Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

„Ich war überrascht, dass sich ein Gremium von Fachleuten darauf eingelassen hat, Literatur ausserhalb von Buchdeckeln zu orten.“

Ruedi_Stuber

Heiniger trifft Ruedi Stuber

Ist Liedermacherei Literatur? Aber sicher. Jedenfalls in der Schweizer Film-, Kabarett- und Schriftstellerhochburg Solothurn. Denn der neueste Literaturpreisträger der einstigen Römerstadt an der Aare heisst Ruedi Stuber. Und was er zu sagen hat, das singt er. Nun wird er zusammen mit Grössen wie Peter Bichsel oder Franz Hohler genannt. Und nicht zuletzt ich selber bin ja ganz stolz auf ihn, traf ich Ruedi Stuber doch zusammen mit Nils Althaus schon öfters zum „Liederpranger“, wo wir uns gegenseitig unsere neuesten Lieder vorstellen. – So begegnete ich denn auch gleich einigen „alten Bekannten“, als ich kurz vor dem folgenden Interview Ruedi Stubers neue CD „ STÜCK FÜR STÜCK SOLOTHURN“ hörte.

MH Wo gehen wir etwas trinken?Zeichnung

RS Im Palais Besenval war ich noch nie, seit es zum Restaurant umfunktioniert wurde. Aber es gibt eigentlich keinen Grund, nicht einmal hinzugehen.

MH Ach so, über das Besenval hast du auf deiner neuen CD ja auch ein Lied geschrieben. Eine prägende Figur für Solothurn, dieser Besenval?

RS Ja, die „Besenval“ waren eine Dynastie, die Solothurnische Geschichte schrieb. Sie kamen aus dem Aostatal, brachten es durch Handel zu Reichtum und Ansehen, nahmen diskret politischen Einfluss, pflegten gute Kontakte zum Sonnenkönig in Versailles und verhalfen ihm zu Söldnern. Der französische Hof zeigte sich dafür erkenntlich. – (Zum moralischen Aspekt dieser Fakten will ich mich jetzt nicht äussern.) Die Besenval verliessen Solothurn nach rund einem Jahrhundert wieder.

MH Sagt man hier eigentlich Solothurn oder Solodurn?

RS Mit dem weichen „d“ natürlich. – Du spielst auf „D wie Solodurn“ an, den Bonus-Track von Simon Chen auf meiner neuen CD. Unter uns: Ich behaupte, dass man in Solothurn kaum jemanden findet, der „Solodurn“ sagt. Ich sage „Soledurn“, allenfalls „Solädurn“. – An diesem Detail der Prononciation soll man sich nicht weiter aufhalten. Es stellt die grossen Qualitäten der kleinen Stadt ja nicht in Frage.

Unser Dialekt hat seine Eigenheiten, die Simon Chen toll herausmodelliert hat.
Uns kennt man eben daran, dass wir „Dischdennis“ (Tischtennis), „Dabulator“ (Tabulator) und „Füumdääg“ (Filmtage) sagen. Wer das anders ausspricht, hat in Solothurn den Nimbus eines Zugelaufenen.

MH Weshalb stehen in der Schweiz eigentlich gerade die beiden Aare-Städtchen Olten und Solothurn für Kleinkunst, Film und Literatur?

RS Für Solothurn war der erwähnte Einfluss Frankreichs in der Besenval-Zeit entscheidend. Die Stadt war über 260 Jahre Sitz der französischen Ambassade in der Eidgenossenschaft. Aus Frankreich floss viel Geld nach Solothurn. Damals entstand z. B. im Jesuitenkloster das erste Stadttheater der Schweiz. Der Einfluss Frankreichs ist in der Architektur unserer Stadt sichtbar. Und er hat bis auf den heutigen Tag im Programm kultureller Anlässe markante Spuren hinterlassen: In Solothurn gibt es gleich mehrere Kleintheater mit professionellem Programm, die Kulturfabrik Kofmehl zählt pro Saison 90‘000 Eintritte, in 2013 wurden 1‘466 Stadtführungen gebucht…. Zahlen, die für eine Stadt mit 15‘000 Einwohnern kaum zu glauben sind. Und wenn ich jetzt mit Aufzählen schon aufhöre, wird das böses Blut absetzen, weil ich mehrere wichtige Kulturträger übergangen habe. Ein Blick auf http://www.solopool.ch und / oder http://www.solothurn-city.ch/de/veranstaltungen/agenda.5296.htm illustriert das treffend.

Was Olten mit seinen Cabaret-Tagen angeht, ist meines Wissens einfach das Verdienst von Margrit und Peter Niklaus. Die beiden sind eine kulturelle Institution, die die Cabaret-Tage gegründet und das Pflänzchen gehegt haben. Jetzt sind die Cabaret-Tage in anderen Händen, der Anlass ist und bleibt ein Highlight nicht nur im Oltner Kulturkalender, sondern der Schweizer Cabaretszene..

MH Nun bist du also als einer, der in ganz jungen Jahren, nach Mani Matters Tod 1972, selber kurz Mitglied der legendären Berner Troubadours war, danach aber bald wieder seiner eigenen Wege ging, plötzlich Träger des Solothurner Literaturpreises.

RS So kurz war meine Troubadour-Zeit gar nicht.

MH Nein?

RS Sie dauerte von 1972 bis 1981.

MH Und was geschah dann?

RS 1981 hörte ich mit der Liedermacherei auf in der Vorstellung, das sei für immer. – Für mich hatte sich mit der Troubadours-Zeit ein Traum erfüllt und ich betrachtete diese Phase als tollen Lebensabschnitt. Ich legte die Gitarre zur Seite und machte ein Jahrzehnt Pause.

MH Und dann wurdest du rückfällig…

RS Ein Lied-Auftrag des Kantons Solothurn leitete meine Liedermacher-Renaissance ein. Man wünschte von mir ein Lied zur Eröffnung des „Palais Besenval“, das als kantonales Kultur- und Begegnungszentrum an der Aare eingeweiht werden sollte.

MH Und das Lied hat eingeschlagen?

RS Ja, offenbar. Es flogen mir wieder Engagements zu. – Seither sind bereits wieder 24 Jahre vergangen.

MH Gab es im Vorfeld der Preisverleihung eigentlich Diskussionen um das Genre, in dem du arbeitest? Hast du da etwas mitgekriegt?

RS Was diskutiert worden ist, geschah natürlich hinter verschlossenen Türen. Um einen Auszeichnungspreis kann man sich ja auch nicht bewerben. Ich erhielt eines Tages von Frau Landammann Gassler die völlig überraschende Mitteilung, der Regierungsrat habe mir den Preis für Literatur zugesprochen.

MH Was hat dich an diesem Preis am meisten gefreut?

RS Ich war positiv überrascht, dass sich ein Gremium von Fachleuten darauf eingelassen hat, Literatur ausserhalb von Buchdeckeln zu orten.

MH Was hat sich für dich verändert, seit dir dieser Preis zugedacht worden ist?

RS Leute, die oft in meine Konzerte kommen oder mich schon engagiert haben, fühlen sich in ihren Einschätzungen bestätigt. Wenn ich ihre Veranstaltungen besuche, nehmen das die Künstler oft explizit als Ausdruck meiner Wertschätzung wahr. Ich stelle auch fest, dass die Liedermacherei in unserer Gegend durch diesen Preis eine Emanzipation erfahren hat, salonfähiger geworden ist und eben als literarische Sparte wahrgenommen und gewürdigt wird.

MH Auf deiner neuen CD, die du zusammen mit deiner Band „Die schweigende Mehrheit“ aufgenommen hast, machst du Solothurn zum Thema. Ist dieses für dich damit soweit mal ausgelotet?

RS Nein. Ich habe schon lange ein „Solothurner Lied“ in Arbeit, das ich eigentlich noch gern auf der CD platziert hätte. – Ich werde auch weiterhin solothurnische Themen besingen. Das hat seinen Grund: Die meisten meiner Auftritte finden in und um Solothurn statt. Das Publikum mag es, wenn es an vertraute Orte geführt wird und dort bekannte Leute antrifft. Mit diesem Wiedererkennungseffekt arbeite ich gern.

MH Besingst du deine Stadt auch, wenn du zwischendurch mal weiter weg engagiert wirst?

RS Kaum. Ich schreibe seit über 40 Jahren Lieder und habe etwa 150 davon im Repertoire. Es macht mir auch Spass, zwei Stunden nur Brassens zu singen oder eigene Lieder über nicht solothurnische Themen.

MH In manchen deiner Lieder tauchen Geister und Gespenster auf. In „Kuoni“ sogar ein alter tyrannischer Vogt, der von seinen eigenen Leuten einst, von der Pest geschwächt, in einem fensterlosen Erker bei lebendigem Leibe eingemauert worden sein soll. Man geht davon aus, er liege noch heute dort. Nachgeschaut hat bislang keiner. Wie wirst du auf solche Spukgeschichten aufmerksam?

RS Bei Sagen bediene ich mich im Fundus einer 94-jährigen Kollegin – Elisabeth Pfluger. Sie ist Volkskundlerin, hat über 1000 Solothurner Sagen zusammengetragen und ist dafür schon mit dem solothurnischen Kulturpreis ausgezeichnet worden. Diese Geschichten eignen sich hervorragend für Lieder. S „Pfluegerbethli“ freut sich, wenn ich mich mit ihren Federn schmücke. Wir treten gelegentlich miteinander auf. – Auf der CD sind gleich fünf Lieder drauf, deren Stoff ich bei ihr abgekupfert habe.

MH Nicht zuletzt die Einsiedelei in der Verenaschlucht kennen ja auch viele Nicht-Solothurner. Beruhen deine nächtlichen Fahrradabkürzungen und – unfälle oder –beinaheunfälle dort eigentlich auf Tatsachen?

RS Ich bin täglich mit dem Velo unterwegs und fahre sogar nahe an der erwähnten Stelle vorbei. Aber die Strecke durch die Einsiedelei ist den Bewohnern von Rüttenen vorbehalten, die „im Besitz einer schriftlichen Bewilligung“ sind. Da gehöre ich nicht dazu. – Die Geschichte ist mir von einem „Schluchtradler mit Bewilligung“ zugetragen worden, dem das Malöör passiert sein soll.

MH Nebst dem Lied „OeBB-2“, das du einem kleinen Eisenbahn-Züglein widmest, das für Balsthal, wo du aufgewachsen bist, das Tor zur Welt bedeutet, ist auch „Buechibärger“ einer meiner Lieblingssongs deiner neuen CD. „Buechibärger“ figuriert allerdings schon auf einer anderen deiner Platten. Nämlich auf einer Aufnahme mit lauter Georges Brassens-Übersetzungen in deinen Solothurner Dialekt. Was für eine Arbeit! Wie kam es dazu?

RS Ich hörte von Brassens erstmals in einer stündigen Radiosendung über Reinhard Mey, die ich – wohl 1971 – auf meinen Kassettenrecorder aufzeichnete. Mey hatte in Berlin das französische Gymnasium besucht und kannte und sang Brassens auf Französisch. Bei den Troubadours war Brassens immer ein Thema. Mani Matter hat für zwei seiner frühen Texte Brassens-Melodien verwendet.

Man muss sich viele Freiheiten nehmen und um Himmels Willen nicht wörtlich übersetzen wollen.

Als ich mir Platten besorgte, stellte ich fest, dass ich zu wenig Französisch verstand um über Brassens mitdiskutieren zu können. Während meines Studiums zog ich dann für ein Jahr nach Paris, wo ich das nachholte und Brassens auch zweimal im Bobino hörte. Damals (um 1977) übersetzte ich bereits „Dans l’eau de la claire fontaine“ . „Le parapluie“ nahm ich in Angriff, schaffte es aber nicht. Der Entwurf blieb 20 Jahre liegen, bis ich ihn fertigschrieb. Nach und nach fand ich die Tricks heraus, mit denen man Brassens‘ Texten an den Pelz konnte und von da an begann es, Spass zu machen.

MH Wie geht das überhaupt, vom eleganten Französisch in einen urig wohlklingenden Alemannischen Dialekt zu übersetzen, ich meine rein handwerklich?

RS Man muss sich viele Freiheiten nehmen und um Himmels Willen nicht wörtlich übersetzen wollen. Man muss das (in der Mundart) fehlende Imparfait gelegentlich mit einem Präsens übersetzen. Man soll versuchen, in den Schweizer Köpfen die gleichen Bilder oder Gefühle wachzurufen, die Brassens in den boites crâniennes der Grande Nation hervorgerufen hat. Da muss man sich mitunter auf anderen Pfaden anschleichen. Und wenn etwas nicht aufgehen will, die Sache einfach gerade von der entgegengesetzten Seite her angehen.

Bref: Ich verwende die gleichen sprachlichen und lautmalerischen Mittel wie Brassens (Stabreim, Zeilensprung, Binnenreim) setze sie aber nicht auf „Teufel komm raus“ an den gleichen Stellen ein.

MH Lief das Brassens-Programm gut?

RS Ich hatte mir mehr erhofft. Was für mich zählt ist, dass ich die Übersetzungen gut finde. Auf die bin ich stolz. Die positivsten Reaktionen bekam ich von Welschen, die gut Dialekt verstehen. Ich bereue die Stunden nicht, die ich investiert habe. Und ich habe – bezüglich der Handwerkskunst– viel dazugelernt. Das waren sprachliche Fingerübungen. Dazu war Brassens für mich auch musikalisch ein Lehrmeister. Ich musste neue Harmonien und Griffe lernen. Davon profitiere ich bis heute.

Der Name Georges Brassens‘ ist am Verblassen. Die Menschen, die ihn als Ikone verehren, stehen in fortgeschrittenem Alter. – Ich hätte zehn Jahre früher mit Übersetzen beginnen sollen. Was mir viele Leute sagen: Brassens verwendet eine derbere, verschrobenere Sprache als ich. Er hat auch nicht den gleichen Humor. Es gibt Leute in meinem Publikum, die das irritiert hat. Wenn sie mich Brassens singen hörten, dann war ich für sie ein Fremder. – Doch damit kann ich leben. Dennoch: Man hat uns für nächsten November mit „Brassens Mundart“ nach Sierre engagiert.

Die Langeweile der Jugend begegnet der Einsamkeit des Alters

MH In deinen Live-Auftritten ist die „Hermine“ ein wahrer Hit. Die alte Heimbewohnerin Hermine wird von einem Sekundarschüler, der wegen Haschischkonsums eine Strafe verbüssen muss, im Rollstuhl ausgefahren. Die beiden schrägen Vögel freunden sich erstaunlicherweise an und Hermine steckt dem Jüngling beim Abschied noch etwas Geld zu, damit er sich gleich neuen Stoff besorgen kann. – Denn über eine weitere Bestrafung würde sie sich sehr freuen. – Wie sagst du schon wieder dazu?

RS Die Langeweile der Jugend begegnet der Einsamkeit des Alters. Kein anderes meiner Lieder hat mir so viele Reaktionen eingebracht.

MH Umwerfend. – (Blick auf die Uhr.) Ach ja, wir sollten wohl unseren Kaffee bezahlen.

RS Unsere Espressi waren heute wahre Longdrinks!

MH Vielen Dank! Und danke fürs Gespräch!

RS Auch dir vielen Dank.

Ruedi Stuber ist am 8. Februar 1953 in Balsthal geboren. Sein erstes eigenes Lied sang er als 17-Jähriger zur Hochzeit seines Bruders. Darauf erhielt er gleich seine ersten Engagements. Da gab‘s nichts Anderes als neue Lieder zu schreiben. Das tat Ruedi Stuber denn auch und 18 Monate später stand er an der Seite seiner grossen Vorbilder – der Berner Troubadours – auf der Bühne des Kleintheaters „Die Rampe“ an der Berner Kramgasse.

In den folgenden 10 Jahren trat Stuber an der Seite der Troubadours in Zürich, Basel, Luzern, Bern und Dutzenden von Schweizer Ortschaften auf. In dieser Zeit organisierte er in Solothurn mit Kollegen 5 „Schweizer Chanson Treffen“, an der sich die Crème der Schweizer Liedermacherszene in Konzerten begegnete und vor Publikum beschnupperte.

Von 1981 – 1990 kehrte Ruedi Stuber der Liedermacherei den Rücken zu. Ein Lied-Auftrag des Kantons Solothurn beendete die Abstinenz und führte zu einer zweiten Schaffensphase, die bis heute andauert. Neu stiessen 1990 Begleitmusiker dazu – „Die Schweigende Mehrheit“.

Heute tritt Stuber allein oder mit der Schweigenden Mehrheit auf. Neben einem Anerkennungspreis der Regiobank Solothurn 2010 wurde Ruedi Stuber Ende 2013 mit dem Auszeichnungspreis Literatur 2013 des Kantons Solothurn ausgezeichnet.

Er ist Mitglied der Liederlobby Schweiz, hat 6 Programme geschrieben, darunter „Georges Brassens Mundart“ und hat 4 CDs produziert.

Ruedi Stuber ist verheiratet, hat 3 erwachsene Kinder und lebt in Riedholz bei Solothurn.

Im Moment arbeitet er an einer Art Renaissance der Chanson Treffen in Solothurn: Der Anlass findet am 20. September 2014 auf Schloss Waldegg statt, nennt sich „Château Chanson“ und bringt am gleichen Tag zwei Konzerte mit insgesamt 6 LiedermacherInnen. Dazwischen gibt’s für alle Hörnli und Ghackets.

www.chateauchanson.ch. Die Liederlobby Schweiz tritt zusammen mit Schloss Waldegg als Veranstalter auf.

www.ruedistuber.ch

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