Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Die EAL-CD des Monats Februar/2014: Sebastian Krämer – Tüpfelhyänen

Tuepfelhyaenen

Es wurde ein langer Abend: Mitte Januar trafen sich erneut Musiker, Redakteure und Liedermacher-Fans, um in kleinem Kreis via gemeinsamem Hör- und Wahlverfahren unsere Lorbeerblatt-CD des Monats zu bestimmen. Ein gutes Dutzend Neuerscheinungen der vergangenen Wochen wurden genau unter die Lupe genommen und bepunktet, bis sich schlussendlich demokratisch und fair beurteilt vier Alben herauskristallisierten, die diese Jury nun besten Wissens und Gewissens als beste Kleinkunstalben dieser Tage bezeichnen möchte. Und der Sieger ist: Sebastian Krämer mit seinen „Tüpfelhyänen“.

Alle weiteren Platzierungen sowie die Mitglieder der diesmaligen Jury finden Sie unter dieser Albenrezension.

Sebastian Krämer – „Tüpfelhyänen“

von Sophie Weigand

Er besingt das Ding, das die Treppe runtergehen kann und trägt charakteristisch gebundene Krawatten. Er ist poetisch, pointiert und musikalisch virtuos. Er ist Sebastian Krämer. Sein neues Album Tüpfelhyänen – Die Entmachtung des Üblichen (mit den Mitteln des Chansons)“ ist ein Glanzstück der Liedermacherkunst und ein Juwel der Sprachfertigkeit. Mal erzählt Krämer Geschichten, verspielte und verträumte wie in „Und dahinter ist das Meer“, bösartige und hintersinnige wie in Hättest du mir heut nicht gesagt“, mal hören wir fulminante und sprachgewaltige Gedichte. Und manchmal werden wir auch in die Erörterung lebenspraktischer Probleme eingebunden, so zum Beispiel in „Wohin mit der Medaille?“ Von der scheinbar unbedeutenden Frage der Aufbewahrung hangelt sich Sebastian Krämer in gleichbleibendem Tonus mit erfrischendem Witz zu der Frage, wofür wir eigentlich Medaillen brauchen.

Und so steht hinter jedem seiner Lieder so viel mehr als mit bloßen Ohren zunächst zu hören ist.

Manch einer glaubte bereits, Tüpfelhyänen seien eine Wortneuschöpfung Herrn Krämers, tatsächlich gibt es sie aber im Berliner Zoo zu bestaunen. Kleine, struppige und jeden Tag auf dieselbe Weise unansehnliche Geschöpfe fristen da in ihrem Gehege ihr Dasein – und sind dabei womöglich um ein Vielfaches glücklicher als wir. Frei von allen menschlichen Eitelkeiten und Ansprüchen lebt es sich ungewöhnlich befreit und beschwingt. Das titelgebende Lied vertont diese ganz ursprüngliche Hyänen-Existenz auf herrlich mitreißende Art vor dem Hintergrund eines zeitgemäßen Beziehungskonflikts.

Sebastian Krämers Album ist hochpolitisch, ohne das politische Geschäft explizit aufs Tapet zu bringen. Vielmehr regen seine Kompositionen zwangsläufig eigene Gedanken an. Ausnahme bildet hier zwar Politiker können nichts dafür“, dafür ist dieses musikalisch so leichte und melancholische Stück ein Rundumschlag gegen alle, die ihre gesellschaftliche Verantwortung an „die da oben“ abgeben. „Sie sind wahre Vertreter des Volkes, denn sie sind die Form, in der Deutschland sich selber hasst.“, singt Krämer hier scheinbar ganz beiläufig, wie im Vorübergehen. Die kabarettistische Zunft als Vereinigung von Hofnarren zur Gewissensberuhigung, dieses Lied legt den Finger mitten in die Wunde und entfaltet eine völlig entwaffnende Wahrhaftigkeit.

„Immer noch da, aber unsichtbar“ mit seiner treibenden Rhythmik ist nicht nur eine herrliche Vertonung sämtlicher Gefühle und Umstände, die trotz oberflächlichen Verschwindens weiterhin im Verborgenen wirken, sondern auch herrlich eingängig. „…, dass ich es kann“ indessen, das Eröffnungslied der Tüpfelhyänen, ist eine Ode an alle ungenutzten Möglichkeiten des Lebens. Ob man in Seitenfenster teurer Limousinen Zettel mit der Aufschrift „Wegen Pleite abzugeben“ klebt oder als starker Mann im Internet ein entzückendes Mädchen mimt, diese wundervolle Melodie ist Aufruf zu gesellschaftlichem Ungehorsam!

Krämer singt von Flohmärkten im Regen, die mit beinahe klassischen Arrangements daherkommen, von dem angeblichen Niedergang des Vinyls und von so aparten Erfindungen wie Ingwerschokolade. Man möchte dieses Album ganz in sich aufnehmen, auf so vielen Ebenen fordert es heraus, spricht es an, setzt es sich fest. Es ist ein musikalisch höchst kunstvoller und dichterischer Geniestreich, den man so schnell nicht mehr vergisst. „Ein Kabarettist kennt 2017 Synonyme für doof‚, stellt Krämer fest. 2017 Synonyme für ,atemberaubend‘ aber braucht man womöglich gar nicht mehr, um dieses Album angemessen zu beschreiben. Man muss es hören.

www.sebastiankraemer.de

Die weiteren Platzierungen Februar/2014

Platz 2: Barbara Thalheim – Zwischenspiel

Platz 3: Dominik Plangger – Hoffnungsstur / Jürgen Schwab – Luftschlösser

Jury-Mitglieder: Holger Saarmann (Liedermacher), Cosima Hoffmann (Musikerin), Johan Meijer (Liedermacher), Rike Krüger (Zöllnerin), Petra Schwarz (Musikjournalistin), Jörg Sieper (Liedermacher), David Wonschewski (Schriftsteller)

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