Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Clickclickdecker – Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles

clickclickdecker

„Ich glaub, eigentlich fährt diese Linie nirgendwo hin.“

von Simon-Dominik Otte

Es wäre sicherlich noch etwas prickelnder gewesen, dieses Album als CD aus einer Hülle zu fingern und sie mit Herzklopfen in den Player zu legen. Denn mit jedem Album von Clickclickdecker denkt man, das kann doch nicht auch wieder so gut sein. Ist es dann aber doch wieder. Schon ab der ersten Trommel von „Tierpark Neumünster“.

Der Himmel ist träge und wütend.“ Für „Ich glaub dir gar nichts…“ haben sich Kevin Hamann und Oliver Stangl von Hamburg aus in die Einsamkeit der Nordseeküste begeben und dort in einem alten Schulgebäude alles aufgesaugt, um es wieder in die Musik zurückfließen zu lassen. Einen schönen Eindruck von der Aufnahme-Atmosphäre erhält man durch das Video „Emmelsbüll und die letzten 12“, der der limited Edition als schmückender Zusatz beiliegt.

Textlich wirkt Kevin weiter gereift, immer besonders und ein bisschen verquer, auf dass jeder seine eigene Deutung in die Lyrics hineinlegen mag. „Kein Satz wird dadurch besser, dass du ihn ständig nur wiederholst.“ So und nicht anders. Und Wiederholungen braucht dieses Album nicht, dafür hat es viel zu viele Ideen, Ecken und Kanten, Besonderheiten und Verstecktes, in jedem Lied darf man sich neu zu Hause fühlen, mal den Tee, mal den Wein zur Hand nehmen, die Zigarette entzünden und sich dem Genuss hingeben. Oder dem eigenen Schreiben, denn diese Texte, diese Musik motivieren ungemein dazu, selbst zur Feder zu greifen und die eigenen Gedanken zu formulieren.

Dieses Album ist so ehrlich, so natürlich, so anders als so vieles, was man tagtäglich aufgetischt bekommt, so genau beobachtend und tiefgründig. All dies kennt man von Clickclickdecker, aber man merkt, wie intensiv die Zusammenarbeit mit Oliver Stangl ist und wie viel die beiden Musiker voneinander zehren. Nicht nur beim Duettgesang in „Niemand wird’s gewesen sein“.

Überhaupt, apropos „Niemand wird’s gewesen sein“. Meiner Meinung nach der Hit auf diesem Album, nicht nur musikalisch mitreißend, sondern Zeile für Zeile einfach nur wunderbar. „Wir haben uns überlebt und deshalb zum Dank, trag ich all unsere Leichen aus dem kaputten alten Schrank.“ Clickclickdecker geht mit den Kleinigkeiten des Lebens, den Momenten und den Eindrücken so eindrucksvoll um, hält uns den Alltagsspiegel vor die Augen, ohne Fragen zu stellen, sie stellen sich von selbst in den Raum. Denn: „Wenn man immer nur zurück schaut, ist irgendwann nichts mehr da.

Fast schon selbstverständlich fehlt natürlich auch der skurrile, elektronisch geprägte Song nicht. Mit der hypnotisch wiederholten Textzeile „Sag nicht ab, sag einfach gar nicht erst zu.“ Allein diesen Satz sollte sich so mancher, der sich selbst Freund nennt, mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie überhaupt diese Worte den Hunger nach intelligenten Texten stillen, solche Musik wünschte man sich nicht nur in den Charts, sondern gerne auch im Deutschunterricht. Mit „das ist nur mein Talent für den schlechten Moment“ ließen sich vortrefflich ganze Unterrichtsstunden füllen, keine Frage.

Man kann sich „Ich glaub dir gar nichts…“ nicht über hören, es gibt so viel zu entdecken, seltsame Instrumente, unwirkliche Geräusche und immer wieder Textzeilen, die man beim vorherigen Hören einfach nicht wahrgenommen hat. Immer wieder greifen Clickclickdecker nach dem Innersten des Hörers, mal nach dem Herzen, mal nach der Seele, drückt nicht allzu fest zu, lässt immer noch genügend Raum, um sich nicht beengt zu fühlen, vielmehr regt ein leichtes Kitzeln die eingestaubten Gedanken zum Loslaufen an. Selbst, wenn man „nur“ mit den Schafen, die „Brustschwimmen im Nebel“ einleiten, mitläuft. Neue Erfahrungen findet man allemal.

Ein Album für Beobachter, Träumer, Zuhörer, Nachdenker, Wortspieler, Liebhaber, Verzweifelte und und und. Und dennoch nicht für alle. Aber für alle, die die Ohren noch öffnen und den Gedanken freien Lauf lassen können. Um ein Mal die Audiolith-Seite zu zitieren: „Zwischen Resignation und Selbstoptimierung, Altlasten und neuer Liebe.“

Du schreibst schon so lange und dann doch nicht lang genug.“ Ich jedenfalls nicht lang genug, um den für mich wohl prägendsten Satz dieses Albums schreiben zu können: „Und das Alter zieht seinen Schlitten, mitten durch dein Gesicht.

Danke, dass es Clickclickdecker gibt.

www.clickclickdecker.de

Ein Kommentar zu “Rezension: Clickclickdecker – Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles

  1. gefuehlsbetont
    4. Februar 2014

    Sehr schöne und treffende Rezension. CCD ist ein großartiger Musiker, auch die beschriebene Größe von „Niemand wird’s gewesen sein“ bestätige ich.

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