Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Melancholodic – „alles nur show”

Mehr als „alles nur Show“

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von Anne Drerup

Das vierte Album des Duos Melancholodic zeigt verschiedene musikalische Facetten und starke Texte

Dabei haben Melancholodic, die Geschwister Sarah und Mario Rembold aus Bergisch Gladbach, bei ihren ersten Versuchen um die Jahrtausendwende, selbstgeschriebene Lieder aufzunehmen, klein und bescheiden angefangen. Mit Aufnahmen am heimischen Computer, von Anfang an aber mit 100% eigenen Texten und Kompositionen, zumeist arrangiert mit Sequencer, Synthesizer, Western- oder Konzertgitarre. Ihre ersten Alben „Sad Songs for fun“ (2003) – hieraus ergibt sich womöglich auch der Bandname – und „Jenseits der Vernunft“ (2006) gab es als Download auf ihrer Homepage. Mit dem dritten Album „Die schönen Bilder“ (2009 ) entstand die erste richtige CD aus dem Presswerk.

Die Überraschung, die ihr aktuelles Album „alles nur show“ (2013) mit sich bringt, ist zum einen die Bonus-CD mit dem passenden Titel „Zugabe“ und sehr schönen, mehr akustisch arrangierten Liedern, und zum anderen der Hinweis auf zwei Videoclips, für die Regisseur, Kameramann und Cutter Thorsten Franzen dankbar erwähnt wird.

Musikalisch erinnern einige Lieder, nicht zuletzt durch Sarahs ausdrucksstarke Stimme, an „Juli“, Melancholodic schneidet aber mit den eigenen Texten ganz andere, neue Themen an. Ihr Stil ist zwischen Synthi-Pop und akustischen Arrangements anzusiedeln. Von daher ist ihre CD teils recht synthesizer-lastig und dürfte Fans leiser Töne vielleicht nur bei den ruhigeren Balladen ansprechen. Andererseits unterstützt ein metallisch-roboterhafter Klang bei Stücken wie „Die Dilettanten sind zurück“ oder auch dem Titelsong „Alles nur Show“ die kritische Botschaft an Mainstream-Geschmack und der Glamourgesellschaft, wo Schein mehr zählt als Sein. Beide Lieder würden auch auf Castinggewinner passen, jedenfalls kann man Melancholodic selbst wohl kaum mit Dilettantismus in Verbindung bringen. Ein Stück Entlarvung und damit auch Hoffnung auf positive Veränderung lassen die Zeilen: „Du kannst es daran sehen, dass sich meine Lippen // nicht immer ganz synchron zum Playback bewegen“ durchschimmern – vielleicht finden Künstler den Mut auch zu eigenen Liedern, selbst wenn sie dann nicht mehr so kommerziell einsetzbar sind?!

Das im ähnlichen Stil arrangierte „Ohne dich bin ich eigentlich gar nicht vorhanden“, das laut Booklet den Unterstützern des Aufnahmeprojekts gewidmet ist, erzielt durch sehr dominanten und eindringlichen Synthesizer-Einsatz allerdings nicht unbedingt die Ohrwurmqualität, die es laut Textinhalt hervorrufen möchte. Es klingt über weite Strecken wie Begleitmusik von Computerspielen, was einem bei längerem Hören zu viel werden kann. Doch glücklicherweise überwiegen auf der CD deutsch- wie englischsprachige Rockballaden, die wirklich angenehm zu hören sind, wie beispielsweise „Yesterday (My time machine)“ über den Wunsch, in die Vergangenheit zu reisen und darin zu ändern, was sich heute als schlechte oder falsche Entscheidung herausgestellt hat, manchmal mit der weitreichenden Folge, einen geliebten Menschen als Freund zu verlieren, oder „Held“, bei dem man sich als Zuhörer neugierig fragt, wer sich hinter „ihr“ verbirgt – ein Mensch? Die Natur? Die Kraft der Liebe? „ Doch sie ist ein Held // Und Helden retten nun mal die Welt.// Ein Wort, das zählt // Ein Anker, der uns alle am Boden hält. // Während sie fortschwebt // Sich aufgibt und untergeht. // Und trotzdem weiterlebt // Uns weiterliebt und fortbesteht.“ Im Grunde ideal, dass eine Interpretation nicht starr vorgegeben ist.

Auch wenn Melancholodic laut eigener Angaben hauptsächlich deutsche Texte verfasst, sind die englischsprachigen Lieder in keinster Weise schwächere Liedermacherwerke: „Little Girl“ ermutigt, das Schöne wahrzunehmen, nicht verpassten Chancen oder Verlorenem hinterher zu weinen und die eigene Entwicklung zu schätzen („You are stronger than before“). Das Liebeslied „Will you be there (when future is now)“ klingt sehr harmonisch und thematisiert, was wohl die meisten Menschen bewegt: Kann ich mich zu jeder Zeit auf einen geliebten Menschen verlassen? Ob man sich selbst zu einem verlässlichen und ehrlichen Partner entwickeln kann und ob das nicht bereits zu spät ist, das wird im Rahmenstück der 13 Lieder in „The show is over“ angesprochen, das übrigens auf Deutsch mit eingeflochtenen englischen Zeilen ist, und bei dem Mario eine höchst kreative Percussion aus Haushaltsgegenständen und Pantoffeln auf Parkettboden einsetzt. Als Abschluss ist es gut platziert, auch wenn „Hand an der Tür“ über Abschied und Trennungsschmerz textlich noch stärker wirkt.

Etwas verrückt und allzumal frech zeigen die Lieder „Sex“ (…zerstört meine Identität) und „Dirk“, bei dem mit einer rechthaberischen Nervensäge abgerechnet wird, eine andere Facette: Letzteres einer Darja gewidmete Lied in Seeräubermelodie weist Selbstüberschätzung und Rechthaberei sehr deutlich in ihre Schranken: „Du bist nicht Nowitzki und auch nicht Herr Bach // Erst recht nicht der Chef hier im Haus.// Du bist auch kein Experte vom Fach // Drum halte dich einfach da raus!“ Wohl dem, der nicht als Negativbeispiel für diesen Text dient!

Zum guten Schluss bleibt noch auf die von „Melanie vom Meer“ inspirierten Lieder „Melly ist verschwunden“ über das Erwachsenenwerden, bei dem sogar Mario, der sich ansonsten mehr im Hintergrund hält, die Hauptstimme übernimmt, und dem persönlichen Favoriten des Duos „Melly remembers“ als Fortsetzung und als Hymne gegen die Vergänglichkeit hinzuweisen. Bei letzterem handelt es sich um ein energiegeladenes Tempostück, das in den instrumentalen Parts die Melodie von „Melly ist verschwunden“ verarbeitet und längst nicht das letzte Stück in dieser Reihe darstellt, denn auf dem Bonus-Album gibt es neben dem Titelsong „Zugabe“, den Liedern „23 Jahre“, „Für ein Leben“, „Ich hab die Welt verschluckt“ und dem der abenteuerlustigen Unterstützerin „Anja Leao“ gewidmeten gleichnamigen Stück auch „Director’s Cut (Melly kehrt zurück)“, das das Altsein thematisiert und Demenz aus einem poetischen Blickwinkel zu betrachten versucht.

Es lohnt sich in jedem Fall, sollte man die neue CD erwerben, sich die kostenlose „Zugabe“ auf der Seite www.melancholodic.de herunterzuladen – wem diese Computertechnik nicht behagt, der kann sich beim Bestellvorgang für einen geringen Aufpreis aber auch eine „echte“ Zugaben-CD mitliefern lassen. Gleichzeitig eignet sich ein Blick auf die Homepage aber auch vorzüglich, um Konzerttermine nicht zu verpassen und auf neue musikalische Projekte aufmerksam zu werden, die bei Melancholodic recht interessant und vielversprechend ausgehen dürften.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Januar 2014 von in 2014, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , .
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