Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Interview mit Clickclickdecker (Kevin Hamann)

 

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Bremen ausgerechnet am Derby-Tag aufzusuchen, ist nicht unbedingt die beste Idee der Welt. Die erste Herausforderung besteht darin, den Weg aus dem Hauptbahnhof zu schaffen, ohne in eine Prügelei zu geraten oder zum falschen Ausgang zu geraten. Nachdem das geschafft ist, begebe ich mich zum Tower, der ja direkt am Bahnhof liegt. Umgeben von Polizeiautos und pöbelnden Fans beider Lager (HSV oder Werder Bremen) überquere ich also die Straße und laufe Kevin quasi in die Arme, der eigentlich gerade auf dem Weg zum Abendessen ist und vom Interviewtermin nichts weiß. Dennoch ist er sofort bereit, die Nahrungsaufnahme etwas zu verschieben und sich den Fragen zu stellen. Clickclickdecker am letzten Tourtag in Bremen:

EAL: Ihr habt das neue Album in ziemlicher Abgeschiedenheit aufgenommen und dazu auch einen ausführlichen Film gedreht. Wo seht ihr die Vorteile und wo die Nachteile eurer Wahl?

Clickclickdecker: Die Vorteile waren, dass der Ort abgeschieden und magisch war. Die Platte hätte nie so geklungen, wie sie klingt, wenn der Ort mit seinen ganzen Gegebenheiten nicht gewesen wäre. Der Ort war schlicht wichtig für die Platte. Nachteile gab es gar nicht, wir wollten einfach nur raus und ins Nirgendwo.

EAL: Mittlerweile ist Clickclickdecker ja tatsächlich ein Duo. Was ist wichtig, um so eng miteinander arbeiten zu können und das auch noch erfolgreich?

Clickclickdecker: Oh… [Pause] Vertrauen. Vertrauen ist total wichtig. Olli und ich, wir vertrauen uns. Nicht nur menschlich, sondern auch musikalisch, man kann sich beim anderen einfach fallen lassen und andersherum den anderen auffangen. So kommt man dann irgendwie zu einem Ziel, auf eine gute Weise und hält es lange miteinander aus. Ob das nun erfolgreich ist, muss sich noch zeigen.

EAL: Viele, mit denen ich über die Texte von euch rede, halten sie für sehr kryptisch. Sind sie das, oder was ist der Grund, sich vergleichsweise uneindeutig auszudrücken?

Clickclickdecker: Ich sehe das auch so. Es ist ganz klar so, dass ich es darauf anlege, zu codieren. Auf der einen Seite beschränke ich mich, die Einfachheit des Alltags zu beschreiben, diese andererseits aber so zu verklausulieren, dass sich noch andere Ebenen öffnen und der Hörer sich eigene Gedanken machen kann. Ich habe unglaublichen Spaß an der Arbeit mit sprachlichen Collagen.

EAL: Ich persönlich nutze viele deiner Textzeilen als Zitate. Ist das in deinem Sinne?

Clickclickdecker: Ich zitiere ja selbst, füge nur zusammen, was ich höre und formuliere es aus, drehe es hin und her, bis es in meinen Ohren schön klingt. Ich mache ja nichts anderes.

EAL: Erst Text, dann Musik oder umgekehrt? Oder ganz anders?

Clickclickdecker: Ganz anders nicht, aber immer unterschiedlich. Manchmal funktioniert es auch gleichzeitig, wobei ich schlecht zur gleichen Zeit Gitarre spielen kann und texten. Mal ist der Text zuerst da, mal die Melodie, man nimmt es, wie es kommt.

EAL: Hast du wirklich das Talent für den schlechten Moment?

Clickclickdecker: Ja. Absolut. Auch das ist eine normale Alltagsbeschreibung und auch ein Abbild von mir selbst. Theoretisch geht es um die Tollpatschigkeit aller, aber eigentlich geht es in erster Linie um mich. Natürlich gibt es auch mal Adressaten, aber wenn ich prinzipiell in der Ich-Form schreibe und singe, dann meine ich auch mich selbst.

EAL: „Der ganze halbe Liter“ begleitet mich seit vielen Jahren und ist auch in meinem Freundeskreis einer der „Hits“, trotz durchaus großer Altersunterschiede. Kannst du dir erklären, warum gerade dieser Song immer wieder auch auf Konzerten gewünscht wird?

Clickclickdecker: Ich weiß es nicht, das kann ich schlecht einschätzen. Vielleicht ist es die Einfachheit des Songs, der sehr reduziert ist, auf den Punkt gebracht, mit eingängiger Melodie.

EAL: Hamburg scheint eine große Musikerfamilie zu sein, wenn man so von außen drauf schaut. Erkennbar etwa an deiner ersten großen Tour mit Kettcar oder auch an dem gegenseitigen Covern, wie etwa kürzlich bei Spaceman Spiff und dir. Ist das tatsächlich eine eingeschworene Gemeinschaft oder eher ein geschöntes Bild?

Clickclickdecker: Es hat von beidem etwas, ich will das jetzt natürlich nicht entmystifizieren, denn die Leute wollen das ja auch so sehen. Manchmal wird etwas dazugetextet oder aufgebauscht, was gar nicht da ist. Aber man sieht sich natürlich häufig und lernt sich auch gerne kennen. Bei Hannes ist es zum Beispiel so, dass wir im selben Viertel wohnen, aber wir waren noch nie ein Bier zusammen trinken, wir treffen uns aber auf der Straße und schnacken dann einfach. Und bei den Platten war es so, dass sie ja nahezu gleichzeitig raus kamen und wir uns unser Material auch vorher schon gegenseitig zugeschickt hatten. Wir wollten uns gegenseitig unterstützen und uns eben nicht im Wege stehen und da hieß es dann schnell: „Komm, wir covern uns einfach gegenseitig!“ Wir mögen auch die Sachen des jeweils Anderen sehr gerne. Da war dann die Geste dem Konkurrenzdenken vorgezogen.

EAL: Habt ihr beide Zivildienst gemacht? Warum ist es gut bzw. schlecht, dass es ihn nicht mehr gibt?

Clickclickdecker: Dass es schlecht ist, merke ich einfach auf der Arbeit. Da fallen eben die Zivis, bzw. Buftis weg. Die Motivation der Leute ist auch weniger geworden. Ich kam damals aus der Ausbildung und hatte direkt die Möglichkeit, Geld zu verdienen und das nicht ganz schlecht. Zudem waren es nur 13 Monate, ein absehbarer Zeitraum, man muss sich in nichts verbeißen. Sinnvoll ist der Zivildienst natürlich allemal.

EAL: Du arbeitest bei Barner 16 und damit durchaus inklusiv. Ich arbeite an einer Stadtteilschule als Sonderschullehrer und habe somit auch Erfahrung in dem Bereich. Was siehst du in ihm positiv und wo gibt es Schwierigkeiten? Hältst du jeden Menschen für „integrierbar“? Wie stehst du zur Inklusion?

Clickclickdecker: Ich kann zur Inklusion im schulischen Bereich eigentlich gar nichts sagen. Für mich ist das ein Begriff, der vorgeschoben wird, etwas muss jetzt so und so laufen, aber eigentlich ändert sich nicht wirklich etwas, vielmehr muss einfach nur ein weiterer Punkt abgehandelt werden. Daher habe ich mich nicht mit dem schulischen Bereich befasst. In meinem Betrieb ist es so, dass er schon immer inklusiv war, das aber jetzt erst so benannt wird. Bei uns hat jeder den gleichen Stellenwert, es wird nicht der einzelne, sondern die Band gesehen. Ich bin da Gruppenleiter und kümmere mich auch um Koordinationssachen, aber ich erfülle keine pädagogische Funktion, die Menschen sind durchaus selbstständig.

EAL: Bei der schulischen Inklusion denke ich oft, dass sie nach einem Schuss in den Ofen klingt, man in ein paar Jahren merken wird, „huch, das war doch etwas schnell“, nur leider kann man das Ganze dann nicht mehr rückgängig machen. Das ist ja häufig das Problem in diesen Sachen. Und ausbaden müssen das dann ja eh andere.

Interview: Simon-Dominik Otte

Lesen Sie auch die Rezension zum aktuellen Album „Ich glaub dir gar nichts und irgendwie doch alles“ : Hier klicken.

www.clickclickdecker.de

Foto (co) Sophie Krische

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