Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Uwe X. – Hinter meinem Rücken

So gut, dass es leicht fällt, offen darüber zu sprechen!
„Hinter meinem Rücken“, das dritte Album von Uwe X.

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von Anne Drerup

Selbst wenn es aber um unbequemere Themen, Ärger oder Kritik geht, spricht sich der engagierte Liedermacher Uwe X. im Titelsong dieser seiner dritten CD „Hinter meinem Rücken“ für Offenheit und Ehrlichkeit aus, vor allem wenn es sich um wirkliche Freunde handelt: „Wer hinter meinem Rücken redet, ganz egal, wie, wo und wann, // der ist in bester (Po)Position, für was er mich mal gerne kann! // Feigheit vor dem Feind, verstehe ich ja// doch Feigheit vor dem Freund, damit komm ich nicht klar!“  Und getreu diesem Motto nimmt er seit seinem Debütalbum „Normenkult“ (2010) bei seinen Liedtexten kein Blatt vor den Mund, um auf Missstände aufmerksam zu machen und seine Sicht auf die Dinge kundzutun.

Das einzige, was dem Musiker und Pastor aus Ennepetal bei seinen Auftritten vor den Mund kommt, das wissen auch die Liedermacherfreunde der jährlichen Liedertreffen, bei denen er schon einige seiner Lieder eindrucksvoll vorstellte, sind so genannte „Blues Harps“. Wenn sich nun der Laie fragt, was das ist: Besonders weiterentwickelte Mundharmonikas, bei welchen man durch Manipulation des Luftstroms – es erfordert also etwas Geschick und Übung! – bei den vorhandenen 20 Basis-Stimmzungen 37 verschiedene Töne erzeugen kann. Doch das ist längst noch nicht alles, Uwe X. spielt auch Gitarre, irische Bouzouki und Footpercussion, während er von Jojo Wolter am Bass und bei manchen Liedern von Hanjo Gäbler an den Tasten unterstützt wird. Sein ganz eigener Musikstil ist schwer einer bestimmten Richtung zuzuordnen. Er selbst bezeichnet ihn als eine Mischung aus Blues, Folk und etwas Rock. Mit ausdrucksstarker Stimme singt er über lebensnahe Themen, mal sehr witzig und (selbst)ironisch, stets mit einem gewissen Idealismus, mal tiefsinnig bis ernst – weniger gern melancholisch.

Zur heiteren Sorte der insgesamt elf Stücke auf „Hinter meinem Rücken“ zählen sicherlich der Opener „Das erste Lied“, das, weil man sich beim biertrinkenden und lärmenden Publikum ja erst einmal Gehör verschaffen muss, inhaltlich wie stilistisch noch nicht besonders ausgereift sein kann, und die Lobeshymne auf den „Kartoffelsalat“, der bei allen Streitigkeiten innerhalb der Familie und Missständen in der Welt für eine Weile für wohlige Atmosphäre und Zusammenhalt sorgt: „Kartoffelsalat, Kartoffelsalat// lecker, lecker, lecker Kartoffelsalat // aus deutschen Kartoffeln, oh Mann, macht das satt.// Doch keiner kann den so, wie unsere Oma den macht!

Ebenfalls gut lachen bzw. mitstreiken lässt es sich beim rockigen  „Autobahnpinkelabzockeprotestlied“ („Die Spritpreise sind echt zum Abgewöhnen // Wer auch pinkeln muss, soll noch mal löhnen. // Für ein Häufchen würd‘ ich das ja geben // Aber für ein Bächlein, nie im Leben! // Oh nein, oh nein, das kann ja wohl nicht sein!“). Der vorgeschlagene Ausweg: Die Raststätten-WCs boykottieren und den Weg in die Natur einschlagen.

Für hartgesottene Fußballfans ist der Antisong „FC-Bayern-Fan“ entweder eine Genugtuung oder Grund, zur beleidigten Leber- bzw. Weißwurst zu werden, denn Uwe X. offenbart ziemlich deutlich, dass dies für ihn das Allerletzte ist: „Lieber würd‘ ich mich blamier’n bei DSDS, // oder geh‘ ins Dschungelcamp, wo ich Würmer fress‘.// Lieber ohne Heimat in der Fremdenlegion; // lieber sing‘ ich Schlager und ertrag Spott und Hohn//  Doch ohne aber und wenn…// ich werd‘ nie ein FC-Bayern-Fan!
Neben diesen sehr unterhaltsamen Stücken, die musikalisch oft energiegeladen und schwungvoll umgesetzt werden, gibt es aber auch sehr persönliche Lieder wie das anfangs erwähnte „Hinter meinem Rücken“ oder das sicherlich vom Beruf geprägte Lied mit Gottesansprache, die Dankbarkeit dafür zum Ausdruck bringt, „Dass ich glauben kann“, welches impliziert, dass ich mich gleichzeitig aber auch einbringen und anstrengen muss, damit das Leben gelingt. Regelrecht autobiographisch ist das Liebeslied „Tausendmal mehr“ für die Ehefrau des Liedermachers, in dem er die gemeinsamen Jahre Revue passieren lässt und zu dem Schluss kommt, dass seine Liebe zu ihr stetig größer wird. Dieses Lied sowie „Jenta mi“ (norwegisch für „ Mein Mädchen“), das sicherlich auch von persönlichen Erfahrungen geprägt ist, sind im Vergleich zu den anderen eher ruhiger Art.
Unsere Zeit“ fordert dazu auf, im Hier und Jetzt zu leben und zu genießen, das abschließende „Gib jetzt bloß nicht auf“ möchte darüber hinaus alle ermutigen, die gerade in einer Klemme oder Krise stecken.

Fragt man Uwe X., welches ihm sein wichtigstes Anliegen ist, so wird er wohl den von ihm mitbegründeten Verein „SchlussStrich e.V. gegen Kinderprostitution nennen (www.SchlussStrich-eV.de). Aus CD-Erlös und Benefizveranstaltungen steuert er selbst Geld dazu bei, damit für möglichst viele Kinder Schluss mit dem Strich sein kann. Ignoranz diesem Thema gegenüber ist aber wohl das weitaus größere Problem.

Mit „Vögelfrei“ hat Uwe X. ein Lied geschaffen, das aufrüttelt und gleichzeitig sehr berührt: „Ich schrieb dies Lied, weil ich nicht will, dass man diese Kinder vergisst //Denn ich glaub an eine bess’re Welt, wo niemand vögelfrei ist.“  Im Beispiel seiner Strophen ist das Mädchen gerade einmal 5 Jahre alt, als sie das erste Mal für „vögelfrei“ erklärt und damit zur Sklavin gemacht wird. Ihr bleibt der Traum, dass sich ihr Leben einmal ändern wird, Gewissheit oder gar Wirklichkeit könnte er werden, wenn sich die Gleichgültigkeit bei uns Mitmenschen einmal in Unterstützung und Protest wandeln würde. In seinem sehr schmalen Booklet widmet Uwe X. allen Freunden und Unterstützern von SchlussStrich e.V. seine Lieder und zitiert aus dem Talmud: „Wer eine einzige Seele zerstört, zerstört die ganze Welt. Und wer eine einzige Seele rettet, rettet die ganze Welt…“

Auf die einzelnen Liedtexte muss aber nicht verzichtet werden, denn neben den aktuellen Tourdaten lassen sich auch sämtliche Texte und einzelne Videoclips auf der Homepage  ansehen. „Hinter meinem Rücken“ ist übrigens zwar schon 2012 veröffentlicht worden, ist aber immer noch Bestandteil des Liveprogramms und wird in diesem Jahr evtl. auch neu aufgelegt, dann auch mit einem weiteren Musiker in der Band, nämlich Bernd Reichert, der die Percussion übernimmt. Wer gerne authentische Musik und starke Texte hört, ist mit der CD und/oder einem Konzertbesuch gut beraten. Und wer Uwe X. persönlich kennt und von seiner CD begeistert ist, wird ihm in Anlehnung an „Gib jetzt bloß nicht auf“ wohl sagen: „Hör noch lang nicht auf, Lieder zu schreiben und zu singen!“ – und das, ist ja wohl klar, direkt ins Gesicht.

www.UweX-Musik.de

Zum Video „Vögelfrei„: Hier klicken

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