nach 10 Jahren, oder 20 Jahren Musik machen, ist man einfach ungeeignet für alle anderen Berufe“. Vielleicht dauert’s bei uns noch ein paar Jahre, wobei, bei mir…

Sprinder: Man muss halt immer etwas finden, was Spaß macht. Das muss man suchen und finden. Und dann das Glück haben, davon leben zu können. Aber selbst wenn das mal nicht mehr so ist, da gibt es ja noch tausende andere Welten zu entdecken.

Wenn man mit den Damen dieser Welt eure Konzerte besucht, hat man als männlicher Begleiter stets schlechte Karten und steht immer hinten an, auch, wenn sich die Mädchen nicht immer trauen, euch anzusprechen. Findet ihr das eigentlich gut?

Philipp: Wir findens ja auch gut, wenn die Männer mal uns ansprechen.

Sprinder: Ich finde es manchmal etwas komisch, dass einen keiner anspricht, als wäre man jemand anders. Wenn alle sich gleich behandeln, mit Respekt und alles eigentlich keine Rolle spielt, dann klappt es doch auch mit der Kontaktaufnahme.

Lucas: Wir trinken auch gerne noch ein Bier mit den Leuten. Ohne das Publikum können wir die Musik nicht machen, ohne uns könnte das Publikum die Musik nicht hören.

Philipp: Bestes Beispiel dafür ist LaBrassBanda, die sprengen jede Grenze, was den Umgang mit dem Publikum angeht. Wir durften die jetzt bei ein paar Konzerten begleiten und das hat mich sehr beeindruckt.

Letzte Frage: Was sind eure guten Vorsätze für 2014?

Lucas: Ich hab das aufgegeben.

Sprinder: Anstatt den römischen jetzt endgültig den Maja-Kalender zu benutzen.

Philipp: Ich mach das tatsächlich nicht. Ich krieg das eh nicht hin und dann muss ich immer weinen.

Sprinder: [bedauernd] An Silvester…

Philipp: Aber nach 5 Sekunden ist das wieder vorbei und ich trinke das nächste Bier.

Lucas: Ich bin ein relativ undisziplinierter Mensch und wenn ich mir was vornehmen würde, würde das höchstens ne Woche halten. Und da ich mich dann schuldig fühlen würde, mach ich es erst gar nicht. Denn Schuld ist schlecht. Und Vorsätze so auch.

Sprinder: Mit denen fängt es ja an. Man muss das ja auch mit seinem Gewissen vereinbaren können. Irgendwann hat man auf bestimmte Dinge eh keinen Bock mehr und dann lässt man sie halt.

Lucas: Einfach man selber sein, dann braucht man auch keine Vorsätze.

www.liedfett.de

Hören Sie auch ins „Herbstgewitter“ unsere wöchentliche Liedermachersendung. Zur aktuellen Ausgabe – HIER entlang.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Januar 2014 von in 2014, Artikel & Interviews, Liedermacher und getaggt mit , , .
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