Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Michael Riehm – Lebensspuren

 Lebensspuren

„Lebensspuren“, die nichts an Aktualität einbüßeneine CD des Künstlers Michael Riehm mit einer Sammlung aus den Jahren 1970 bis 2000

 von Anne Drerup

Für Liedermacher- und Kleinkunstfreunde könnte er zum Geheimtipp werden: Songschreiber und Maler Michael Riehm aus dem Saarland, der seit seinem 17. Lebensjahr, und somit seit über 40 Jahren, eigene Lieder schreibt. Dass man bis dato noch nicht viel von ihm gehört hat, mag daran liegen, dass er weder Kommerz noch große Öffentlichkeit mit seiner Musik verfolgt, sondern am liebsten in Ruhe an Kompositionen und Texten arbeitet. Umso schöner ist es, dass er nun eine Sammlung seiner Lieder auf CD gebracht hat und eine weitere aufnehmen möchte.

Lebensspuren – Lieder aus den Jahren 1970-2000“ lautet der passende Titel seiner CD, für die die Liedauswahl sehr schwer gefallen sein muss. Es sei vorab betont, dass die Lieder nicht chronologisch aufgenommen sind und es vom Höreindruck auch keinen Unterschied macht, ob die Entstehungszeit mehr oder weniger lang zurückliegt, da die Texte stark und zeitlos sind – sie haben gerade in puncto Gesellschaftskritik nichts an Aktualität verloren. Musikalisch bedient Michael Riehm verschiedene Stilrichtungen, bei einigen Melodien und von seiner Stimmfarbe sowie den Harmonien erinnert er an Simon & Garfunkel, natürlich aber auf Deutsch und mit ganz eigenen Texten. So zum Beispiel in „In mir verlor’n“ (1985) über Selbstreflexion und -findung, dem nachdenklichen „Niemandes Land“ (1987) oder dem leicht selbstironischen „Trübe Gedanken“ (1980) über das Verlassenwerden. Die spanisch anheimelden Klänge im Intro und Begleitung schaffen eigentlich eine heitere Atmosphäre, während das Ich unter einer Trennung leidet. So heißt es im Refrain: „Ich fühl mich so wie eine aufgeweichte Fliege, die in warmer Buttermilch verwest. Es wird vorbeigeh’n wie ein schnell gekomm’nes Fieber. Alles ist ein Stück Seligkeit!

Das Friedenslied „Bomben für die Armen“ (1990) enthält ebenfalls eine eingängige Melodie, lässt aber durch seine Aktualität besonders auf den kritischen Text hören: Denn Michael Riehm klagt darin den Waffenhandel und alle an der Waffenproduktion Beteiligten an, pocht auf Verwantwortung, besonders der folgenden Generation gegenüber („Was sagt ihr euren Kindern?“) und warnt im Refrain vom Bumerangeffekt der Gewalt: „Doch macht ihr weiter so, dann werdet ihr schon seh’n! Dann werfen Bomben euch die Armen, und euren eig’nen Kindern…“ Angesichts der vielen Krisenherde auf der Welt, Gewalt und Terror, und bislang keiner Verschärfung der Waffenhandelsgesetze sollte es ein Skandal sein, dass auch nach 24 Jahren ein solches Lied genauso wenn nicht mehr zutrifft denn je!

Einen Lösungsansatz könnten die Lieder bieten, die zum Aufbruch und Aufbau einer neuen, besseren Welt aufrufen, wie „Lasst uns das Paradies erproben“ (1980), das persönliche und energiegeladene „Deine Zeit“ (1987) oder das lebensbejahende „Land in Sicht“ (1980) („Hinter dem Gespenst der Welt ist Land zu sehen, dort will ich vertraute Wege wieder gehen“). Mut und Hoffnung bereitet auch das schwungvolle Loblied „Geistiges Brot“ (1997) im Cha-cha-cha-Rhythmus auf menschliche Vorbilder, die ihren Weg gegangen sind und auch nach ihrem Tod noch auf uns wirken: „Ihr seid mein geistiges Brot, ohne euch wär‘ ich tot.“ Dass Furcht uns Menschen daran hindert, uns aus schlechten und erstarrten Situationen zu befreien, deckt das eindrückliche „Fürchtet euch nicht“ (1985) auf: Während die Strophen düster klingen, bildet der hohe Refrain einen deutlichen Kontrast: „Fürchtet euch nicht! Die Angst vor Leid ist ein viel größeres Leid…“ bis hin zu „Fürchte dich nicht“, denn die Kreise in den Strophen ziehen sich immer enger – die Menschen, wir und schließlich du. „Kleine Höllen“ (1980) ließen sich demnach durchbrechen, auch wenn dies einiges an Bemühen erfordert: „Wieviele kleine Höllen mag es geben? Wie viele leben ein unerträgliches Leben? (…) Es geht immer weiter so. Immer wieder, wieder von vorn!

Das Thema „Liebe“ fehlt auch nicht in der Auswahl der Lieder, auch wenn eine eher traurige, melancholische Stimmung vorherrscht: Da gibt es das bluesartige „Nachmittagssonne“ (1975) über eine vermisste Person, „Mirabellenbaum“ (1974) über das Ende eines Sommers und einer Liebe (mit viel Phantasie lassen sich Parallelen zu Brechts „Erinnerungen an die Marie A.“ erkennen) und das jüngere Lied „Täuschung“ (1998), das die geliebte Frau plötzlich glanzlos und enttäuscht betrachten lässt.

Was neben den starken kritischen Texten und Aufrufstücken als Themenschwerpunkt auffällt, ist die Persönlichkeitsentwicklung als Lebensaufgabe. So zeigen „Fährmann“ (1986) , ein Jazzstück über die Lebensreise, und „Bis auch dieser Tag“ (1979) Unzufriedenheit über Sinnlosigkeit und den Willen zur Veränderung. Im Kontrast dazu stehen „Am Ende“ (1980), das sich mit dem Kreislauf des Lebens und dem Älterwerden und der damit verbundenen Hilflosigkeit auseinandersetzt, sowie „Sommerzeit“ (1982), das ein zufriedenes Gefühl in der Lebensmitte erkennen lässt und poetisch den Sommer beschreibt. „Ruhelos ist dein Herz“(1991) könnte hingegen auch einem erwachsenen Kind gewidmet sein, das seinen eigenen Weg sucht und verfolgt: „Niemand sonst, der sich um dich sorgt, niemand sonst, der dich vermisst. (…) Ruhelos ist dein Herz, treibt dich immer weiter fort von mir!“ Zumindest die Widmung der CD an die Söhne Benjamin und David könnten eine solche Interpretation zulassen.

Schließlich spielt auch Gott bzw. das Göttliche im Leben und Werk des Künstlers Riehm eine Rolle. Am deutlichsten wird dies in „Gott ist ein Träumer“ (1984), aber auch in „Überall bist du“ (1982) sowie dem jüngsten Lied der CD „Wer wird bei dir sein“ (1999), einer Ballade, die Fragen aufwirft, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Bei der CD „Lebensspuren“ handelt es sich um ein kleines Meisterwerk verschiedener Musikstile und typischer Liedermacherthemen und -texte. Wer den Klang von Simon & Garfunkel schätzt, kommt mit der Musik von Michael Riehm voll auf seine Kosten.

Aber auch den Liebhabern sozialkritischer, zeitloser Texte sei die CD empfohlen. Bestellen kann man sie über die Homepage des Künstlers http://www.michael-riehm.de. Hier lassen sich auch die Termine der – zugegeben noch selten! – stattfindenen Konzerte, sowie kleine Musikvideos auf Youtube ansehen.

Es gibt nur von einer Handvoll Songs die Texte im Booklet abgedruckt, was zu genauerem Hinhören verleitet. Wer aber sich auch gerne nur auf den Text fokussieren mag, dem bleibt die Hoffnung, dass die Rubrik „Songtexte“ auf der Homepage noch erweitert wird. Auch was eine weitere CD betrifft, bleibt mit Spannung abzuwarten.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. März 2014 von in 2014, Plattenbesprechungen, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , .
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