Ein Achtel Lorbeerblatt

Der Lied- & Chansonblog von David Wonschewski

Rezension: Rainald Grebe – Berliner Republik

Berliner_Republik

von Sophie Weigand

Rainald Grebe gilt als der Dadaist der Kleinkunstszene, experimentell, eigenwillig, absurd komisch und dabei doch stets auf den Punkt. Seit ,Brandenburg‚ ist der ausgebildete Puppenspieler aus der Nähe von Köln sehr vielen ein Begriff, den meisten aber eben doch nur wegen dieser Hymne auf ein deutsches Bundesland zweifelhaften Charmes. Dabei ist Grebe bedeutend vielseitiger und lohnt einen zweiten Blick, sei es nun auf Theaterbühnen oder mit Musik am Klavier. ,Berliner Republik‚ heißt nun sein neues Album, das er nach dem Solo-Projekt ,Das Rainald Grebe Konzert‚ wieder mit dem bekannten Orchester der Versöhnung, mit Marcus Baumgart, Martin Brauer und anderen aufgenommen hat.

,Berliner Republik‚ ist ein furioses Stück Anti-Kunst, eine passgenaue Bestandsaufnahme deutschen Lebens und Erlebens durch die Brillengläser des Absurden. Auf dieser Doppel-CD, aufgenommen im Berliner Admiralspalast, erschafft Grebe ein Panoptikum von Momentaufnahmen und Eindrücken, die, trotzdem man erst einmal geneigt ist, darüber zu lachen, auch noch nach Verklingen des jeweiligen Stückes nachwirken. Viel muss man heutzutage nicht mehr nachjustieren, wenn man einen Umstand absurd erscheinen lassen will, das weiß auch Grebe.

Öfter schon ging es bei ihm um die Beschleunigung, um die Reizüberflutung, das unvermeidliche Überangebot an Eindrücken, denen man sich schwer entziehen kann. Das Stück ,Multitasker‚ treibt diesen Wahnsinn nun in gewohnt komischer Manier auf die Spitze. ,Ich red mit Fred, sims dabei mit Klaus, telefonier dabei mit Pia und seh unterfordert aus – ich bin Multitasker‘. ,Art‚ hingegen verulkt das weltferne Selbstverständnis manch eines Künstlers, der sich schon allein durch sein künstlerisches Schaffen als Teil eines höheren Projekts begreift. Das Künstlerdasein als Selbstverständnis, so etwas ist Rainald Grebe wohltuend fremd. Er ist frei von artifiziellen Spleens und diesen gewissen Ansprüchen, die manch einer mit steigender Bekanntheit entwickelt. Grebe ist authentisch, das schlägt sich, so anarchisch sie manchmal ist, auch in seiner Musik nieder. Ohrenschmeichelnde Piano-Melodien, eingängige Tonfolgen sucht man bei Rainald Grebe oft vergebens – nicht immer allerdings, wenn man sich ,Loch im Himmel‚ von dieser Platte oder sein letztes Solo-Programm ansieht! -, bei einem Lied von Rainald Grebe geht es oft vielmehr um Text, um ein Gesamthappening, ein künstlerisches Erlebnis auf mehreren Ebenen.

Oft schon hat er sich hineinversetzt in die großen, mehr oder weniger bedeutsamen Lenker unserer Zeit. In den ,Diktator der Herzen‚, in unseren Bundespräsidenten oder in einen Milliardär, reich geworden durch Überstunden und Pflichtbewusstsein. Auch jetzt nimmt er wieder eine neue Perspektive ein, die des ‚Fürst von Liechtenstein‚, ein Mann, der zwar klingt wie aus einem Märchenbuch, aber immer noch – wahrhaftig – quicklebendig über sein Liechtenstein herrscht. Es geht auf dem neuen Album viel um Öffentlichkeit und das Leben auf Reisen, so zu hören in ,Öffentlichkeit‚, ,Heimat‚ oder dem titelgebenden ,Berliner Republik‚. Beides sind zweischneidige Schwerter, man gewinnt und man verliert. Etwas und womöglich jemanden.

Grebe singt über Crowdfunding, Stollen im Juli, seltsame Ernährungsgewohnheiten über den sommerlichen Stollen hinaus, über Politikverdrossenheit und Selbstverwirklichungswahn. Ihm gelingt es bravourös, diesen gelobten Selbstverständlichkeiten die Maske zu entreißen, unsere Werte von Flexibilität, Einsatz, Marktwert und Leistung vom Thron zu stoßen, sie als das zu entlarven, was sie sind – ins Widersinnige gesteigerter Nonsens. Aber Rainald Grebe ist niemals belehrend, niemals hebt er den Zeigefinger, er ist bisweilen genauso rat – und machtlos wie wir alle. Bloß gibt ihm sein texterisches, sein szenisches Talent ein Instrument der Darstellung, das den meisten anderen nicht gegeben ist. Grebe sitzt auf keinem hohen Ross, er schwadroniert nicht hochgebildet über das, was falsch läuft, schief, verquer. Er stellt es dar. ,Ich werd das hier nicht ändern, ich werd nur drüber singen‘, heißt es in ,Kutsche‚. Das aber tut er nicht erst seit ,Brandenburg‚ auf einem anhaltend hohen Niveau, – selbst dann, wenn er leidenschaftlich dadaistische Verse vorträgt.

www.rainaldgrebe.de

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