Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Fritz Widmer wäre heute 76 Jahre alt – Ehrung eines Erfinders

Fritz Widmers Pfad war konsequent verschlungen. Der Familienvater und Sprachlehrer schrieb Schweizer Chanson-Geschichte.

von Markus Heiniger

tuereschletze-fritz-widmer-gewidmet-various-artists

Fritz Widmer, * 5. Februar 1938, hat das Berner Chanson erfunden. Zusammen mit den Berner Troubadours. Diese waren in den 1960ern in der ganzen Deutsch-Schweiz erfolgreich. Enorm. Doch Spannungen entstanden im Ensemble, das eigentlich gar keines war; denn die sechs Verseschmiede traten jeweils nacheinander auf. Mani Matter traute dem brandenden Applaus nicht. Er suchte die stetige Auseinandersetzung mit seinen Kollegen. Dabei war er unangenehm kritisch und fordernd. Diesem Druck des auch in seinen Solo-Konzerten enorm erfolgreichen Kollegen, in denen ihn die enorme Zustimmung nicht weniger irritierte, hielten nicht alle stand. Wer will sich schon geglückte Verse in Grundsatzdiskussionen wieder zerpflücken, ja zerreissen lassen. Wer will seinen Kollegen am Telefon eine frisch erfundene Melodie vorsingen und in Frage stellen lassen. Es kam zur Spaltung. Mani Matter erklärte seinen Kollegen, seine Lieder stünden qualitativ an einem anderen Punkt als ihre, er arbeite fortan nur noch mit Jacob Stickelberger und Fritz Widmer zusammen.

Geraume Zeit später verunglückte Mani Matter tödlich. Fritz Widmer und Jacob Stickelberger tourten mit damals noch unveröffentlichten Mani Matter-Liedern durchs Land. Dann trennten sich auch ihre Wege. Fritz Widmer begann Romane zu schreiben. Sein Erstling war sein erfolgreichster. Vielleicht weil er ihn auf Berndeutsch schrieb. Seine Frau – eine Enkelin des grossen Hermann Hesse – unterstütze ihn darin, die grössere Form zu suchen. Nach seinem Erstlingserfolg verebbte aber das grosse öffentliche Interesse an Widmers Büchern. Fritz Widmer blieb sich treu und schrieb weiter. Erfolg hatte er als Radiomitarbeiter mit seinen legendären Morgenbetrachtungen auf dem Landessender. Und mehr und mehr begann er Schwedische Lieder, etwa von Carl Michael Bellmann oder Ruben Nilsson ins Berndeutsche zu übersetzen, aber auch englische, italienische und lateinische. Das waren „seine“ neuen Chansons. Dann kam es zur Bühnen-Versöhnung der Berner Troubadours und zu deren zweiter Erfolgswelle. Fritz Widmer tourte daneben mit seinem Programm „Fritz Wimder & Markus Heiniger / Ganz Alts und ganz Neus“ durchs Land. Und zusammen mit seiner Frau hielt er Vorträge über ihren Grossvater.

Mit der CD „Türeschletze, Fritz Widmer gewidmet“ ehrte ihn eine ganze nachkommende Schweizer Chanson-Generation, die er inspiriert und immer wieder auch zum Schmunzeln gebracht hat. Dann erkrankte Fritz Widmer schwer. Im Frühjahr 2010 starb er.

„Bärgme Hannes“ von Fritz Widmer ins Berndeutsche übersetzt nach dem Original von Ruben Nilsson „Akare Lundgrens Begravinng“

Musikalische Bearbeitung zur Blues-Ballade und Interpretation (Berndeutsch) am Steinway & Sons D-Flügel im Basler Volkshaus Studio, Markus Heiniger

Hochdeutsche Prosafassung von Markus Heiniger:

Als sie den Bergmann Hannes zu seiner letzten Fahrt auf seinen Wagen geladen hatten, begann sein altes Pferd zu ziehen und hintendrein kamen bloss die vier Söhne des Hannes. Trübsinnig liefen sie und heiss brannte die Sonne, da sagte plötzlich einer: „Wisst ihr was? Seid ihr nicht auch so durstig, der Weg ist ja nicht weit, wir gehen noch etwas trinken, der Pfarrer hat ja Zeit!“ Da schauten sie alle auf und keiner sagte nein, der Älteste ging zum Pferd und sagte: „Hüh, dreh dich um und hör mal zu, wir wollen, noch rasch was trinken gehen!“ Er stellte das Pferd in den Schatten. Sie traten in die Kneipe ein und bestellten gleich vier Flaschen. Als sie rauskamen, sagte einer: „Schön ist es heute, wir gehen noch rasch in den Löwen runter, kommt ihr nicht mit?“, und vier vergnügte Brüder auf ihrer Pinten-Tour, vergassen ganz allmählich, was heute eigentlich gewesen wäre. Als es langsam einnachtete, sagte einer: „So, genug!“ Eine dunkle Karawane wankte darauf dem Friedhof zu, ein Pferd und vier starke Männer: „Jetzt bloss nicht gesprengt!“, meinte einer, „packt nur an ihr zwei, ihr seht, es hat noch gereicht!“ Ins feuchte, dunkle Grab haben sie ihren Sarg versenkt, der Älteste zog den Hut und sagte: „Jetzt hätte ich mir so gedacht, wir stehen drum herum und singen miteinander ein Kirchenlied, das gehört sich einfach so, ihr seid doch etwa nicht schon zu müde!“

Interlude

Vierstimmig haben sie gesungen, zwar manchmal nicht so rein, ein wenig scherbelnd, doch jedenfalls laut, fast wie eine ganze Kirchgemeinde, und voller Feuer und Andacht, weit über die Gräber hinaus, dass er die Brüder selber mächtig erschütterte dabei. Was machte es dem Vater aus, dort unten in seinem Grab, sein Sarg wäre zwar fast gekippt und der Deckel beinahe aufgesprungen; es machte ihm auch nichts aus, dass die vier ganz sachte, nach und nach, sich auf die Erde niederliessen und einschliefen. Sein altes Pferd graste daneben auf der Weide und am Himmel leuchteten Mond und Sterne ihm in die Ewigkeit.

Homepage Markus Heiniger:      www.m-heiniger.ch

Homepage Fritz Widmer:            www.fritz-widmer.ch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: