Ein Achtel Lorbeerblatt

Das Liedermacher-, Chanson- und Kleinkunstmagazin

Rezension: Tante Polly – Tante Polly macht Hitzefrei (Hitzefrei)

TANTEPOLLY_HITZEFREI_COVER_RGB_1

von Simon-Dominik Otte

Nach dem Releasekonzert hatte ich doppelt so viel Lust, endlich Tante Pollys neues Werk in den Händen zu halten. Dort wollte ich es allerdings nicht lange belassen, vielmehr sollte es sehr schnell den Weg in meinen CD-Player nehmen, um endlich Gehör zu finden. Wenn auch das Wetter draußen noch nicht so ganz nach Hitzefrei aussieht, Tante Polly machen einfach schon mal blau. Natürlich perfekt gekleidet in blau-weiß gestreiften Badeanzügen der… nun ja… etwas älteren Sorte. Aber wer’s tragen kann…

Jetzt aber zur Musik. Denn die ist so abwechslungsreich und so positiv (bei aller Melancholie), so ganz und gar kein „Reisender ohne Ziel“, Tante Polly weiß immer ganz genau, wo es hingehen soll. Die Mittel sind vielfältig, mal wird ordentlich geswingt, dann wieder mehr gejazzt oder gefunkt, auch der Ska bekommt seine Einsätze und mit „Kamerunkai“ haben die Männer aus Deutschlands Norden eine der wohl eindrucksvollsten Klavierballaden der letzten Jahrzehnte geschrieben. Dieses – übrigens auch mit einem ganz herrlichen Video versehene – Stück erzählt die traurige Geschichte eines alten Gitarristen, der am titelgebenden Kai sitzt und den es vielleicht auch gar nicht gibt. Er sitzt am Hafen, singt von seiner Geliebten und „spuckt in die Elbe“. Nicht nur in diesem Song erkennt man Tante Pollys Nähe zu ihrer Heimat und auch dem Wasser.

Aber natürlich können Tante Polly auch weiterhin witzig und beeindrucken mit treffenden Reimen und immer der richtigen Musikauswahl zum richtigen Text. Wie etwa beim schlageresken „Du hast studiert“ oder dem Ska-Hit „Du bist schön wenn du nackt bist“, der die Abgründe, aber auch die Möglichkeiten einer kleinen Affäre aufzeigt.

Wird er mich schlagen? Ich weiß es nicht. Vielleicht in den Magen. Vielleicht ins Gesicht.“ Tja, die Probleme des Alltags. Mal wieder perfekt in Worte gefasst von Tante Polly aus der Wahlheimat St. Pauli. Und wer kennt nicht diesen Moment: „Du hörst zur Erinnerung an Liebe und Glück eure alten Lieder / dann schnappen sie dich und merken: du hast es nicht drauf“? Da bleibt dann wirklich nur noch „Gib auf, gib doch auf, scheiß doch drauf.“ Und das ist dann tatsächlich der beste Ausweg aus dem Unglück. Auch, wenn natürlich der alte Kollege „Zweifel“ bleibt, denn egal, wohin man geht, er wartet dort schon auf uns und „klebt wie Pech an deinen Schuhen“. So ist es eben, das Leben. Und es ist gut, dass Tante Polly auf ihre eigene, sehr eindringliche Art, genau auch darauf hinweisen und den Finger in diverse Wunden legen, ohne dabei aber den Schmerz zu verstärken, sie lindern ihn durch ihre Worte und selbstverständlich auch die besondere Vertonung sehr viel eher.

Mit den beiden abschließenden Stücken „Tante Polli“ (das sicherlich so etwas wie eine Erkennungsmelodie werden dürfte, wenn sie das nicht schon ist) und „Sankt Pauli bei Nacht“ zeigen Tante Polly in herausragender Weise ihr ganzes Können, egal, ob es sich auf die instrumentelle oder die lyrische Ebene bezieht. Da wird schon fast gerappt, was auch textlich hervorragend passt (es geht schließlich um Selbstbefriedigung und Erektionen und ähnliche Dinge). „Was ham wir nicht alles schon durchgemacht, mein Sankt Pauli, Sankt Pauli bei Nacht.“ Selbst Hans Albers bekommt also schließlich noch sein Fett weg.

Fast schon blasphemisch verlassen uns Tante Polly dann endgültig mit dem „Radioabschied“ und Papst Franziskus I. Sommersegen: „Hitzefrei!“, der dann auch passend im Klostergesang verkündet wird.

Tante Polly macht Hitzefrei. Und es ist mehr als schön, dass wir dabei sein dürfen.

www.tante-polly.com

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