Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Interview mit Hannes Wittmer (Spaceman Spiff)

spaecman

von Simon-Dominik Otte

Es ist ein ganz schön langer Weg vom eigentlichen Veranstaltungsort zum Backstageraum im Salon Hansen in Lüneburg. Dort fand sich Spaceman Spiff  mit seiner Band ein, um einen rauschenden Tourabschluss zu feiern und natürlich auch ein Interview mit mir zu führen. Hannes stellte sich also fernab vom lärmenden Soundcheck meinen Fragen. Und nun soll die Welt auch seine Antworten erfahren.

EAL: In „Tee“ sagst du, dass du nur so kryptisch bist, wie man dich redet. Es ist aber gerade dieses Besondere, dieses Andere, was mich an einigen deutschsprachigen Songwritern so fasziniert. Dass man immer all die eigenen Gedanken in die Texte legen kann. Ist das so beabsichtig, wenn in dem Zusammenhang überhaupt von Absicht gesprochen werden kann?

H W: Das Letzte ist ein treffender Satz. Ich habe sehr oft das Gefühl, dass ich meine Texte gar nicht so sehr selbst beeinflussen kann. Das kommt dann eher so rausgesprudelt, wenn dieser Moment da ist, in dem man einen Text schreiben kann. Es war lange so, dass ich mich überhaupt nicht hinsetzen konnte und gesagt hab: „So, jetzt schreib´ ich mal ´nen Text“, sondern das muss immer von sich aus passieren. Wenn ich versuche, aktiv auf etwas einzuwirken, dann ist es so, dass es zwar um mich geht – von meinen Gedanken her -, aber dass es offen gehalten wird. Die Leute sollen sich ihre Interpretation drauflegen können, das rausnehmen, was sie für sich brauchen.

EAL: Siehst du das denn als kryptisch an, was du machst, oder hast du eher das Gefühl, dass die Leute es eben so kryptisch machen?

H W: Das war glaube ich damals der Grund für die Textzeile. Der eine sagt: „Das ist ja ein total kryptischer Text“ und der nächste sagt aber „Hä, was? Der ist doch total klar!“

EAL: Der Song, der mich schon seit Monaten begleitet, ist „Wände“. Es gibt da diese Textzeile „meine Angst baut sich ein U-Boot aus Neugier und taucht darin davon.“ Und macht mir immer wieder Mut. Wie stehst du zu Musik, die das Leben beeinflusst? Gibt es da auch bei dir markante Beispiele?

H W: Auf jeden Fall. Ich hab mal ne Phase gehabt, so mit 14, wo ich nur Radiohead gehört hab, dann gab´s ne Phase, wo ich nur Eels gehört hab, dann kam eine Zeit, in der ich Tom Waits  für mich entdeckt hab und es gibt ein Lied von THE NOTWIST, das mich seit Jahren begleitet („Off the rails“), das ist für mich zu fast so etwas wie einem Lebensmotto geworden. Dieses Lied kann ich mir aus irgendeinem Grund immer wieder anhören, ohne dass ich müde werde.

EAL: Ich schreibe selbst auch Texte und Lieder. Aber wenn ich bspw. dich höre, denke ich immer, um mit Kevin zu sprechen, „ich schreibe noch nicht lang genug.“ Bist du immer zufrieden mit deinen Lyrics?

H W: Ich bin schon zufrieden mit meinen Texten. Ich würde natürlich im Nachhinein ein paar Sachen anders machen, aber so darf man nicht denken, es ist immer eine Momentaufnahme. Und in dem betreffenden Moment war der Text genau so richtig, wie er rauskam. Wenn ein Text fertig ist, bin ich schon zufrieden – was übrigens sehr schnell passiert, ich bin sehr faul, ich schraube eigentlich nicht mehr viel an ihm rum.

EAL: Du bist jetzt beim Grand Hotel van Cleef. War das immer so etwas wie ein Ziel?

H W: Eigentlich nicht. Ich fand schon immer, dass es ein großartiges Label ist und habe bestimmt mit 16/17 mal gedacht, bei denen mal unter Vertrag zu sein, das ist super. Aber ich hatte nie das Gefühl, ich müsste jetzt unbedingt beim Grand Hotel van Cleef einen Plattenvertrag unterschreiben. Trotzdem natürlich wahnsinnig schön, dass es jetzt mal so geklappt hat. Vor einigen Jahren wäre ich sicherlich in Ohnmacht gefallen, wenn du mir das erzählt hättest, ich hab damals selbstverständlich auch die erste Kettcar gehört.

EAL: Wenn man deine Aktivitäten in sozialen Netzwerken verfolgt, könnte man darauf kommen, dass dich und Kevin Hamann eine besondere Freundschaft verbindet. Ist das so?

H W: Eine besondere Freundschaft würde ich nicht sagen. Wir kennen uns halt, weil wir mal Konzerte miteinander gespielt haben und daher schätzen wir uns und unsere Musik gegenseitig sehr. Wir sind auf jeden Fall die deutschsprachigen Singer/Songwriter mit den komischsten Namen. Kevin ist ein super Typ und macht ganz phantastische Musik, gerade jetzt gemeinsam mit Oliver Stangl. Ich glaube, Kevin hat immer schon ganz gut gefallen, was ich so gemacht habe. Und da wir jetzt so nebeneinander unsere Alben rausbringen, fanden wir es eine gute Idee, uns gegenseitig zu covern. Ich glaube aber, dass ich sein Video auch so gepostet hätte, einfach weil ich gut finde, was er macht.

EAL: Es kommt mir immer wieder so vor, als schwänge ein klein wenig Heimweh in deinen Texten mit. Was liebst du an Hamburg im Gegensatz zu Würzburg und umgekehrt?

H W: An Hamburg liebe ich natürlich, dass es eine richtige Stadt ist. Es gibt tausend Imbissbuden und tausend Kneipen, wo du abhängen kannst und dass einfach was passiert, Konzerte, Kino… du kannst dir jeden Film, wenn du willst, im Original anschauen. Es ist eine Stadt. An Würzburg schätze ich – auch wenn das jetzt nicht mehr unbedingt so ist -, dass viele Freunde auf einem engen Haufen sind und man einfach aus der Haustür rausfällt und plötzlich in einer WG sitzt, wo auch schon vier oder fünf Freund sitzen. Du kannst überall hingehen und weißt, du triffst Leute, mit denen du was anfangen kannst, wo du auch ihre Vergangenheit kennst. Und beim Joggen kannst du einfach in den Wald rein laufen und in die Berge… Berge, ja, also im Gegensatz zu Hamburg auf jeden Fall Berge. Würzburg ist umgeben von Weinbergen und – leider – auch viel wärmer und mit deutlich besserem Wetter ausgestattet als Hamburg. In meiner Brust schlagen zwei Herzen, nach wie vor.

EAL: Und was war das Besondere an Neuseeland, das ja „Endlich nichts“ ziemlich stark beeinflusst hat?

H W: Das Besondere war gar nicht nur Neuseeland, sondern das Nicht-in-Deutschland-sein. Richtig viel Abstand haben auf mein Leben hier und das allgemeine Leben hier. Und natürlich auch mal der Vergleich, wie machen das die Neuseeländer so… die scheißen sich nicht so ein, hab ich das Gefühl, wenn ich das mal so sagen darf. Es wird viel weniger Wert darauf gelegt, was du machst, viel mehr darauf, wie du so drauf bist. Das war auch einer der Gründe, warum ich immer mal dahin wollte. So ein bisschen der Gegenentwurf zu den Sachen, die ich auf dem Album kritisiere. Die Hälfte der Songs von der Platte sind ja schon entstanden, bevor ich nach Neuseeland gegangen bin, die thematisieren dann eben die Dinge, mit denen ich unzufrieden bin und die sich komisch anfühlen. Und weil ich mich eben genau so gefühlt habe, mir die Lieder nicht aus den Fingern gesogen habe, hatte ich auch diese Reise nötig. Da konnte ich dann auch ein paar Gedanken zu Ende bringen, so dass aus der Platte so etwas wie ein Konzeptalbum geworden ist, obwohl es gar nicht so geplant war. Um ganz ehrlich zu sein, hatte ich auch ein bisschen die Schnauze voll vom Musik machen und vom Spaceman-Spiff-sein. Aber wie es so ist, es rotiert ja immer irgendwas in einem weiter und nach ein paar Monaten konnte ich dann die Eindrücke doch wieder in Songs umwandeln.

EAL: Dein Bekanntheitsgrad wächst stetig, jetzt sicherlich auch durch das GHvC. Wirst du schon oft auf der Straße erkannt und angequatscht?

H W: Nicht oft. Aber es ist wirklich schon passiert. Irgendwann wollte ich in einen Bus einsteigen und der Busfahrer ist losgefahren, während ich noch vor dem Bus war, weil er es irgendwie eilig hatte. Er hat mich fast überfahren und als ich eingestiegen bin, hat er mich total zusammengeschissen. Da hat dann jemand rechts von mir kurz hinter der Süddeutschen hervorgelugt und gesagt: „Wissen Sie eigentlich, dass das einer der bekanntesten Songwriter Hamburgs ist?“ Der Busfahrer war daraufhin auf einmal so wahnsinnig freundlich zu mir. „War ja nicht so gemeint“ usw. Eine der ganz wenigen, aber krassen Erfahrungen mit Stardom.

EAL: Wie ist es so, als Band unterwegs zu sein, wenn man es eigentlich gewohnt ist, alleine auf der Bühne zu stehen?

H W: Super. [Pause] Ich finde allein touren auch schön, aber dann immer mit irgendjemandem dabei, damit man die ganzen Erfahrungen, die man macht, auch teilen kann. Es ist einfach total schön, eine Band im Rücken zu wissen. Es ist schon auch ein bisschen so, dass man Verantwortung abgeben kann. Wenn man den Faden verliert oder irgendwelchen Quatsch erzählt, dann weiß man, da fängt einen jemand auf. Es sind auch alles gute Freunde von mir und dadurch fühlt sich das an, wie eine kleine Reisegruppe auf Klassenfahrt. Schon schön.

EAL: Würdest du gerne mal einen Nummer-Eins-Hit schreiben, so wie etwa Jupiter Jones? Welche Gefahren würdest du darin sehen?

H W: Ähm. Ich glaube, ich würde nicht drauf abzielen. Es wäre schon cool, ich würde mich nicht wehren. Aber ich müsste absolut hinter dem Song stehen können und ich glaube nicht, dass ich mit der Musik, wie ich sie gerade mache, einen solchen Hit landen könnte. Wenn es passiert, wäre das natürlich schon geil. Ich glaube, wenn du einen Nummer-Eins-Hit hast, dass das in sehr vielen Fällen ganz plötzlich passiert, das wächst nicht natürlich. Du bist nicht erst Platz 80, dann Platz 70, dann 40, dann 10 usw. Das ist eher selten. Der Erfolg kommt ganz plötzlich und fühlt sich auch so ein bisschen künstlich an. Und wenn das auf die Schnelle passiert – gerade in unserer wahnsinnig kurzlebigen Zeit mit Internet und allem -, bist du genau so schnell wieder auf Platz 199 oder so. Die Gefahr liegt da in der selbstgesetzten, kurzfristigen Fallhöhe, wenn du dich dran gewöhnst, dass du Nummer 1 bist und dich mitreißen lässt. Das kann auf jeden Fall auch ungesund sein. Ich finde es generell besser, wenn solche Sachen über längere Zeit gesund anwachsen.

EAL: Schaut man sich deinen Künstlernamen oder auch Titel wie „Han Solo“ an, könnte man auf den Gedanken kommen, du wärest ein kleines bisschen ein Nerd. Wie stehst du dazu?

[es folgt ein Informationsaustausch über Doctor Who]

H W: Also, bei Quizduell ist „Computerspiele“ tatsächlich meine beste Kategorie mit 75% richtigen Antworten. [lacht] Ich bin schon sehr Medien affin, schau mir gerne Filme oder Serien an, lese gerne ein gutes Buch oder sonst irgendwas. Und aus solchen Sachen lassen sich einfach gut Metaphern und Bilder basteln, die sofort etwas beim Hörer bewirken und auslösen. Ohne dass es irgendwie ausgelutscht ist. Man darf es nicht übertreiben, manchmal frage ich mich das auch schon selbst. Aber man kann sich aus einer riesigen Bandbreite an Bildern bedienen, die viele Menschen kennen. Man versteht sehr gut, was gemeint ist, und wenn es auch nur ein Gefühl ist.

EAL: Was wäre die Frage, die du dir selbst als Journalist stellen würdest?

H W: [überlegt] … Sie ist mir tatsächlich neulich gestellt worden. Ich fand sie richtig, richtig gut. Ich werde sehr oft zu meinem Namen gefragt, Spaceman Spiff aus den Calvin & Hobbes-Comics. Und sie fragte mich: „Hannes, würdest du nicht viel lieber Hobbes sein?“ Und sie hat völlig recht gehabt. Weil Hobbes ja eigentlich der ist, der einfach nur reagiert, einen Satz sagt, auf etwas deutet und damit alles revidiert bzw. auf den Punkt bringt. Das fand ich sehr gut beobachtet von der Dame. Leider musste ich es dann mit „Nein“ beantworten, weil Hobbes ja leider nie in den Spaceman-Spiff-Phantasien von Calvin vorkommt. Das war also der Grund, warum ich mich nicht Hobbes genannt habe. Aber die Frage hat mich doch sehr zum Nachdenken gebracht und den Charakter Hobbes noch mehr schätzen lassen.

EAL: Vielen Dank für das entspannte, nette Interview!

www.spaceman-spiff.de

Lesen Sie auch die EAL-Rezension zum aktuellen Album „Endlich nichts“: Hier klicken.

Foto oben: Waldemar Salesski

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