Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Fährmann – Live in Briescht

live_in_briescht

von Sophie Weigand

Eigentlich heißt er Alexander Bärike und kommt aus Berlin. Hier aber wollen wir als ,Fährmann‚ von ihm sprechen, schließlich tourt und musiziert er unter diesem Namen durch viele deutsche Städte, die Gitarre immer im Gepäck. ,Live in Briescht‚ ist eine Live-Doppel-CD, aufgenommen 2012 eben dort, in einem kleinen Dorf an der Spree, in der Alten Försterei. In Begleitung von Janek (Piano, Keyboard, Akkordeon) und Kathrin Wemmer (Geige, Gesang) präsentiert Fährmann in knapp einer Stunde ein so vielseitiges und einnehmendes Programm, dass man sich gern für diese Zeit vereinnahmen lässt. Von melancholischen Klängen, einprägsamen Melodien, Wortwitz und so sympathischen Zwischenmoderationen, dass man gern dabei gewesen wäre.

Ganz wie man es von einem Fährmann erwartet, weckt der Mann aus der Großstadt in uns das Fernweh. Ob nun in ,Vorstadtträume‚ oder ,So weit die Füße tragen‚, es geht um das gepflegte Ausbrechen, das Wegsein, das Suchen in der Weite. Oft liegt eine ganz zaghafte Melancholie in seinen Texten, eine Schwermut aber, die nicht lähmend, sondern aufrichtig ehrlich und inspirierend ist. Manch einer schöpft aus ebendieser Melancholie seine Kraft. Und wer das tut, muss sich einfach hineinfallen lassen in Lieder wie ,Fahr bitte nicht so weit hinaus‚ und ,Anna, komm lass uns verschwinden‚.

Aber der Fährmann, der außer der Gitarre auch noch der Mundharmonika herrliche Töne entlockt, kann nicht nur traurig und weltschmerzgebeugt. Ganz im Gegenteil. Mit Versen von Rusty Trawler und Iko (http://www.iko-berlin.de/) wird das Publikum in die hohe Form der humoristischen Dichtkunst eingeweiht. Man denkt ein bisschen an Heinz Erhardt und Loriot, wenn Fährmann voll Ernsthaftigkeit diese lyrischen Kleinode vorträgt, immer mit einer verzückend einfachen, deshalb aber nicht minder amüsanten Pointe. So erfahren wir vom ,Nacktschneck‚, Konflikten an Pfingsten und (fehlenden) Höschen beim Eiskunstlaufen. Die Verse lockern auf und lassen einen Künstler erkennen, der nicht nur leidenschaftlich auf der Bühne steht, sondern das auch zu transportieren weiß. Interaktionen mit dem Publikum sind keine leidige Nebensache, sie gehören zu einem gelungenen Konzert. Das macht diesen Mann mit dem Kahn voller Musik so sympathisch.

Neben den Ausflügen ins Lyrische geht es hier und da in Sachen Stimmung auch richtig zur Sache, dort, in der Alten Försterei. ,Ohne dich‚ wird, trotz ernstem Thema, zum absoluten Stimmungshit, der das Publikum restlos begeistert, ja beinahe von den Stühlen zu reißen scheint. Immer wieder wird nach einer Zugabe verlangt, sodass der Fährmann schon sagt: ,So, damit ihr jetzt wirklich geht, fegen wir euch jetzt raus.‘ Tatsächlich hätte wohl, vollkommen zu Recht, niemand etwas dagegen einzuwenden gehabt, das Konzert unwesentlich zu verlängern.

Alexander Bärike und seine musikalischen Begleiter entführen die Zuhörer auf eine abwechslungsreiche Reise, die schon der ganz verschiedenen Instrumente wegen so bereichernd und genussvoll ausfällt. In diesen Melodien und sehnsuchtsvollen Texten entdecken wir immer ein bisschen was von uns. Und so kommt es, dass ein Fährmann-Konzert offensichtlich nicht nur dem Gehör schmeichelt, sondern auch eben jenes Fernweh, jene diffuse Sehnsucht befriedigt, die manchmal in den Alltag einbricht. Ein Fährmann-Konzert ist eben eine Reise. An Orte, die aufzusuchen wir im täglichen Einerlei oft nicht die Zeit haben.

www.faehrmann-lieder.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. März 2014 von in 2014, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , .
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